Pilgern - Erfahrungsberichte

Von Hess. Lichtenau nach Germerode

von Vesna Doll (11.07.2013)

5. Tag auf dem Pilgerweg von Hephata Treysa zum Hülfensberg 06. - 14.07.2013
11. Juli 2013

Tagesetappe: Hessisch Lichtenau nach Germerode

Wir werden jeden Morgen von Jacqueline geweckt mit dem Lied:
.....Danke, danke für die Schönheit, danke für die Farben, danke für das Licht. Danke, danke für das Leben, danke für die Liebe und diesen Augenblick.Danke, danke für die Freiheit, danke für die Freude und für die Musik....

Ich packe meinen Koffer, wasche und ziehe mich an, rolle Liegematte und Schlafsack zusammen und bringe das Gepäck zum Transporter nach draußen. Zwei Alleinpilger sind gestern Abend auch hier angekommen, einer steht schon hilfsbereit an der Treppe und nimmt meinen Koffer. Ich freue mich und bin dankbar, die langen Pilgerwege haben mich schon sehr beansprucht bisher.
Beim Frühstück.
Wir haben heute ein Geburtstagskind. Jürgen. Viele von uns gratulieren ihm gleich und Jürgen bekommt ein Wunschlied geschenkt. ‚Pilger sind wir Menschen‘ wünscht Jürgen und bekommt es umgehend und noch eins dazu. ‚viel Glück und viel Segen auf all deinen Wegen‘.
Nun folgen organisatorische Ansagen und dann frühstücken wir gemeinsam. Danach gehen wir in die Katholische Kirche in Hessisch Lichtenau und feiern Gottesdienst um 7.30 Uhr mit Bruder Rolf.
Mir fällt auf, dass mein Husten, mit dem ich am ersten Pilgertag angereist bin sich inzwischen gelöst hat. Das liegt wohl an den Wegen und den guten Gesprächen, die ich bisher unterwegs hatte oder an den Gebeten und Liedern. Was es auch war, es hat gut geholfen.

Sieglinde liest: ‚Freude im Hause Gottes‘... und Magdalena die ‚Lesung aus dem 2. Petrusbrief‘... im Gottesdienst und als wir alle zum Lied Nr. 47 anstimmen, bekomme ich eine Gänsehaut. Dieses Lied mag ich besonders gern: ‚Ich lobe meinen Gott...‘ Eine wunderschöne Melodie und von meinen Mitpilgern gesungen, was für ein Genuß. Ich bin von ganzem Herzen dankbar hier dabei zu sein. Jedes Jahr sind wieder so wunderbare Stimmen dabei wie: Cordula, Magdalena, Heike, Pilgerbruder Kurt, der bis gestern Abend mit uns unterwegs war und viele andere.
Die Prädigt von Sieglinde ist eine Erzählung über ihren Geburtstag, ihren fünfzigsten... in der Mitte des Lebens angekommen !?... auch bei den Menschen angekommen !? ... wo im Leben bin ich angekommen !? ... Glück genießen. ... sich darüber freuen...
Die Kirche ist sehr schön. Am Altar rechts drei brennende weiße Kerzen, links an der Wand eine Holzskulptur Maria mit einer Krone auf dem Kopf und Jesukind auf dem Arm unter ihrem Mantel schutzsuchende Menschen. Ein doppelt aussehendes, ungewöhnliches und golden leuchtendes Kreuz hängt über dem Altar.
Nach der Kommunion wird ‚Freunde dass der Mandelzweig‘ gesungen... hmmm das braucht keine Worte mehr.
Und zum Abschlus noch singen wir sitzend, um die Füsse für den bevorstehenden Weg zu schonen ‚vertraut den neuen Wegen‘. Wir machen uns auf den Weg umgehen den Meißner über den Franzosenweg nach Reichenbach. Unser Streckenmeister heute ist Manfred. Manfred spricht von der Mohnblüte in Germerode. In Germerode ist Manfred zuhause. Wir träumen nun davon zwischen den blühenden Mohnblüten zu gehen.
Vor der Punkta werden hier im Freien zwei neue Mitpilger begrüßt, Renate und Hans sind dazugekommen. Norbert begrüßt sie im Namen von uns allen und sie bekommen auch das Pilgerzeichen.
Die Punkta:
Wolfgang erzählt von Mutter Eva und ihrem Leben, die in schweren Zeit auf Gott vertraut hat und entlässt uns ins Schweigen mit der Frage:
wo im Leben habe ich schon mal so auf Gott vertraut wie Mutter Eva?

Schweigend gehen wir bergauf, Steine rollen unter unseren Schuhen, dann später, viel später sehen wir Bänke im Wald, gehen darauf zu. Doch hier machen wir noch nicht Rast. Es geht an den Bänken vorbei weiter und eine letzte kleine Steigung, eine Treppe mit kleinen Pilzen übersät, nun erreichen wir Burg Reichenbach und können uns kurz ausruhen. Hier haben wir fünfzehn Minuten Pause. Wolfgang wiederholt auf einer von Spitzwegerich übersäten Wiese die Frage der Schweigezeit nochmal und löst das Schweigen auf.

Nach der Pause gehen wir weiter nach Reichenbach.
In Reichenbach in der um 900 gebauten Kirche, das ehemals ein Kloster und Deutschordenskirche war wurde das Ostfenster entfernt und daher kann hier leider kein Ostlicht mehr eindringen. Aus rätselhaften Gründen wurde dann lange Zeit vergessen, dass die Kirche mal größer war. Auch Reichenbach war mal viel größer. Also damals sagte man auch ‚Kassel bei Reichenbach‘. Das können wir uns nun bei der Größe von Reichenbach nicht vorstellen. Das alles erfahren wir von Pfarrerin Dorothé, die uns vorschlägt den Kanon ‚O Jeshua‘ zu singen. wunderbare Idee. Diese Räume hier in dieser Kirche wurden für das Singen gebaut. Der besondere Klang lässt uns etwas von einer höheren Ebene fühlen. Wir beten danach gemeinsam das Vater Unser. Bruder Rolf singt einen Psalm und der Klang ist wieder so wunderbar himmlisch. Ja, diese Räume wurden für diese besonderen Gesänge gebaut. Auch Cordulas himmlische Stimme mit Ave Maria ist ein Genuß in dieser Kirche der unvergeßlich bleibt. Wir nehmen Anliegen der Pfarrgemeinde von Pfarrerin Dorothé mit und gehen weiter.
Nach einer Weile sehen wir unseren gelben Wagen, wo Jens schon mit lauter guten Sachen auf uns wartet. Wir stärken uns erstmal und machen uns auf dem Sportplatz breit. Ein sehr schönes entspanntes Bild. Die Pilger verstreut über das Gelände, teils in der Sonne, teils im Schatten liegend und schlafend oder in vertrauten Gesprächen einander zugewandt.
Um 14.15 Uhr ertönt die Glocke. Bibelteilen vor dem Weitergehen. Math. 17, 1-7.
Vor dem Weitergehen wird noch die Aufteilung des Lagers in Germerode besprochen. Dort gibt es 31 Betten. Das heißt also, dass die Hälfte der Pilger in einem Bett schlafen kann. Hier hat Ulrike die sehr gute Idee, dass jeder Pilger einem anderen ein Bett schenken möge. Das soll nun unterwegs geschehen. Bin sehr gespannt, wie das klappen wird.
In Germerode kommen wir an, nachdem wir wie jeden Tag einen Teil des Weges mit Rosenkranz- und Herzensgebet gegangen sind.
Die blühenden Mohnfelder, die uns Manfred versprochen hat, sind an jeder Lichtsäule mit Plakaten beworben, sind nicht mehr weit. Trotz der langen Etappe heute wollen die meisten von uns diese blühenden Felder gerne sehen. Wir gehen los, quer durch Germerode. Leider sind die blühenden Felder nur aus der Ferne zu sehen, es ist uns zu weit, dort außerhalb vom Ort noch hinzulaufen.
Die Aufteilung der Zimmer hat bestens geklappt. Ganz problemlos. Super Idee.
Mit einer leckeren Suppe gestärkt und mit einem Schokopudding verwöhnt ist das gemeinsame Entladen des Gepäcks ein lustiges Unternehmen und geht leicht von der Hand. Ein weiterer Luxus für uns Pilger lässt unsere Laune noch höher steigen: Es gibt hier reichlich Duschen.
Im Klostergarten treffen wir uns und feiern Jürgens Geburtstag. Manfred erzählt uns die Biographie des Klosters verbunden mit seiner eigenen Biographie. Dann geht es zur Komplet um 21.30 Uhr. Anschließend ist Schweigezeit bis zum Morgen.
Die Kirche ist die ganze Nacht offen, eine schöne Ikone sanft beleuchtet mit Kerzen wartet hier die ganze Nacht. Wir können einzeln unsere Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen und Danksagungen in der Stille Gott anvertrauen. Das mache ich bald damit die Nacht zum Schlafen länger für mich ist. Dankbar für diesen erfüllenden Tag lege ich mich in mein Bett, das mir Helga, die gerne draußen schläft, heute geschenkt hat. Danke Helga.