Pilgern - Erfahrungsberichte

27.07.2014 Von Kloster Volkenroda nach Mühlhausen

von Manfred und Karin Backhaus

27.07.14 Von Volkenroda nach Mühlhausen - von Manfred und Karin Backhaus

Ein fröhliches Guten-Morgen-Lied auf einem Akkordeon gespielt weckt mich auf. Ich orientiere mich: allein (zum allerletzten Mal in dieser Woche) liege ich in einem Heuhotel. Ein kleiner Bauwagen mit Stroh ausgelegt. Heute ist Sonntag, der Gottesdienst findet erst um 10 Uhr statt, somit ist viel Zeit. Zum Frühstück gibt es Kaffee, auch eine Neuerung gegenüber vergangenen Zeiten, wo die Willis nur auf "Rezept" ganz früh ein Tässchen ausschenkten. Ja, es sind vier Jahre vergangen, seit ich das letzte Mal mitgepilgert bin.

Nach dem Frühstück stellt Manfred Gerland sein neues Buch vor: "Männlich glauben". Über Männer und ihre Religiosität oder die Feminisierung von Kirche. Das paßt gut, sind bei unserer Pilgergruppe doch die Männer eine Minderheit. Ca. 40 Frauen, aber nur 7 Männer, wovon 3 Pfarrer und 2 in der Leitung sind. Bleiben Wolfgang, später Norbert und ich, das ist kärglich.

Beim Gottesdienst im riesigen Christus-Pavillon predigt Michael über das Psalmwort (Psalm 18,20) "Er führt mich hinaus ins Weite". Das ist auch das Motto unseres Pilgerwegs: Gott führt uns hinaus ins Weite; hinaus aus unseren Bedrängungen und Begrenzungen, hinaus aus dem, was uns gefangen hält. Und, ganz konkret und wunderbar jeden Tag auf diesem Pilgerweg, hinaus in Gottes herrliche Natur, in den weiten Raum des Eichsfelds.
Jetzt endlich, es ist gleich Mittag, geht es los, hinaus ins Weite. Hinaus aus Volkenroda, durch Wiesen und Felder auf sonnigem Weg bis nach Grabe, wo wir Rast und Bibelteilen machen. Durch die Nachmittagshitze weiter über schöne Wiesenwege.

Margit sucht für ihre zwei jungen Pilgerschwestern aus einer freien evangelischen Gemeinde noch einen Katholiken, das für Leonie und Myriel unbekannte Wesen. Und so entwickelt sich beim Laufen, auch über die nächsten Tage hinweg, ein intensiver Austausch, ein Frage- und Antwort-Spiel über liturgische Formen und Gebräuche bei einer katholischen Meßfeier, über den Papst, Heilige, Rosenkranz-Beten und vieles andere, was nicht-katholischen Christen oft unbekannt und rätselhaft ist.

Auf unserem Weg über Görmar nach Mühlhausen beginnen wir auch wieder mit den Pilgerritualen "Rosenkranz" und "Herzensgebet".- Heute ist der Weg kurz, und so erreichen wir bald Mühlhausen und gehen mit dem Kreuz voran durch die Fußgängerzone in der schönen Altstadt, vorbei an den Sonntagsnachmittagsbummlern und den gut gefüllten Eiscafés zur evangelischen Kirche St. Petri. Leider gibt es kein Glockengeläut zur Begrüßung, aber wir haben die erste Pilgerwegstrecke gemeistert und lassen uns zufrieden zu einer kurzen Andacht auf den Kirchenbänken nieder.

Danach beginnt des Pilgers Abendwerk: Schlafplatz suchen - dieses Mal mit vielen in der Kirche - und Dusche suchen - meist keine Chance für die paar Männer. Dafür gibts beim Abendessen eine Pilgerweg-Premiere: ein Pizza-Servive bringt leckere Pizzen und Nudelgerichte ! So gesättigt halten wir die Komplet und gehen schlafen.

(Manfred)


Da ich beim Pilgern den Kirchenschlaf liebe, entscheide ich mich, die erste Nacht in diesem Riesenwürfel namens Christuspavillon zu übernachten. Manfred zieht den Heuwagen vor. Auch gut. Trotz der Offenheit des Kirchenraums, den man von allen Seiten her betreten kann, finde ich mein Eckchen für die Luftmatratze mit unverstelltem Blick auf das Kreuz. Wohltuende Klarheit umgibt mich, überall die Quadratform als Zitat aus der Zeit der Zisterzienser. In der Dunkelheit und Ruhe der Nacht höre ich das Plätschern eines Brunnens, der sich doch eigentlich am anderen Ende im äußeren Gang sehr entfernt von mir befindet. So still kann es also sein.…

Als ich in der Früh aufwache, beeindrucken mich die großen hellen, fast weißen Marmorplatten an den Wänden, durch die das Morgenlicht durchscheint und die Wände zum Leuchten bringt. Unwillkürlich denke ich an die Alabasterfenster in Ravenna. Diese Steine aus Marmor müssen sehr dünn sein, dass sie das Licht durchlassen. Sie bekommen durch das Morgenlicht eine Zartheit, die ich eher nicht mit dem harten und unnachgiebigen Marmor verbinden würde. Noch ist es nicht Tag und ich habe Zeit, die wechselnden Lichtverhältnisse zu beobachten. Doch dann höre ich eine schöne Frauenstimme, die uns mit einem Morgenlied weckt. Eine Stunde bis zum Frühstück.

Ein neuer Tag beginnt, und ich freue mich auf den Weg. Alles wieder einpacken, das `Bett` im Koffer verstauen. Sind die notwendigen Sachen im Rucksack? Die Brotdose, das Messer, Taschentuch, mein Regenponcho, das Liederbuch? Dann den Koffer wegbringen zum Bus. Dort begegne ich Leslie, die schon im Schweiße ihres Angesichts versucht, das Gepäck im Kleinbus zu verstauen. Werden alle Stücke von allen Pilgern wirklich in dieses Auto passen? Ich kann es mir nicht vorstellen, Leslie scheint auch zu zweifeln. Später kommt Wolfgang hinzu und zu zweit schaffen sie es. Ich empfinde Hochachtung für Eure Arbeit und Dank! Das hätte ich nicht gekonnt. - Jetzt erstmal frühstücken. Nein, zuerst noch das gemeinsame Morgengebet, der Dank für die Behütung in der Nacht. Dann frühstücken und Brote schmieren für den Weg.

Da heute Sonntag ist und wir Zeit haben, berichtet Peter fachmännisch, wie man in alten Zeiten ein gotisches Gewölbe errichtete. Dann feiern wir den Gottesdienst mit der Kommunität von Volkenroda. Am Ende bekommen wir den Pilgersegen für unseren Weg. Wir brechen auf. Werner begleitet uns bis zur Grenze des Klosters und jetzt geht es endlich los!!! - Die Sonne scheint, die ersten Schritte an Wiesen und Feldern, reifem Weizen und Mirabellen vorbei. Wir sind spät weg und lassen daher die Punkta ausfallen. Aber das Mittagsgebet für den Frieden in der Welt, das darf nicht fehlen. Wir beten und denken dabei an die Nachrichten der letzten Tage zu den aktuellen Kriegsgebieten. Dann geht es weiter bis zu einem herrlichen weiträumigen und sehr gepflegten Spielplatz in Grabe. Dort halten wir Mittagspause. Ich mache ein Nickerchen auf einer Wiese. Nach dem Aufwachen finden wir uns in kleinen Gruppen ein und teilen unsere Gedanken beim Lesen des 18. Psalms.

Wir brechen auf und ziehen weiter. Es ist warm und schwül, aber der Weg nicht mehr lang. In ca. 45 Minuten sollen wir am Ziel sein, in der ev. Gemeinde von St. Petri - Margarethen. Helga wartet schon auf uns. Mit einem Danklied ziehen wir gemeinsam in die Kirche ein. Heute sind alle gut angekommen. Jetzt werden die Schlafplätze und Toiletten aufgeteilt. Oben unter dem Dach des Gemeindehauses soll es sogar eine(!) Dusche geben.
Manfred und ich beschließen, in der Kirche zu schlafen. Das Aufbauen des Lagers geht schon schnell. Also habe ich noch etwas Zeit und mache mich auf den Weg zur Dusche. Mal sehen, wie lang die Schlange ist. Ob ich noch drunter kann, vor dem Abendessen? Na klar. Ich hatte ganz vergessen, wie zügig Frauen nacheinander durch eine Dusche huschen können. Einfach irre, so unkompliziert und schnell. In nullkommanichts bin ich wieder draußen, erfrischt und in trockenen Kleidern. Auf geht es zum Abendessen. Heute bekommen wir die beste Pizza aller Zeiten, von einem syrischen Pizzabäcker und Gemeindemitglied gebacken. Fast unheimlich, wieviel man davon verdrücken kann.

Um 21 Uhr wird Komplet in der Kirche gehalten. Ab jetzt gilt die Stille untereinander. Der Weg zum Schlafplatz ist nicht weit und das gotische Gewölbe über uns hilft mir in den Schlaf.

(Karin)