Pilgern - Erfahrungsberichte

28.07.2014 Von Mühlhausen nach Dingelstädt

von Bettina Lichdi

28.07.14 Von Mühlhausen nach Dingelstädt - von Bettina Lichdi
Was rette ich von einem intensiven Pilgererlebnis in den Alltag hinüber? Was klingt in mir noch lange nach? Für mich sind es vor allem Lied- und Gebetstexte, die ich verinnerlicht habe - und die Begegnung mit Mitpilgern unterschiedlichster Prägung. Danke euch allen, die ihr mit Wort und Tat zum Gelingen der Woche beigetragen habt!
Bruder Rolf stellt den beginnenden Tag mit uns unter das Wort "Lobe den Herrn, meine Seele". Vor dem Abmarsch ist Gottesdienst in der auf das 13. Jahrhundert zurückgehenden St.-Petri-Kirche in Mülhausen. Claudia predigt über den Psalm 63 und die Sehnsucht nach Gott: "Meine Seele dürstet nach dir". 1. Könige 19 berichtet von der Wüsten-Erfahrung Elias. In der Wüste begegnet er Gott, wo sich neue Perspektiven für ihn eröffnen. Zusammen mit Elia können wir erleben, dass ein Leben aus dem Tod möglich ist und dass das Bedrohliche uns Kraft für ein neues Leben schenkt. Ein Stein im Pilgergarten vor der Kirche gibt uns dann folgende Fürbitte mit auf den Weg "Gewähre allen, die sich auf der Pilgerreise des Lebens befinden, immerwährende Freude und Frieden".
Unterwegs machen wir Halt für die von Ulrike geleitete Puncta. Diese hat den Mühlhausener Thomas Müntzer, Theologe, Reformator und Revolutionär in den Zeiten des Bauernkrieges (Beginn des 16. Jahrhundert) zum Inhalt. Müntzer setzte sich für soziale Gerechtigkeit ein und steht für die gewaltsame Befreiung der Bauern, die 6000 Tote forderte. Die DDR ehrte Müntzer als Vorläufer des Kommunismus auf einer 5-Mark-Note. Einige Kirchenlieder Müntzers sind noch heute in unseren Gesangbüchern anzutreffen. Ulrike warnt davor, wie Müntzer den Irrweg der Gewalt zu gehen. Gott ist in Jesus Mensch geworden; daher sehen wir im Gegenüber einen Menschen - unabhängig von seinem sozialen Status oder seinem anderen Glauben.
Wir machen Mittagsrast im Hof des ehemaligen Zisterzienserinnenklosters Anrode, wo heutzutage regelmäßig ein Tier-und Bauernmarkt stattfindet. Der zusammen betrachtete Bibeltext aus Galater 5,1-6 + 13 erwähnt das jüdische Ritual der Beschneidung und die Spannung zwischen Gesetz und Freiheit. Wir besprechen die Rolle von Ritualen heute und sind uns einig, dass Glaube durch Liebe tätig wird.
Das Wandern in der wunderschönen Landschaft bei Sonnenschein tut gut und außer einem blutenden Zeh (und abends einer kaputten LuftmatratzeL) sind heute keine besonderen Schwierigkeiten aufgetreten.
Gegen Abend kommen wir in unserem Übernachtungsort im Familienzentrum Kloster Kerbscher Berg in Dingelstädt an. Ich lerne eine neue Abkürzung kennen: PEKIP, das dort durchgeführte Prager Eltern-Kind-Programm, das Eltern und Kind während des ersten Lebensjahres begleitet. - Zum Abendessen stärken wir uns bei einer guten Linsensuppe und leckerem Früchtequark. Der Tag klingt mit dem Abendgebet aus.