Pilgern - Erfahrungsberichte

29.07.2014 Von Dingelstädt nach Worbis

von Teresa Gaßmann

29.07.14 Von Dingelstädt (Kerbscher Berg) nach Worbis - von Teresa Gaßmann

Am heutigen Tag bin ich Tagespoet. Das ist sehr aufregend für mich, da es - wie alles hier - ganz neu für mich ist. Daneben gibt es viele weitere wohlklingende Ämter, wie zum Beispiel Besenmeister, Vergesslichkeitsminister, Wetterprophet, Streckenmeister, Tagesheiliger, Packmeister und - ganz wichtig - die Küchenmeisterin. Die Aufgaben werden so auf viele Schultern verteilt, damit es niemandem zu viel wird. Nur so kann das Pilgern in einer großen Gruppe funktionieren. Ich finde es sehr spannend und es ist eine ganz neue Erfahrung für mich, mit so vielen Menschen auf dem Weg zu sein. Das fängt schon morgens an, wenn alle liebevoll von unserem singenden Wecker (übrigens auch ein Amt) aus dem Schlaf geholt werden. Trotz Schweigen wird es gleich lauter. Es werden die Schlafsäcke zusammengerollt und die Luft aus den Matratzen gelassen, da wird doch mal ein leises "Guten Morgen" zugeraunt. Alle kramen in ihren Koffern oder Rucksäcken und sind in tätiger Eile. Beim Frühstück geht es dann darum, zügig zu essen, damit man auch noch etwas für den Proviant schmieren kann. Auf dem Kerbschen Berg hatten wir das Vergnügen, draußen zu frühstücken. Das war herrlich. Bei den vielen hungrigen Mäulern waren Brot und Belag schnell alle, aber die Küchenelfen zauberten fix noch eine Portion Nachschlag auf den Tisch. Es ist nicht ganz einfach, für über fünfzig Pilger zu kalkulieren.

Bevor wir aufgebrochen sind, haben wir noch einen Gottesdienst gefeiert. Die heutige Lesung war aus dem Buch Ezechiel und hatte die Auferstehung der Israeliten zum Thema. Gott sendet seinen Propheten, um die Beine wieder zusammenzufügen, Sehnen und Fleisch auf die Knochen zu bringen und neuen Lebensatem zu spenden. Auch in der anschließenden Predigt von Bruder Rolf ging es um die Auferstehung. Ich finde es sehr interessant, dass nicht im Anschluss an das Evangelium gepredigt wurde, sondern einmal stärker die Lesungen Betrachtung finden. Die Messen von Bruder Rolf sind immer etwas ganz Besonderes für mich. Gerade auch die gemeinsame Feier des Abendmahls, wenn wir uns alle um den Altar versammeln und uns an den Händen halten, während wir das Vater unser beten. Das bewegt mich immer sehr und da spüre ich unsere Gemeinschaft und die Anwesenheit Gottes.

Anschließend ging es unter Gottes Segen los - wieder geführt von Hans Werner. Heute sind wir auf mir sehr bekannten Wegen gegangen. Es ist so schön, auf diese Weise meine Heimat neu zu entdecken. Wir sind durch einen wunderschönen kleinen Wald gelaufen und hatten angenehmen Boden unter den Füßen. Auf dem Weg sind wir auch am Hotel Reifenstein vorbeigekommen. Dort ist es einfach herrlich mit dem großen grünen Park und dem kleinen See in der Mitte. Da haben wir aber nur kurz die Stille nach der Puncta aufgehoben. Die Puncta war heute etwas Besonderes. Margit hat uns bei einem Bibliolog angeleitet. Grundlage war Psalm 31, in dem der Betende zunächst seine Angst in Worte fasst und sich bei Gott beklagt, was seine Feinde ihm antun. Als er sich jedoch dann der heilenden Kraft Gottes zuwendete, konnte er dankbar beten: "Du hat mir Raum zum Leben verschafft." Wir alle waren aufgefordert, uns in verschiedene Personen und Positionen hinein zu versetzen und auch zu formulieren, was wir mit bestimmten Dingen verbinden (zum Beispiel mit dem Raum des Lebens). Es war sehr interessant, was da für Ideen und Gedanken formuliert wurden und das hat sehr dazu beigetragen, den Bibeltext mit dem eigenen Leben in Verbindung zu bringen.

Hier ganz kurz der Ablauf: Margit liest Psalm 31 und gibt zwischendurch "Rastplätze zum Innehalten" mit folgenden Fragen:
nach Vers 4:
Du bist der Beter/die Beterin des Psalms und wendest Dich mit Deiner Not an Gott.
Was bedrückt Dich so sehr, dass Du so verzweifelt nach Gott rufst?
nach Vers 9:
Du bist der Raum zum Leben, der Lebens-Raum.
Raum des Lebens, was bietest Du dem verängstigten, bedrohten Menschen?
nach Vers 14:
Du bist einer der Feinde.
Feind, warum bedrängst Du den Menschen so? Was willst Du mit Deinen Angriffen erreichen?
nach Vers 17:
Du bist Gott, der Herr, den der Betende immer wieder voll Verzweiflung und Hoffnung anruft. Was möchtest Du dem Beter/der Beterin sagen?

Alle mussten am Ende schallend lachen, als eine Teilnehmerin aus der Position von Gott sprach: "Na, dann jetzt auf die Füße und Arsch hoch!" Das haben wir dann sogleich in die Tat umgesetzt und es ging schweigend weiter. Ab dem Hotel Reifenstein haben wir den Weg dann zu zweit oder dritt fortgesetzt und uns über unsere Gedanken ausgetauscht.

Mittagspause haben wir auf dem Gelände des Reifensteiner Krankenhauses gemacht. Dort gibt es einen wunderschönen Garten mit einer großen Wiese und bunten Blumen. Viele suchten sich zum Schlafen einen schattigen Platz an der Mauer. Vorher gab es Gelegenheit, die Kirche zu besichtigen. Dort wird gerade gebaut, dennoch war sie sehr eindrucksvoll und es gab viele Skulpturen und andere Kunstwerke zu entdecken.

Beim anschließenden Bibelteilen hatten wir wieder schwere Kost von Paulus. Das Gespräch war sehr angenehm, aber so richtig erhellt hat sich mir der Text immer noch nicht. Dann ging es weiter am Birkunger See entlang. In Breitenholz wartete schon eine Überraschung auf uns. Nachdem wir uns die Marienkapelle angeschaut hatten, konnten wir uns an Kaffee und Kuchen laben. So ließ sich auch der kräftige Regenschauer aushalten, vor dem uns der alte Angerbaum schützte. Einen herzlichen Dank an dieser Stelle an Familie Helbing für das herzliche Willkommen in Breitenholz!

Nun ging es frohgemut auf zu unserem Etappenziel in Worbis. In der Arche waren wir beim nächtlichen Regen sehr gut aufgehoben und wurden zum Abendbrot mit Nudeln verwöhnt. Es gab sogar für viele ein Bett zum Schlafen. Die anderen machten es sich in der Kirche oder dem Speisesaal gemütlich.

Am Abend berichteten uns aufgrund der Bitte einiger Mitpilger Leonie, Myriel und Astrid von ihrer Freien evangelischen Gemeinde. Sie erzählten ganz begeistert von ihrer Musik, den sehr frei gestalteten Gottesdiensten, der Erwachsenentaufe und vielen Dingen, die so ganz anders sind als bei uns. Aber sie sagten auch, dass sie auf dieser Pilgertour viele schöne Elemente aus der katholischen und evangelischen Tradition wie zum Beispiel Rituale und Liturgie ganz neu schätzen gelernt haben. Es war für uns alle sehr interessant, zu erfahren, wie Gemeinde auch funktionieren kann und vor allem stecken uns die drei mit ihrer Begeisterung an. - Abgeschlossen wurde der Tag mit einem Gebet und dem geglückten Versuch, die Seligpreisungen zu singen.