Pilgern - Erfahrungsberichte

31.07.2014 Von Wingerode nach Lenterode

von Christiane Berthold-Scholz

31.07.14 Von Wingerode nach Lenterode - von Christiane Berthold-Scholz
Heute stehen wir bereits um 5.30 Uhr auf. Es regnet nicht mehr und sieht deutlich nach einem Schönwettertag aus. - Wir haben einen neuen Streckenführer: Helmut Heiland (!). Er führt uns zuerst durch Wiesen und Felder, dann bergwärts auf die waldige Höhe, den "Dün", zur ersten "Schönen Aussicht". Wir genießen einen wunderbaren Blick aufs Leinetal und noch einmal auf die Kapelle Etzelbach, wo wir am Vortag bei strömendem Regen Zuflucht gefunden hatten.
Hier gibt Peter uns die tägliche Puncta: "Mach deinen Spaziergang bewusst mit Gott. Nimm dich selbst wahr in seiner Schöpfung, als Teil seiner Schöpfung. Denke: Ich - bin - da. Was bedeutet das für dich?"
Im Laufen beschäftigt mich ein Vers aus Psalm 139, der mit spontan durch den Kopf geht: "Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke, Gott, das erkennt meine Seele."
Besonders wunderbar ist für mich auf diesem Weg, dass ich so mühelos laufen kann. Die Gelenkschmerzen früherer Pilgerwege haben sich bisher nicht bemerkbar gemacht - toll! Ich freue mich. Wir laufen Richtung Heiligenstadt durch einen schattigen Buchenwald. Hin und wieder blitzt die Sonne durchs Laub. Ich fühle mich wie in einem Dom aus hohen, grün belaubten Bäumen - ganz feierlich. Vom gestrigen Regen liegt noch viel auf Gräsern und Blättern, die Sonne bringt die Tropfen zum Funkeln. Nach der Schweigestunde erinnert Peter an Ignatius von Loyola (Gründer des Jesuitenordens) und sein bewegtes Leben, das ihn schließlich zu einer Grundhaltung der "liebenden Aufmerksamkeit" geführt hat. Der heutige 31. Juli ist sein Gedenktag. Die ignatianischen Exerzitien haben der ökumenischen Bewegung wichtige spirituelle Impulse gegeben.
Es geht weiter durch den Wald zum "Dünkreuz", wo sich ein großartiger Blick auf Heiligenstadt öffnet, die zweite "Schöne Aussicht". Hier, am Dünkreuz", feiern wir unseren täglichen Gottesdienst, der Tisch des Rastplatzes wird zum Abendmahlstisch. Michael hält die Predigt über Apostelgeschichte 16, 14+15: Die Begegnung zwischen Paulus und seinen Begleitern mit der Textilhändlerin ("Purpurkrämerin") Lydia: eine Erzählung, in der es auch um das spannungsreiche Nebeneinander /den Wechsel von Niederlagen und Erfolg im Leben des Apostels geht. - Es ist so schön, den Gottesdienst draußen, im Wald, zu feiern!
Danach geht es bergab, am Rand von Heiligenstadt entlang Richtung Freizeitpark "9 Brunnen". Dort genießen wir eine lange, erholsame Mittagspause, zu der die tüchtigen Autofahrerinnen uns noch Joghurt und Obst gebracht haben. Zum Abschluss: Bonbons aus Martinas Überraschungstüte. Wir dürfen die Stühle und Tische auf der Restaurantterrasse benutzen, heute findet hier keine Bedienung statt: der Koch ist ausgefallen.
Ins Bibelteilen nach dem Mittagsimbiss (über Johannes 8, 30-36) finde ich diesmal nicht richtig hinein. In der Mittagsflaute ist dieser Text mir einfach zu kompliziert. Immerhin, ein Bonmot (von Bruder Rolf?) merke ich mir: "Man muss dem anderen die Wahrheit hinhalten wie einen Mantel, in den er hinein schlüpfen kann - und darf sie ihm nicht wie einen Lappen um die Ohren schlagen."
Am Nachmittag geht es durch den Heilgenstädter Stadtwald an der Lutter entlang, in der wir an einer Stelle ein tolles kühles Fußbad nehmen können.
Vor der Ankunft in Lenterode geht es noch einmal ein längeres Stück durchs offene Feld über heiße Asphaltwege: wir schwitzen, was das Zeug hält. Bei unserer Ankunft in Lenterode empfängt uns das Abendläuten. Wie schön, die kühle Dorfkirche zu betreten! Plötzlich steht Bauer Schönefeld vor uns, der als Anwohner wohl immer ein wachsames Auge auf "seine" Kirche hat: "Die Kirche gehört seit Generationen zu unserem Haus!" Er lädt uns ein, das Abendessen auf seinem Hof einzunehmen und stellt uns sämtliche Duschen in seinem Wohnhaus zur Verfügung, das nenne ich Gastfreundlichkeit! Entsprechend fällt unsere Kollekte für ein Kinderhospiz in der Nähe, das dem Bauern ein Herzensanliegen ist, großzügig aus.
(Dass der rote Hofkater mit einer grauslichen Kopfverletzung unbehandelt klar kommen muss, ist für den Bauern weniger ein Problem als für einige von uns Pilgern, die das kaum mit ansehen können.)
Zum Abschied schenkt die Bauernfamilie uns noch eine dicke Eichsfelder Wurst. (Die wird dann zum Abschied auf dem Hülfensberg aufgeschnitten.)
Beim Abendgebet lädt Bruder Rolf zu einer "Eucharistischen Nachtwache" ein: In einer goldenen Monstranz steht eine geweihte Hostie die ganze Nacht hindurch auf dem Altar der Dorfkirche. Die Kirche bleibt bis zum Morgen geöffnet für Gebet und stille Verehrung. Das "heilige Brot" unabhängig von der Mahlfeier zu verehren, ist für uns Evangelische ein eher fremdartiger Gedanke. Wir denken uns die Gegenwart Jesu eben eher geistig als stofflich (wenn ich das mal so ausdrücken darf!).
Für die Nacht sind wir bestens untergebracht in der großen Halle des Gemeindehauses. Einige schlafen nahebei im Dorfgemeinschaftshaus. Jeder findet sein Plätzchen. Die verirrte Schwalbe, die lange durch die Halle schwirrt und den Ausgang nicht findet, ist am späten Abend dann auch verschwunden. Dem langen Tag folgt eine ruhige Nacht, in der tatsächlich einige sich noch einmal auf den Weg in die Kirche machen. Ich selbst wache zwischendurch nicht auf und schlafe tief neben einem geöffneten Fenster.
Ein schöner, erlebnisreicher Tag. Danke!