Pilgern - Erfahrungsberichte

01.08.2014 Von Lenterode nach Ershausen

von Heike Schönewolf

01.08.14 Von Lenterode nach Ershausen - von Heike Schönewolf

Heute Morgen hatte ich zum ersten Mal Weckdienst. Um kurz vor 6 Uhr läutete der Wecker, den ich von Sieglinde übernommen hatte. Ich schnappte mir mein Akkordeon und holte mit "Danke für diesen guten Morgen" meine lieben Mitpilger aus dem Reich der Träume. Jetzt weiß ich die Leistung von Jaqueline vom letzten Jahr
erst richtig zu schätzen. Es ist gar nicht so leicht, sich alle zusammen zu suchen. Es kostete auch ein wenig Überwindung, so früh am Morgen Akkordeon spielend
durchs Dorf zu laufen.

Nach dem Frühstück ging es durch den Ort in Richtung Ershausen, unserem
heutigen Etappenziel. Unser Streckenführer ist der stets gut gelaunte Helmut Heiland. Gleich hinter dem Ort ging es links recht sanft durch Wiesen den Berg hinauf. Kurz nachdem wir den Wald betreten hatten, kamen wir an einen Bildstock,
der die Dreifaltigkeit zum Thema hatte. Hier hielt Wolfgang die Puncta über eine Stelle aus dem Hebräerbrief. Dort ist zu lesen, dass unser Herz durch die Gnade Gottes fest wird. Ein schöner Gedanke, denn ein von Gott gefestigtes Herz ist nicht
so leicht zu erschüttern und kommt ohne großen Schaden durch so manche Krise, die das Leben für uns bereit hält. Nicht nur die Pilger hörten Wolfgang gespannt zu, sondern auch drei Kühe zeigten ihr Interesse. An einigen Stellen muhten sie zustimmend. Vom Ort der Puncta hatte man auch einen schönen Blick auf die Dörfer
Uder und Röhrig.

Dann ging es weiter durch den Wald, stramm bergauf. Wir kamen ganz schön aus der Puste, aber unsere Anstrengungen sollten belohnt werden. Als wir am "Gipfel" angekommen waren, standen wir auf einer riesigen Blumenwiese. Ein Blütenmeer aus Lila, Gelb und Weiß mit ein paar blauen Tupfern. Hunderte von Schmetterlingen schwirrten um uns herum. Im Wald hörte man einen Kolkraben rufen und über uns einen Bussard. Ich weiß nicht, wie es meinen Mitpilgern ging, aber ich hatte beim
Durchqueren dieser Wiese ein unglaubliches Glücksgefühl.

Bald kamen wir an einen weiteren Bildstock mit der Jungfrau Maria mit der Jahreszahl 1735. Gerda zündete ihr ein neues Licht an und wir hielten das Mittagsgebet. Nach einer kurzen Pause ging es weiter zum Naturparkzentrum
Fürstenhagen. Es befindet sich in einem alten Bahnhofsgebäude der Bahnlinie
Schwebda - Bad Heiligenstadt. Hier teilten wir uns in zwei Gruppen und erhielten eine Führung über das Gelände. Es gab ein Baumhausklettergerüst, das wir begeistert ausprobierten, einen kurzen Naturlehrpfad, ein Museum im ehemaligen Wasserturm und einen kleinen Tümpel. Nach der Führung hielten wir unsere Mittagspause. Ich sah zwei Männer kommen, die sich am Tümpel zu schaffen machten. Neugierig ging ich hin, um zu sehen, was sie dort taten. Es waren ehrenamtliche Helfer, die ein so genantes "Libellen-Monitoring" durchführten.
Ihre Aufgabe ist es, Exuvien (das sind die Hüllen, die übrig bleiben,
wenn die Libelle aus ihrer Larvenhaut schlüpft) zu sammeln. Wenn man diese untersucht, kann man herausfinden, welche Libellen an einem See leben. Ich hatte Glück und konnte eine frisch geschlüpfte Libelle sehen, die noch an ihrer alten Haut steckte.

Nach der Pause ging es auf dem alten Bahndamm weiter zu den Dieteröder Klippen.
Dort feierten wir unseren Gottesdienst im Gedenken an den Beginn des ersten
Weltkrieges vor heute genau 100 Jahren. Christiane erzählte uns am Beispiel von Käthe Kollwitz und ihren Söhnen, wie die erste Begeisterung für diesen Krieg in Trauer und Entsetzen umschlug, als ihr Sohn Peter schon nach wenigen Tagen fiel.
Während des Gottesdienstes hörte man im Tal die Mähdrescher dröhnen, die fleißig Raps ernteten.

Nach dem Gottesdienst ging es weiter durch ein Kalksteinfeld bis zu einer Lourdesgrotte. Von denen hatten wir schon einige im Eichsfeld gesehen, und sind immer wieder erstaunt, wie gepflegt diese Anlagen sind. Alles ist sauber und es gibt liebevoll angelegte Blumenbeete. Zu dieser Grotte führte nur ein steiler Weg vom Dorf Krombach rauf; den ging es jetzt herab. Kurz vor dem Dorf kamen wir an einem Marillenbaum vorbei, der war so voll, das man mit einmal Rupfen die ganze Hand voller Früchte hatte. Da schlug das hungrige Pilgerherz höher.

Hinter Krombach sahen wir ein Schild Richtung Ershausen; es sollten nur noch ein
paar Kilometer sein. Es wurde also Zeit, sich in die Gebetsgruppen einzuteilen.
Ich ging beim Rosenkranzgebet mit. Wir hatten uns kaum in Bewegung gesetzt, da gesellte sich ein Güllewagen zu uns und spritzte seine Fracht gleich neben uns aus.
"Frische Landluft reinigt die Lungen!", sagt mein Vater immer.

In Ershausen fanden wir eine sehr schöne Kirche vor, die dem heiligen Simon
und dem heiligen Judas Thaddäus geweiht war. Gleich gegenüber war das Landschulheim, in dem wir übernachten sollten. Eine resolute Hausmutter teilte uns in die Zimmer ein. Eintritt gab es nur mit einem Laken, dann durften wir ins Haus.
Im Zimmer fühlte ich mich in meine Schulzeit zurückversetzt: Drei Etagen- und ein Einzelbett in einem Zimmer, das riecht nach Klassenfahrt. Dafür gab es aber endlich einmal genügend Duschen für alle; die nutzten wir ausgiebig.

Beim Abendessen ging das Wohlfühlprogramm weiter. Der Koch und seine Helferinnen hatten uns ein richtiges Büffet aufgebaut. Es gab drei Sorten Fleisch, dazu Fisch und vegetarische Alternativen. Auch mit Salat wurde nicht gegeizt und man konnte aus mehreren Beilagen wählen. Ich hatte fast schon ein schlechtes Gewissen: Von wegen Pilger müssen darben…Nach dem Abendessen traf ich mich mit Magdalene im Hof und hab mit ihr zusammen ein wenig Musik gemacht - sie auf der Blockflöte und ich auf dem Akkordeon. Das hat mir viel Spaß gemacht und muss nächstes Jahr wiederholt werden!

Die Komplet hielt Michael, der uns einen Psalm aus Südafrika mitgebracht
hatte. Männer und Frauen lasen im Wechsel, dadurch kam so manche Finesse im Text viel besser zur Geltung. Während der ganzen Zeit wurden wir von Fledermäusen umschwirrt. Im Schweigen endete ein wunder schöner Tag mit vielen neuen Eindrücken, für den ich Gott aus vollem Herzen danken möchte.