Pilgern - Erfahrungsberichte

02.08.2014 Von Ershausen zum Hülfensberg

von Norbert Glatthor

02.08.14 Von Ershausen zum Hülfensberg - von Norbert Glatthor

Nachts hatte ich immer lebhafte Träume, verwirrt wachte ich morgens auf. Manchmal Düsteres-Bedrohliches, manchmal Seltsam-Groteskes, dann aber auch etwas von der Pilgergruppe. Heute träumte ich, dass wir morgens vor der Küche standen und auf das Frühstück warteten. Aber es war niemand da, es gab nichts, wirklich gar nichts, die Türen geschlossen. Wir schauten uns ratlos an. Wie konnte so etwas passieren? - Der Traum brachte mir vor Augen, dass scheinbare Selbstverständ-lichkeiten (dass zum Beispiel immer Frühstück da ist) immer noch Menschen erfordern, die sie umsetzen. - Nach dem Aufwachen, in der Realität, erwartet uns etwas ganz anderes: Ein Frühstück in Fülle! Alles, was der Pilger braucht, ist da. Und darüber hinaus noch viel mehr (Nutella, Frikadellen, … ist das nicht ein bisschen viel Luxus?)
***

Reich gestärkt geht es nun los, wie schon die ganze Woche durch wunderschöne Landschaften, über bunte Wiesen, schattige Wälder, sanfte Hügel. Der Hülfensberg ist schon in Sicht. In den vergangenen Tagen haben wir Spaziergänge mit Gott gemacht, haben den Psalm 31 im Bibliolog lebendig nachempfunden, haben etwas über die Unterscheidung der Geister gehört, haben erfahren, was es heißt, ein festes Herz durch die Gnade Gottes zu empfangen und heute gelernt, dass zuerst die großen Steine, die wichtigen Dinge, in das Gefäß des Lebens gelegt werden sollen.
Das alles wird abgerundet und vollendet durch den Kreuzweg, den Rolf gleich mit uns beten wird. Ist es vielleicht das letzte Mal in dieser Form? In den nächsten beiden Jahren pilgern wir ja von Worms nach Eisenach, und irgendwann wird Rolf versetzt, was dann…?
***

Der Kreuzweg
Oh Herr, wir gehen nun den Weg, den dein Sohn gegangen ist, bis zum bitteren Leiden. Wir wollen dabei beten für alle Leidenden dieser Welt. Lieber Vater, wir bitten dich, blicke auf all jene, mit denen wir verbunden sind, und alle, die deine Hilfe besonders brauchen.

1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Wir lesen in den Evangelien, dass römische Schergen Jesus gefangen genommen haben. Er wird zu Pilatus, dem römischen Statthalter, geführt. Denn die Juden dürfen nach römischem Recht kein Todesurteil vollziehen. Gestern riefen sie noch "Hosianna", heute rufen sie "Kreuzigt ihn". Pilatus will seine Hände in Unschuld waschen - und fällt dann doch das feige Urteil. Jesus steht da, aufrecht, mit verbundenen Händen. Er schweigt. Er sagt nur: "Ja, ich bin ein König".
*
Jesus, Du wurdest ungerecht verurteilt. So wollen wir für alle Menschen beten, die auch zu Unrecht verurteilt worden sind. Wir beten auch für die, die unter Vorurteilen leiden, für die Opfer von Justizirrtümern, für die Opfer von Justizmorden.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

2. Station: Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Jesus nimmt sein Kreuz an. Er wusste sehr wohl, was auf ihn zukommt, und nimmt es dennoch an. Er schultert mit dem Kreuz alles Leid der Welt. Alle Schuld nimmt er auf sich, auch die Schuld, an der wir selber mit gestrickt haben.
*
Wir wollen beten für alle, die schuldig geworden sind. Auch für die, die gar nicht wissen, wie und warum sie schuldig geworden sind. Auch für die, die nicht einsehen wollen, dass sie schuldig sind. Für die, die schwere Aufgaben und Unangenehmes auf sich nehmen. Für die, die das Urteil, das ihnen zugemutet wird, annehmen.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

3. Station: Jesus fällt das erste Mal unter dem Kreuz

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Das Kreuz drückt schwer. Der Herr ist geschwächt von der durchwachten Nacht, von den Demütigungen und Geißelungen. Er stolpert. Die Last der Welt, die Jesus trägt, ist schwer. Er fällt. Die Soldaten zwingen ihn zum Weitergehen.
*
Wir wollen beten für alle Menschen, die in Schuld gefallen sind. Für die, die unter der Last des Lebens zerbrechen. Für die Kranken und Leidenden, die keine Hoffnung mehr haben. Für die, die einsam sind in ihrem Alter, weil sie niemanden mehr haben.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Das Johannes-Evangelium berichtet uns, dass Maria unter dem Kreuz steht. In frommer Tradition wird erzählt, dass sie auch schon an Jesu Kreuzweg steht. Die Blicke des Sohnes und der Mutter begegnen sich. Die Mutter spürt, wie furchtbar er leidet. Der Sohn sieht den Schmerz der Mutter. Was alles mag noch in ihrer Begegnung liegen.
*
Wir beten für die vielen Mütter, die um ihre Kinder am Krankenbett leiden. Für die Mütter, die ihre Kinder Wege gehen sehen, die sie ins Verderben führen. Es ist wohl oft so, dass gerade die Mütter und Frauen das Leid in dieser Welt tragen. Wir sehen die Bilder von Kriegsschauplätzen, in denen sie schreien vor Leid, oder verstummen vor Leid. Für alle diese Mütter beten wir.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

5. Station: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Die Evangelien berichten, dass die römischen Soldaten einen Mann, der gerade von der Arbeit kam, zwingen, Jesu Kreuz zu tragen. Simon von Cyrene kam verschwitzt und erschöpft von der Arbeit, in Vorfreude auf seinen Feierabend. Und nun soll er den Kreuzbalken tragen. Vielleicht ist aber aus erzwungener Hilfe gern geleistete Hilfe geworden. Vielleicht hat er gespürt, dass Jesus anders war als andere Delinquenten. Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass später die junge christliche Gemeinde die Namen seiner Söhne kannte.
*
Wir wollen beten für alle Menschen, die anderen helfen. Für Menschen in Berufen wie Ärzte, Krankenschwestern, Sozialarbeiter, für Mitglieder der Feuerwehr und anderen Hilfswerken. Auch für alle, die einen Job annehmen müssen, den sie gar nicht mögen, nur damit ein bisschen Geld für die Familie herausspringt.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

6. Station: Veronica reicht Jesus das Schweißtuch

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

In der Tradition der Ostkirchen gibt es das "wahre Abbild" Jesu, das "vera icon". In der Legende gab es eine Frau, Veronika, die am Weg stand und Jesus leiden sah. Wahrscheinlich konnte man sein Gesicht kaum noch ausmachen, so voll war es von Schweiß und Blut. Da hat sie ihm ihr Tuch gereicht, und Jesus hat zum Dank sein Abbild in das Tuch gedrückt. Der tiefere Wahrheitsgehalt ist, dass da ein Mensch war, der in großer Selbstlosigkeit dem Herrn geholfen hat. "Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan". In der Geschichte hat es immer wieder solche Menschen gegeben, z.B. Elisabeth von Thüringen, die sich für Hungernde und Kranke einsetzte.
*
Wir beten für alle Menschen, die ein Gespür haben für spontane Hilfe, die einfache Geste, ein nettes Wort, ein aufbauendes Schulterklopfen. Für alle, die anderen helfen, auf ihrem Weg weiterzukommen.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Das Kreuz ist schwer und der Weg lang. Jesus fällt wieder, diesmal tiefer als zuvor. Die Belastung durch das Leid und die Schuld der Welt ist groß.
*
Wir beten für alle Menschen, die immer tiefer fallen. Für die Rückfälligen, die Suchtkranken, die Alkoholiker. Auch für die, die unter der Sucht ihrer Nächsten leiden. Für die, die immer wieder denselben Fehler begehen, in dieselben Fallen tappen.


Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!


8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Im Lukas-Evangelium steht, dass am Weg Frauen standen, die weinten und klagten. Jesus denkt trotz des eigenen Schmerzes an das Leid der Frauen. "Weint nicht über mich, weint über euch und eure Kinder". Jesus wusste wohl, dass 40 Jahre später das jüdische Volk von den Römern brutal niedergeworfen werden würde und dass es in der Geschichte immer wieder großes Leid und Vertreibung erfahren würde: Die Hasstiraden und die grausame Verfolgung unter Kaiser Hadrian, die Pogrome im Mittelalter und später in Russland, der Holocaust in Europa, und der Hass, der ihnen heute wieder vor allem von arabischen Völkern entgegenschlägt.
*
Wir beten für die Töchter und die Söhne Abrahams, das jüdische Volk. Um Friedensbereitschaft im Heiligen Land bei Juden, Muslimen und Christen. Wir bitten um Trost und Hilfe dort und in den vielen Krisengebieten der ganzen Erde.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Es geht den Berg hinauf und die Strapazen sind groß für unseren Herrn. Wie lächerlich gering sind dagegen doch unsere Anstrengungen, den Hülfensberg hinaufzugehen. Noch einmal fällt der Herr, diesmal ganz auf den Boden.
*
Wir wollen beten für alle Menschen, die vor dem Nichts stehen, die einfach nicht mehr weiter wissen. Die, deren Beziehung zu Ende ist. Die, die beruflich gescheitert sind. Die, die nicht mehr weiter können und am Boden liegen. Die vielen Verzweifelten, die unter Depressionen leiden. Die mit Selbstmordgedanken. Herr, sei ihnen nahe. Denn du kennst ihre Not und du hast die Kraft gefunden, den Weg zu Ende zu gehen.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Oben auf dem Berg angekommen, reißen die Söldner Jesus die Kleider vom Leib. Wir stellen uns das vielleicht schamvoll vor, jedoch sind die Römer grausam und der Akt ist entwürdigend. Jesu verkrustete Wunden reißen wieder auf. Dann steht er da, schutzlos, völlig entblößt, zur Schau gestellt, Hohn und Spott ausgesetzt.
*
Wir wollen beten für die, die von anderen Menschen bloßgestellt werden, und die, die andere Menschen bloßstellen. Für die Opfer von Mobbing. Für die Opfer von sexueller Gewalt, für die vielen Frauen, Mädchen und Jungen, in früher Kindheit missbraucht wurden und ihr Leben lang darunter leiden. Für die Täter, dass sie umkehren und Buße tun. Für alle, die sich aus Armut und Not, unter Zwang, oder auch aus Geldgier prostituieren. Die, die das schamlos ausnutzen, die meinen, sich andere Menschen kaufen zu können. Du Herr hast all das erlitten. Sie brauchen deine Hilfe.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Der nackte Jesus wird aufs Kreuz gelegt, im wörtlichen Sinne. Sie treiben Nägel durch die Handwurzeln und durch die Füße. Das muss ein furchtbarer Schmerz ge-wesen sein. Dann wird das Kreuz aufgerichtet. Er hängt nun an den Nägeln in seiner Hand, die an seinem Fleisch reißen. Zur Entlastung versucht er zu stehen und spürt, wie sich die Nägel durch die Füße bohren. Das alles abwechselnd, stundenlang.
*
Wir wollen beten für alle Menschen, die an ein Schicksal festgenagelt sind: An einen Rollstuhl gefesselt, unheilbar krank im Bett liegend. Für alle Menschen mit schwersten Behinderungen. Viele von ihnen haben gelernt, damit zu leben, aber andere tun sich damit sehr schwer. Sie brauchen Hilfe und Nähe.
Für alle, die Opfer sind von Folter. Wir wissen um die Entsetzlichkeit mancher Methoden. Jedoch meinen immer wieder Menschen, sie einsetzen zu müssen. Wir beten für die Opfer und auch für die Täter.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

12. Station: Jesus stirbt am Kreuz

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Jesus hängt am Kreuz zwischen Leben und Tod. Sind es drei Stunden, oder sind es sechs Stunden? Die Schmerzen müssen furchtbar gewesen sein. Nach dem Johannes-Evangelium denkt er dennoch an seine Mutter und seinen Lieblingsjünger, den er seiner Mutter anvertraut. Nach Lukas vergibt er dem Mit-Gekreuzigten, "noch heute wirst Du mit mir im Paradies sein". Irgendwann ist der Leib zu sehr geschwächt und er kann sich nicht mehr aufrichten. Er stirbt den Erstickungstod. "Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist". Nach Matthäus fühlt er sich selbst von Gott verlassen: "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
*
Wir beten für alle Sterbenden. Besonders für die, die einsam sterben. Die sich von Gott verlassen fühlen. Auch deren Nöte hat der Herr durchlitten.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

13. Station: Jesus wird in den Schoß der Mutter gelegt

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Maria, die Mutter Gottes, hat diesen Sohn aus ihrem Schoß geboren. Und nun wird ihr der tote Sohn auf den Schoß gelegt. Bilder davon haben wir häufig auf unserem Pilgerweg gesehen. Wie groß muss der Schmerz der Mutter Maria gewesen sein.
*
Wir wollen beten für alle Mütter und Väter, die wissen, dass ihre Kinder todkrank sind und nicht mehr lange zu leben haben. Man sagt, dass der größte Schmerz der Mutter ihr sterbendes Kind ist. Für alle, die ihre Kinder sterben sehen. Für Mütter und Väter, die an den Gräbern ihrer Kinder stehen.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

14. Station: Jesus wird ins Grab gelegt

Wir beten Dich an, Herr Jesus Christus und preisen Dich -
denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Die letzte Szene des Kreuzweges hat etwas Friedliches. Jesu Leiden ist vorbei. Er wird in ein Grab gelegt. Es ist ein neues Grab, eine Höhle, vor die ein Stein gerollt wird. Hat der Tod gesiegt? Ist alles vorbei? Ist alles vergebens und umsonst? Was nun? Auf dem Bild dieser Station zeigt sich hinter dem Grab schon die strahlende Sonne…
*
Beten wir in aller Stille für die Toten, die wir geliebt haben. Beten wir für die Opfer der Kriege, besonders auch für die Opfer der jüngsten gewalttätigen Auseinander-setzungen in Syrien, Irak, Gaza, Ukraine und Afrika - wo auch immer auf der Welt. Wir beten auch für alle Toten, die bereits vergessen sind, für unsere Vorfahren, deren wir vielleicht noch nie gedacht haben, aber auf deren Schultern wir leben.

Herr Jesus - erbarme dich über uns und über die ganze Welt!

***

Und dann, nach diesem bewegenden Kreuzweg, sind wir oben angekommen auf dem Hülfensberg. Wir treten aus dem Wald heraus und betreten die Grasfläche, es geht an den Gräbern vorbei, dann am Stein mit dem Riss, an dem Eltern trauern können, die ihr Kind vor der Geburt verloren haben. Ich habe einen Kloß im Hals, das Herz schlägt aufgeregt. Ich bin ergriffen. Der Hülfensberg ist ein besonderer Ort.

Wir ziehen singend durch das Portal hin zum rechten Seitenaltar.

Da ist er, unser Gehülfe, und er lächelt uns gütig an.

Wir sind am Ziel.