Pilgern - Erfahrungsberichte

26.07.2015 Von Bechtheim nach Oppenheim

Es ist der dritte Tag und ich wache ganz beschwingt auf - fast nichts tut weh und ich habe noch gar keine Blasen. Ich bin ein Glückskind! Die Nächte sind kurz, aber ich habe gut geschlafen. Zum ersten mal mit Ohropax, da konnte kein Schnarchen meine Träume durchdringen. Der Tag beginnt mit dem Morgengebet, das Manfred spricht. Der Inhalt lautet in etwa so, dass wir all unsere Sorgen und Ängste die wir jetzt auf diesem Pilgerweg mit uns schleppen, Gott hinhalten können. Er wird sie verwandeln, er schenkt uns die Hoffnung dazu. Ja, das tut gut, diese Zusage zu hören.

Dann folgt das Frühstück. Ich bin dankbar, dass es immer wieder nette Pilger/innen gibt, die uns mit Hingabe ab 4.30 Uhr ein Frühstück zaubern. Dieses ist so reichhaltig und gesund, da sind wir für die lange Strecke gut gerüstet! Alles schmeckt doppelt gut, wenn ich mich an den fertigen Tisch setzen darf. - Schon vor Beginn des Frühstücks werden alle Taschen, Koffer und Matten von zwei starken "Engeln" im Bulli verstaut. Das ist Schwerstarbeit und läßt den Schweiß fließen.

Ich freue mich auf den heutigen Tag. Die Morgenluft ist frisch und rein, die Sonne lugt schon um die Ecke. Es kann losgehen...Doch zunächst erleben wir noch einen sehr bewegenden Gottesdienst in der Bechtheimer Kirche, den Bruder Rolf mit uns feiert. Das Thema lautet " Ich bin so frei".
Sich frei machen von Regeln und Autoritäten kann richtig sein, wenn sie übermächtig werden. Petrus sieht die Freiheit weiter. Er sagt: Enthaltet euch von irdischen Begierden und führt ein rechtschaffenes Leben. Freiheit heißt nicht, dass ich machen kann, was ich will.
Seid untertan aller menschlichen Ordnung. Geht mit guten Taten den Unwissenden voran. Gebraucht die Freiheit nicht als Deckmantel des Bösen.

Bruder Rolf weiter: "Menschen hadern mit den Fehlern, die die Eltern gemacht haben, sie hadern mit sich selbst, mit ihrer Figur oder auch einfach mit der Geschichte, die sie hatten. Jesus Christus möchte uns frei machen von solchen Gedanken und Zwängen. Weil er den Menschen vergibt, sollen auch wir uns versöhnen mit unseren Fehlern und Makeln.
Wir sollen frei werden für das Gute, frei werden von uns selber, frei werden für den Mitmenschen, frei werden zur Unterordnung.
Er hat mich befreit, weil er mich liebt. Er hält mir den Rücken frei, damit ich so die Hände frei habe, um Gutes zu tun, auch in einer feindlichen Gesellschaft. So kann ich mich der menschlichen Ordnung unterordnen, mich einordnen.
So viele wichtige und gute Gedanken. Ich nehme sie mit auf den Weg und habe viel zu tun.....
Der Pfarrer, der uns gestern schon so herzlich in seiner Gemeinde aufgenommen hat, ist gekommen und lässt es sich nicht nehmen, uns auch wieder zu verabschieden.

Unser Streckenführer heißt Herr Kissinger, er ist Weinbau-Ingenieur und führt uns heute durch das "Wonnegau ", die Weinberge der Pfalz, ca. 25 Kilometer. Er führt uns direkt auf ein Weingut und hier bekommen wir doch tatsächlich alle ein Schlückchen Prosecco von Frau Bohdanowicz, die uns eine Freude machen will und extra für uns früh aufgestanden ist. Das ist ja was, ich kann es gar nicht glauben: Es gibt soo nette Leute!

Geistig und körperlich gestärkt geht es aber nun los. Nein, doch noch nicht, wir müssen noch mal eben "kurz" stehen bleiben, denn ca. 25 Pilger/innen müssen noch mal schnell wohin. Warten, warten, ach das machen wir doch gerne...Nun aber los! Es wird richtig schön warm und ich bin guter Dinge. Der Regen und Sturm war schließlich gestern....

Herr Kissinger ist in seinem Element und geht auf jede Frage ein. Ich freu mich an der Schönheit der Natur. Dann wird es beschwerlich, es ist heiß, es geht hoch durch die Weinberge, der Rucksack wird schwer und das T-Shirt klebt mir auf der Haut. Doch nach jeder Kurve werde ich für die Anstrengung mit der Schönheit der Landschaft entschädigt.

Zur Mittagspause kommen wir in einem kleinen Dorf mit einer wunderschönen Kirchenruine an, umgeben von einem alten Friedhof. Hier machen wir Mittagspause und Puncta. Peter regt uns zum Nachdenken über den Text "Von der Freiheit eines Christenmenschen" von Martin Luther an:
"Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. -
"Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan."

Gut, dass wir im Schweigen weitergehen, denn es gibt soviel nachzudenken.
Nach dem Schweigen und beim Gehen am Nachmittag kommt es immer wieder zu guten und tiefen Gesprächen, mal mit dieser Frau, mal mit diesem Mann. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell Nähe entsteht, wie man sich frei von der Leber von seinen Sorgen, aber auch von seinen Freuden erzählt. Schließlich sind wir alle Pilger und suchen nach dem Weg... Wir kommen natürlich auch am berühmten "Oppenheimer Krötenbrunnen" vorbei und bald sieht man schon von weitem das Ziel: Die Oppenheimer Katharinenkirche, ein großer Prunkbau mit ganz vielen wunderschönen Fenstern.
Angekommen? Ja, ich will ankommen!

Ob es wohl eine Dusche geben wird?
Und morgen? Da soll ein Regentag sein...

Elisabeth Feldhues-Sandten, Warburg