Pilgern - Erfahrungsberichte

27.07.2015 Von Oppenheim nach Königsstätten

Oppenheim. Flötenwecken durch Elke und Cordula. Aufstehen um 5 Uhr. Wie schön ist das Schweigen. In aller Ruhe, ganz für mich, kann ich mich bereiten für den Tag. Derweil ist die Küchencrew emsig, Leslie und Wolfgang packen die schweren Koffer in den Bus - wie jeden Morgen. Ich sitze im Speiseraum. Noch ganz für mich sein, Stille. Ein heißer Kaffee steht vor mir. Frische Brötchen, noch warm.

Claudia hält den Gottesdienst im Westchor der großen gotischen Kirche Sankt Katharinen. "Freiheit, die ich meine." Pilgern heißt, den Standpunkt verändern. Aufbrechen auf den Weg meint auch ein Aufbrechen im Innern. Überflüssiges weglassen, frei werden von Ballast. Befreiung durch die Zusage von Jesus.

Wir brechen auf im Regen, kommen an einem Haus vorbei, in dem Luther, noch eine Tagesstrecke von Worms entfernt, Station gemacht hat. In Nierstein dann die Fähre, die uns ins hessische Ried bringt. Dort scheint auch wieder die Sonne. Auf der Fähre gibt es - Überraschung! - wieder eine Weinprobe. Der Pilger nimmt dankend an, was ihm an Wegzehr zugemutet wird, auch morgens um 8:30 Uhr.

Wir pilgern durch eine schöne und ruhige Auenlandschaft, sehen Rehe und Störche, laufen auf Deichen gegen den Wind. Heike hält die Puncta. Sie erinnert an die Gedanken vor dem Pilgerweg, den Ängsten, Befürchtungen, Bedenken. Diese hatte auch Martin Luther, als er sich auf den Weg zum Reichstag nach Worms machte. Am 15. April 1521 setzt er über den Rhein nach Oppenheim und nimmt dort Unterkunft. Freunde versuchen auch dann noch, ihn zu überreden, nicht nach Worms zu fahren, sich keiner Gefahr auszusetzen. Aber Luther wankt nicht. Er dichtet in Oppenheim die evangelische Hymne:
Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.

Durch seine spätere Übersetzung der Bibel ins Deutsche ist es den Menschen möglich, von der Gnade Gottes zu erfahren, von der Erlösungstat Jesu, die uns den Weg zu Hoffnung und Freiheit eröffnet, uns wegführt von der Angst-Religion.
Die Mittagspause und das Bibelteilen (Lukas 4, 16-30; Jesus in Nazareth) machen wir in der evangelischen Kirche von Trebur.

Über Nauheim geht es durch Wohnsiedlungen nach Königstädten, wo uns der Pfarrer herzlich begrüßt. In neuer Kirche und Gemeindehaus gibt es viele Schlafmöglichkeiten, aber vorher beglückt uns die Frauengemeinschaft mit leckerer Suppe und Würstchen.

In der alten, offenen Kirche von Trebur halten wir abends die Andacht. Dort informiert uns Manfred Gerland auch über die Idee, anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 einen Lutherweg auszuweisen, die Strecken zu markieren, kirchliche und weltliche Gemeinden dafür zu gewinnen und zu begeistern. Aber nicht den Tourismus zu fördern sollte Hauptanliegen des Jubiläums sein, sondern dass wir Christen, evangelische wie katholische, uns noch einmal versichern, was die Reformation für uns alle an Ertrag gebracht hat. Eben nicht nur eine "Kirchenspaltung" (die gab es auch schon seit dem 11. Jahrhundert zwischen der westlich-katholischen Kirche und den östlich-orthodoxen Kirchen), sondern das Evangelium in deutscher Sprache, die Gnadenlehre anstelle von Leistungsfrömmigkeit und die "Freiheit des Christenmenschen". Der Begriff "Gegenreformation" hört sich zwar hart und nach einer Roll-Back-Strategie an (war es ja auch), aber die Reformation hat eben auch die katholische Kirche gezwungen, sich neu auszurichten, z.B. in den Beschlüssen des Konzils von Trient (1545).

Aufgefordert, eine "katholische Sicht" auf das Reformationsjubiläum zu werfen, teilt uns Bruder Rolf seine persönlichen Ansichten darüber mit. Für ihn sei dieses Jubiläum weniger ein Anlass zum Jubel denn zum Nachdenken. Zum Nachdenken über Trennung und Gemeinsamkeit und darüber, was sich von beiden Konfessionen lernen und fruchtbar machen ließe. Beispielsweise mehr in der Bibel zu lesen für Katholiken wie auch mehr Liturgie (Osterkerze etc.) bei den Evangelischen. Für Bruder Rolf zählt neben der Freiheit immer auch der Gehorsam, bzw. die Unterordnung: "Ich darf meinen eigenen Vogel nicht für den Heiligen Geist halten." Sowohl Luther als auch die Papst-Kirche waren in ihren je eigenen Standpunkt verrannt und haben der anderen Seite nicht mehr zugehört.

Für evangelische Christen gäbe es durchaus etwas zu feiern, erwiderte Manfred Gerland. Für Evangelische hätte "die Kirche" nicht diese große Bedeutung wie für Katholiken. Das Individuum stehe unmittelbar vor Gott und habe nur dem Evangelium zu gehorchen, notfalls auch gegen den Papst oder die Landesherren. Diesen wichtigen Unterschied müssten wir in der Ökumene aushalten.

Damit hatten wir Pilger nun genügend "Material", um uns in den nächsten Tagen über die Reformation auszutauschen. - Alsdann flugs und fröhlich geschlafen.

Manfred F. Backhaus, Niederbrechen