Pilgern - Erfahrungsberichte

28.07.2015 Von Königsstädten nach Neu Isenburg

Der heutige Weg war ein Weg voller Gegensätze.
Schon am Morgen ging es los. Ich weiß nicht, ob ich von unserem Weckdienst oder vom ersten Flugzeug, das pünktlich um 5 Uhr über uns wegdonnerte, wach wurde. Um 5 Uhr endet das Nachtflugverbot vom Frankfurter Flughafen und dann ist es mit der Ruhe vorbei. Die Flieger sollten uns den ganzen Tag begleiten.
Um kurz nach 7 Uhr ging es los in Richtung Neu-Isenburg. Gleich hinter Königstädten beginnt ein schöner Wald mit alten Buchen. Dort, an einer kleinen Schutzhütte, hielt Margit die Puncta in Form eines Bibliologs über den 18. Psalm. Da man sich in verschiedene Personen oder Gegenstände im Text hineinversetzt, kann man Dinge, die einen besonders berühren, viel leichter aussprechen.Für mich ist es eine besonders intime Möglichkeit, sich der Bibel zu nähern.
Dass der 18. Psalm im Mittelpunkt stand, war für mich besonders schön. Vieles, was König David dort erzählt, kann ich auch auf mein eigenes Leben übertragen. Vor allem der Satz: "Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen" ist für mich zu einem Lebensmotto geworden.
Während der Puncta donnerten die ganze Zeit die Flugzeuge über uns hinweg. Im Minutentakt begleitete uns ihr Dröhnen durch die Stille. Wieder so in Gegensatz: Unten die schweigenden Pilger - und am Himmel die lauten Flugzeuge.
Das Schweigen beendeten wir im Mönchsbruch bei Mörfelden. Hier kam mir spontan ein weiteres Psalmwort in den Sinn: "Du stellst meine Füße auf weiten Raum".
Der Mönchsbruch ist ein breites Wiesental zwischen den Kiefernwäldern rund um Frankfurt. Ein kleiner Bach, an dem Libellen schwirren, schlängelt sich hindurch. Und auf der Wiese stehen Damhirsche, von denen hier ungefähr 400 leben. Hier hatte ich zum ersten Mal auf dem Pilgerweg das Gefühl, so richtig tief durchatmen zu können. Nur schade, dass dieses Idyll genau am Ende der Startbahn West liegt.
Da war er wieder, der Gegensatz: Die äsenden Hirsche, die Libellen, der plätschernde Bach - und die Flugzeuge. Lärm und Stille nah beieinander.
Nach einer kurzen Pause ging es weiter nach Walldorf. Dort hielten wir unsere Mittagsrast.
Walldorf hat zwei Kirchen gleich nebeneinander:
Die alte, heute viel zu kleine Kirche wurde von Waldensern gebaut. Die Waldenser sind eine Glaubensgemeinschaft, die sich Ende des 12. Jahrhunderts um Petrus Valdes in Lyon gegründet hat. Ihnen fehlte die Bescheidenheit in der Kirche und ihr Anspruch auf weltliche Macht war für sie mit dem Leben der Apostel nicht in Einklang zu bringen. So führten sie ein einfaches Leben außerhalb der offiziellen Kirche. Im 16. Jahrhundert nahm ihre Verfolgung dann so zu, das viele Waldenser nach Deutschland flohen und so auch nach Walldorf kamen.
Gleich neben der alten Kirche steht die neue, viel größere Kirche, die aber ganz im Sinne der Waldenser sehr schlicht gehalten wurde. Der Pfarrer berichtete uns, das sie ein wenig an die Höhlen-Kirchen erinnert, in denen die Waldenser in ihrer alten Heimat Gottesdienst feiern mussten.
In Walldorf begegnete uns auch der 18. Psalm wieder. Der Leitspruch der Waldenser lautet: Lux lucet in tenebris - Das Licht leuchtet in der Finsternis. David sagte in seinem Psalm: Gott macht meine Finsternis licht.
Ich finde es immer wieder schön zu sehen, dass die Worte der Bibel den Weg in unseren Alltag finden. - Walldorf war für mich etwas ganz Besonders.
Gegensätze können nicht nur trennen, sondern auch verbinden. So haben die Waldenser durch ihre Flucht nach Hessen die Region bereichert und der Kontrast zwischen der alten und der neuen Kirche zeigt, das Alt und Jung prima nebeneinander existieren können. - Ganz so wie bei uns Pilgern.
Auf unserem Weg nach Neu-Isenburg kamen wir dann noch durch Zeppelinheim. Der Ort wurde erst 1934 gegründet. Dort lebten die Arbeiter der Zeppelinwerft und ihre Familien.
Wir sahen zwei kleine Mädchen in ihrem Kindergarten, die lecker Käsekuchen und Muffins aus Sand gebacken hatten. Außerdem zeigten sie uns ein wildes Tier: Sie hatten einen Mistkäfer gefangen! Ganz schön mutig, die Beiden!
Auf dem weiteren Weg durch den Wald verloren wir für kurze Zeit die Rosenkranzgruppe. Bei ihnen ging unser Streckenmeister und leider hatten die Gruppen dahinter den Blickkontakt verloren, aber beim Bahnhof von Neu-Isenburg wurden wir wieder vereint. Allerdings nur für kurze Zeit, dann trennten sich unsere Wege wieder: Diesmal in eine Schwimmbadgruppe und in eine Quartiergruppe. -
Am Abend bei deftigem Leberkäse waren wir dann alle wieder zusammen und konnten auf einen ereignisreichen Tag zurückschauen.
Dieser endete mit einem Gottesdienst in der katholischen St.-Josefs-Kirche und der Anbetungsnacht.
Für mich endete ein Tag mit so vielen Eindrücken, die ich hier nicht alle in Worte fassen kann. Ich möchte Gott aber dafür danken, dass ich ihn erleben durfte.

Heike Schönewolf, Vellmar