Pilgern - Erfahrungsberichte

29.07.2015 Von Neu Isenburg nach Bad Vilbel

Etwas mulmig ist mir schon zu Mute, als uns Manfred am Morgen verkündet, dass uns heute eine Premiere und zugleich ein Wagnis bevorsteht: Heute wird unser Weg nicht wie in den vorherigen Tagen durch Weinberge, Wälder und kleine Ortschaften führen. Nein, heute werden wir mitten durch Frankfurt pilgern. Schon seit einigen Tagen ist uns die Nähe der Großstadt durch das "Zwitschern der Blechvögel", wie es Michael ausdrückt, bewusst geworden. Und heute also mitten durch diese moderne Großstadt, die sich mit all dem Trubel, Lärm und Verkehr nur schwer mit unserer Wallfahrt mit seinen Besinnungspunkten vereinbaren lässt. Also auf zu einer neuen Erfahrung! Tradition und Religion trifft die Großstadt: Also auf mit dem Kreuz vorneweg durch Frankfurt, das Martina wieder liebevoll geschmückt hat. - Nach unserem Frühstück in der St.-Josefs- Gemeine in Neu-Isenburg, bei dem wir noch Reste des Abendschmauses genießen können, machen wir uns auf den Weg. Als Abschiedslied singen wir für den Gemeindepriester "Möge die Straße uns zusammenführen".

Mit Wilfried machen wir zur Puncta eine Wahrnehmungsübung: Er reicht uns einen Ast, der mit frischen grünen Blättern behangen ist. Alle etwa gleich groß, gleich grün, gleich geformt. Jede/r darf sich ein beliebiges Blatt abreißen und hat Zeit, es genauer zu erkunden. Ich staune über mein Blatt: die kleinen Äderchen, die das Blatt durchziehen und die ich nur sehen kann, wenn ich es gegen das Licht halte; die symmetrisch ausgerichtete Form; die winzigen Härchen, die das Blatt einrahmen. Im Kontrast zu diesem kleinen perfekten Konstrukt betrachte ich auch das kleine Makel, welches das Blatt einzigartig macht: ein kleines Löchlein befindet sich fast in der Mitte des Blattes. Ich schaue hindurch und mein Blick beschränkt sich nun auf einen einzigen Punkt, der vor mir liegt. Meine Sicht ist eingeschränkt, doch es ist mir vergönnt all meine Aufmerksamkeit auf eine Stelle zu richten und mich nicht ablenken zu lassen.
Die Blätter werden in einem Hut gesammelt und nach einigen Minuten sollen wir "unser Blatt" aus der Vielzahl an Blättern heraussuchen. Ohne große Schwierigkeiten finde ich mein Blatt, denn es gleicht den anderen nicht, es ist einzigartig und genauso einmalig wie jede/r einzelne von uns. Ich muss an die Geschichte des kleinen Prinzen und seine Rose denken. Auch er denkt am Anfang, dass sich alle Rosen gleichen, doch dann erkennt er, dass seine Rose einzigartig ist, weil sie sich ihm vertraut gemacht hat.
Zum Abschluss der Puncta singen wir das wunderbare und berührende Lied:

Ins Wasser fällt ein Stein

Ins Wasser fällt ein Stein,
ganz heimlich, still und leise;
und ist er noch so klein,
er zieht doch weite Kreise.
Wo Gottes große Liebe
in einen Menschen fällt,
da wirkt sie fort
in Tat und Wort
hinaus in uns're Welt.

Ein Funke, kaum zu seh'n,
entfacht doch helle Flammen;
und die im Dunkeln steh'n,
die ruft der Schein zusammen.
Wo Gottes große Liebe
in einem Menschen brennt,
da wird die Welt
vom Licht erhellt;
da bleibt nichts,
was uns trennt.

Nimm Gottes Liebe an.
Du brauchst dich nicht allein zu müh'n,
denn seine Liebe kann
in deinem Leben Kreise zieh'n.
Und füllt sie erst dein Leben,
und setzt sie dich in Brand,
gehst du hinaus,
teilst Liebe aus,
denn Gott füllt dir die Hand.

Wir laufen weiter durch den Frankfurter Stadtwald, über die ehemals letzte Brücke über den Main, halten einige Zeit am Dom St. Bartholomäus inne und gehen weiter durch die Altstadt. Ich überdenke meine Vorurteile gegenüber Frankfurt: Die Altstadt mit seinen Fachwerkhäusern sagt mir in seiner Gestaltung durchaus zu. Frankfurt ist eben nicht nur eine graue Großstadt, sondern hat auch reizvolle Ecken zu bieten. - In der Mittagszeit finden wir uns in der Lutherkirche ein. Dort feiern wir mit Christiane unseren Taufgedenkgottesdienst. Unsere jüngste Mitpilgerin Luisa rundet den Gottesdienst mit einem eigenen Erfahrungsbericht ihrer Taufe ab. Nach dem Gottesdienst hallen in mir Luthers Worte nach, die uns Christiane in ihrer Predigt erläutert hat: "Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern."
Nach einer Stärkung mit Kaffee und Saft aus der Gemeinde und unserem Proviant machen wir uns an die Bibelarbeit zu Matthäus 6,25-34. Danach pilgern wir weiter durch die hübsche Altstadt von Alt-Seckbach und genießen schließlich vom Lohrberg aus den Blick auf die Skyline von Frankfurt. Wir verabschieden uns von unserem Streckenmeister Steffen und gehen weiter im Schweigen. Manfred hat uns für diese Zeit nur ein einziges Wort mit auf den Weg gegeben: "ENT-Sorgung".

Am Abend haben wir noch die Möglichkeit, eine Runde im örtlichen Schwimmbad zu drehen und werden schließlich mit einem stärkenden Abendessen (Kartoffeln, Quark, Joghurt und Obst) verwöhnt. Wir schließen den Tag mit einem gemeinsamen Zwischenresümee (und Bier und Radler) ab: Jede/r hat die Möglichkeit, in sich zu gehen und für sich zu entscheiden, welcher Aspekt bis jetzt sehr positiv und welcher eher negativ herauszuheben ist.

Für mich war dieser Tag ein ganz besonderes Erlebnis: Ich konnte ganz deutlich spüren, wie mich die Gruppe getragen hat. Es war heute nicht leicht für mich, weil sich gerade die 'Vögel der Sorge und des Kummers' ein großes Nest in meinem Haar bauen wollten. Doch ich hatte das Gefühl, dass jeder einzelne, mit dem ich heute einen Moment teilen konnte, ein Ästchen aus diesem Nest entfernt hat und mich somit bei der ENT-Sorgung unterstützt hat.

Tabea Gottfried, Dresden




Tabea Gottfried

Puncta:
Wer Schmetterlinge lachen hört… (Novalis)
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken.
Der wird im Mondschein ungestört
von Furcht die Nacht entdecken.

Der wird zur Pflanze, wenn er will -
zum Tier, zum Narr, zum Weisen
und kann in einer Stunde
durchs ganze Weltall reisen.
Er weiß, dass er nichts weiß,
wie alle anderen auch nichts wissen,
nur weiß er, was die anderen
und er noch lernen müssen.
Wer in sich fremde Ufer spürt
und Mut hat, sich zu recken,
der wird allmählich ungestört
von Furcht sich selbst entdecken.
Abwärts zu den Gipfeln
seiner selbst blickt er hinauf,
den Kampf mit seiner Unterwelt
nimmt er gelassen auf.
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein ungestört
von Furcht die Nacht entdecken.
Der mit sich selbst in Frieden lebt,
der wird genauso sterben -
und ist selbst dann lebendiger
als alle seiner Erben.
---------------------------------------------------------------------
"Gib, dass ich tu mit Fleiß, was mir zu tun gebühret,
wozu mich Dein Befehl in meinem Stande führet.
Gib, dass ich’s tue bald - zu der Zeit, da ich’s soll -
und wenn ich’s tu, so gib, dass es gerate wohl."
Amen, Amen.
Ihr Lieben, Tage der Nachdenklichkeit, Gedanken über Körper/Geist und Sinne.
Ach, einfach so: Danke für die Zeit!

Wie besprochen die Texte, welche in "meine/unsere Puncta" eingeflossen sind - neben den Blättern des Baumes. - Geht davon aus, dass ich dort, wo Schmetterlinge auftauchen, immer auf ihr Lachen höre und: Wir schmecken auch die Wolken!
Wilfried Endriss, Kassel