Pilgern - Erfahrungsberichte

30.07.2015 Von Bad Vilbel nach Friedberg

Morgens vor unserem Aufbruch in Bad Vilbel nehmen wir Abschied von Esther, die nach Hause abreisen muss. Das Lied "Ins Wasser fällt ein Stein" berührt uns alle sehr.

Streckenmeister sind heute Roswitha und Norbert Greulich, die uns den ganzen Tag begleiten und wunderbar ans Ziel bringen. Noch in Bad Vilbel - gegenüber dem Schwimmbad - gestaltet Elke die Puncta. Es geht ums Abschiednehmen, etwas in uns sterben zu lassen, um Neuem Platz zu machen. Was heißt "abschiedlich leben"? Im Mittelalter war abschiedlich leben eine Lebenskunst: Die Erkenntnis, dass nichts von Dauer ist und dass man etwas wagen muss ohne Sicherheit. Paulus sagt: "Ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben. Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir." Das Gesetz steht für Erstarrung. Was heißt "Gesetz" für uns? Besitz, Gesundheit…? Was ist mein Gesetz? Wovon will ich mich verabschieden? Was heißt glauben? Es bedeutet lieb haben, leben, das Lebendige lieben; es ist eine Grundhaltung des Vertrauens in das Leben. Was heißt Freiheit? Der Begriff ist doppeldeutig: Wir sind frei von etwas, um für etwas zu leben.

Dann gibt Elke uns noch ein wunderbares Gedicht von Hilde Domin an die Hand:

Mit leichtem Gepäck

Gewöhn dich nicht.
Du darfst dich nicht gewöhnen.
Eine Rose ist eine Rose. Aber ein Heim ist kein Heim.
Sag dem Schoßhund Gegenstand ab,
der dich anwedelt aus den Schaufenstern.
Er irrt. Du riechst nicht nach Bleiben.
Ein Löffel ist besser als zwei.
Häng ihn dir um den Hals, du darfst einen haben,
denn mit der Hand schöpft sich das Heiße zu schwer.
Es liefe der Zucker dir durch die Finger,
wie der Trost, wie der Wunsch, an dem Tag, da er dein wird.
Du darfst einen Löffel haben,
eine Rose, vielleicht ein Herz und - vielleicht - ein Grab.


Kurze Zeit später am Erlenbach passiert es: Elke merkt, dass sie ihre Gleitsichtbrille nicht mehr hat. Alle suchen. Aber schlussendlich muss Elke sich von ihrer Brille verabschieden…

Wir durchqueren Niedererlenbach, links liegt der Taunus und vor uns die Wetterau mit ihren guten Böden. Getreide, Raps, Zuckerrüben, Salat in Monokultur ohne ein Hälmchen Unkraut; keine "störenden" Hecken oder Blühstreifen, da der Boden für die Erträge so wertvoll ist.

Gegen Mittag gelangen wir zur evangelischen Kirche in Petterweil-Karben, der Martinskirche, eine der ältesten Kirchen der Wetterau - alles in hellgrau gehalten, abgesetzt mit braunrot. Hier halten wir Gottesdienst mit Abendmahl. Manfred gestaltet den Gottesdienst auf dem Wege als Stärkung für Seele und Geist. Wie bereits in der Puncta geht es um Sterben und Leben. "Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu Eigen dir." Das kleine Ego muss sterben, um zu einem freien Menschen zu werden. Martin Luther verzweifelte an dem Gefühl, dass alles, was er tat, nicht ausreichte, um einen gnädigen Gott zu bekommen.

Heute fragen wir uns: Wie und von wem bekomme ich Anerkennung? Was tue ich alles, um beliebt zu sein? Mortificación = Sterbetraining (Anmerkung: Bei Tante google finde ich nichts dazu ;-)). Auch im Text von Teresa von Avila geht es ums Sterben des Ich und die Freiheit, in Gott zu leben.

Dann befällt mich der Gedanke: Wie abgefahren ist das denn? Was mache ich eigentlich hier? Dann wieder Tränen beim Lied "Großer Gott, wir loben Dich". Ja, es ist alles richtig. Ich bin zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit lauter wunderbaren Menschen!

Wir queren weiter die Wetterau, gehen durch Oberwöllstadt. Unser Tagesziel Friedberg sehen wir in der Ferne. Der Weg vom Ortseingang bis zum Quartier zieht sich. Heute ging es achtundzwanzig Kilometer meist durch freies Feld und viel über Asphalt. Noch machen die Füße mit, meine jedenfalls…


Jutta Kling, Mainz