Pilgern - Erfahrungsberichte

01.08.2015 Von Hungen nach Grünberg

Um halb Fünf klingelt mein Wecker und reißt mich aus dem Tiefschlaf. Schnell schalte ich den Alarm aus, um die anderen nicht auch schon aufzuschrecken. Total verschlafen tapse ich zur Toilette, mache "Katzenwäsche" und ziehe mich an. Dann bugsiere ich leise mein Gepäck aus dem "Schlafsaal" in den Flur und verstaue alles wieder in Koffer und Rucksack. Als ich zum Küchendienst antrete, arbeiten Annegret, Anita, Doris, Erika und die beiden Ingrids schon konzentriert an der Vorbereitung des Frühstücks. Ich bin voller Bewunderung für Ingrid, die dieses Mal wieder mit großem Engagement das Küchenteam leitet - vor allem, weil sie für uns jeden Morgen um 4.30 Uhr aufgestanden ist: ein dickes Dankeschön! Um Fünf wird "der Rest" von Heike und Tabea mit Singen geweckt und um Sechs sitzen alle ganz still an den Tischen, bevor Iris mit Luthers Morgensegen das Schweigen bricht. Es gibt wieder mal frische Brötchen: Ich glaube, das ist diesmal eine echte Verwöhn-Tour - na ja, bis auf das frühe Aufstehen… Beim Aufräumen und Säubern des Kulturzentrums helfen wieder viele mit; Margret fegt zum Schluss noch alles besenrein.

Peter gibt uns noch Infos zum Tag und um Sieben sind wir schon wieder auf dem Weg. Kurz vor acht Uhr bekommen wir von Manfred den ersten Impuls für unseren "Puncta-Meditationsweg" mit Worten von Alfred Delp: "Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen." Wir gehen im Schweigen - und nehmen die wunderbare Schöpfung in all dem wahr, was uns umgibt: Gräser und Blumen, Bäume und Sträucher, Bäche und Seen. Beim zweiten Impuls nehmen wir eine Handvoll Erde auf: "Von der Erde bist du genommen, aber sei gewiss, Gott kennt dich und sieht dich." Ja, die Erde ist voll der Güte des Herrn - und wir sind ein Teil von ihm! Gott, Du bist die Quelle des Lebens und in deinem Licht sehen wir das Licht: Danke! Wir singen "All meine Quellen sind in dir" und machen uns bewusst: Wer von Jesus trinkt, wird selbst zur Quelle, in dessen Nähe andere sich erfrischen können. - Danach üben wir, "ganz Ohr" zu sein. Wir lauschen den Geräuschen, die uns umgeben, und greifen dann eins heraus, um es besonders zu beachten. Das Hören ist die erste Wahrnehmung des Menschen. Wir werden in eine laute Welt hineingeboren - und vertraut ist uns nur die Stimme der Mutter. Spirituelles Hören meint, dass wir mitten in der Angst die vertraute Stimme des Vaters im Himmel hören können: Du bist mein geliebtes Kind! Und die Herausforderung unseres Lebens wird immer bleiben, dass wir aus den vielen Stimmen, die uns umgeben, die Stimme Gottes heraushören. Wir üben, in der Stille zu lauschen und dabei unsere Haut vom Wind sanft streicheln zu lassen.

Peter begrüßt Manfred, der uns von Nonnenroth her entgegen gekommen ist; er geht das letzte Stück des Weges mit uns. In der Reformierten Kirche werden wir von Pfarrer Dell empfangen. Er erzählt uns einiges zur Geschichte des Gotteshauses und spielt für uns "Amazing Grace"; danach stimmen wir "Lobe den Herren" an. - Als wir uns wieder auf den Weg machen, werden meine Blasenschmerzen schlimmer und ich sage Cordula, dass sie mit nach einer Apotheke Ausschau halten soll, weil ich jetzt wohl doch ein Antibiotikum brauche. Erika hatte ich auch schon davon erzählt - und sie fragt kurzerhand den Ortsvorsteher, der uns das nächste Stück begleitet, ob er weiß, wo eine Apotheke ist. Er erkundigt sich, was das Problem ist, und sagt: "Da kann ich helfen. Meine Frau hat von ihrer Ärztin etwas für Blasenentzündungen verordnet bekommen und brauchte es nicht. Ich hole das Medikament nachher und bringe es zur Mittagsrast." Was für eine wunderbare Fügung am Rande: Danke, lieber Vater im Himmel!

Kurz nach Elf kommen wir an der Evangelischen Kirche in Röthges an. Der Ortsvorsteher begrüßt uns und dann feiern wir Gottesdienst unter der Leitung von Iris: "Mitten am Tag ein Innehalten: Gott ist gut!" - "Ich lobe meinen Gott von ganzem Herzen" singe ich voller Begeisterung mit - und lausche dem Predigttext aus Apostelgeschichte 16. Erstaunt nehme ich wahr: Paulus und Silas sitzen im Kerker - und was tun sie? Statt sich über ihre missliche Situation zu ärgern, singen sie Gott Loblieder! Das möchte ich auch lernen…Nach dem Segen verteilen wir uns im großen Pfarrgarten: eine Stunde Zeit im Schweigen - wie gut! Ich esse nur noch mein letztes Brot und falle in tiefen, erholsamen Schlaf. Die Glocke weckt mich zum Bibel-Teilen. Wir scharen uns um Elke, die heute für uns die Anleitung macht. Besonders gefällt mir ihre Aufforderung, den von uns gewählten Satzteil mit kleinen Pausen dreimal hintereinander zu lesen; so fallen mir die Worte noch mehr ins Herz.

Und dann ist schon wieder Aufbruch dran; die letzte Wegstrecke will unter die Füße genommen werden. Mit intensiven Gesprächen vergeht die Zeit wie im Flug. Am Ortseingang von Grünberg erwartet uns Dekan Heide und erzählt uns ein bisschen über "seine" Stadt. Dann teilen wir uns in zwei Gruppen auf: Über die Hälfte von uns zieht Richtung Schwimmbad (ach, da wäre ich auch gern dabei gewesen) und die anderen werden von Dekan Heide über einen schönen Waldweg bis zu einem Kneipp-Tretbecken geführt. So sind auch wir schon etwas erfrischt, ehe wir in der Stadtkirche ankommen und schon mal den schönen Gottesdienstraum im ersten Stock anschauen können. Die Kirche hat sich für diese Lösung entschieden, um im unteren Bereich Gemeinderäume zu gewinnen - für Kindergottesdienst, Küche und kleine Gruppen. Davon profitieren wir und können nun die vielen Räume nutzen, um uns schon mal einzuquartieren. Als die anderen vom Schwimmbad kommen, ziehen wir zusammen mit Gesang in die Kirche ein. Nach dem leckeren Abendessen treffen wir uns zur Feedback-Runde: So viel haben wir empfangen, so viel Gutes haben wir von Gott und Menschen bekommen! Um neun Uhr schließen wir unsere Pilgertour mit einem Segnungsgottesdienst ab. Christiane, Iris, Manfred und Michael stehen mit jeweils zwei "Paten" bereit, um unsere Anliegen zu hören und uns zu segnen. Mit der gesungenen Bitte "Herr, bleibe bei uns" verabschieden wir uns in unsere letzte gemeinsame Nacht.

Margit Skopnik-Lambach, Marburg