Pilgern - Erfahrungsberichte

02.08.2015 Abschied in Grünberg

Wir sind von gestern bis heute Gäste der evangelischen Stadtkirche in Grünberg.
Zum Schluss dürfen wir noch einmal in der Kirche schlafen - welch ein Glück!

Irgendwann nachts wache ich auf. Ich liege mit meinem Schlafsack hinter dem Altar in dem kleinen Raum der Stille unter einem wunderschönen Gewölbe. Der Raum ist voll von mildem, buntem Dämmerlicht. Es ist ganz ruhig - Atmen irgendwo im großen Kirchenraum - am Liebsten würde ich die Zeit anhalten. Die besondere Ruhe, die man in den weiten, stillen Räumen der Kirchen finden kann, will ich mitnehmen in meinen Alltag. Gerade nachts empfinde ich an diesen Orten die Geborgenheit noch stärker. Ich weiß: Das werden für mich kostbare Erinnerungen, in die ich mich zurückziehen kann, wenn Lebenssituationen mich belasten - in sie kann ich "fliehen", wenn ein solcher Ort unerreichbar ist. Ich "bevorrate" mich mit Ruhe, Frieden, Geborgenheit, Weite, mit Freude und mit Farben.

Eine winzige, schmale Reihe in der Verglasung kann man schräg stellen - Morgenkühle zieht herein - köstlich... Weil wir heute nicht mehr weiter laufen, können wir eine Stunde länger schlafen als sonst - bis sechs Uhr. Ich drehe mich noch einmal um und wache erst vom Morgenlied wieder auf.

Ingrid ist mit ihrem fertig gepackten Koffer schon unterwegs in die Küche: ein letztes Mal opfert sie ihren Schlaf und bereitet mit dem Tagesteam das Frühstück für uns vor. Schon vorm eigentlichen Frühstück steht wieder Kaffee bereit - eine überaus freundliche Regelung… Dann werden die Reste aufgeteilt; jeder nimmt etwas mit.

Noch bevor "mein Amt" ruft (ich sorge dafür, dass wir die Räume sauber hinterlassen), kommen nach dem Frühstück einige auf mich zu: "Bei uns ist schon gefegt..." - " Die Bibliothek habe ich schon fertig gemacht." "Was kann ich noch helfen?" Das ist beeindruckende, verlässliche Solidarität. Viele haben das Ganze im Blick - ach, wäre es doch immer so!

Unausweichlich kommt der Abschied. Zum ersten Mal erlebe ich dieses sorgfältige, schöne Zeremoniell. In aller Ruhe stellen wir uns im Morgenlicht vor der Kirche im großen Kreis auf. Das Kreuz - 200 Kilometer weit getragen - liegt in unserer Mitte. In einer Schüssel wird ein Feuerchen angezündet und alle Gebetsanliegen - auch die, die wir aus den Gemeinden mit getragen haben, lassen wir beim Verbrennen los. So manches, was wir auf dem Weg in vertraulichen Gesprächen miteinander geteilt haben, sicher aber noch vieles mehr, was keiner weiß, vertrauen wir dem liebenden Gott an - er wird sich kümmern! Das glauben und hoffen wir und vollziehen es mit dieser symbolischen Handlung.

"Wechselnde Pfade - Schatten und Licht: Alles ist Gnade - fürchte dich nicht!"
Im Pilgerschritt gehen wir nun singend in enger werdenden Kreisen auf das Kreuz zu. Langsam, konzentriert - selbst als Neuling kann man sich in diesem "TUN" vergessen; durch die Sicherheit der anderen ist man schnell wieder im Schritt. Für mich wird das zu einem Zeichen, das auf vielen Ebenen passt. So möchte ich gerne leben - nicht nur in dieser Woche. Damit will ich rechnen: Mit wechselnden Pfaden, Schatten und Licht, im Glauben, in Beziehungen, bezüglich meiner Gesundheit: drei Schritte vor, einen zurück … ich spüre Einverständnis, Frieden über meinem Leben - Abschied gehört dazu. Alles ist Gnade - fürchte Dich nicht!
Dann der persönliche Abschied. Im Stimmengewirr, zwischen Lachen und Tränen kommen die ersten Familienangehörigen. Wann werden wir uns wohl wiedersehen?
Dann läuten die Glocken zum Gottesdienst. Die Gottesdienstbesucher können fast den Eindruck bekommen, dieses sei "UNSERE" Kirche - mit großer Selbstverständlichkeit hatten wir sämtliche Räume belegt, überall steht Gepäck und zwischendrin wuseln wir herum - wie viel Gastfreundschaft und Großzügigkeit haben wir auch hier wieder erlebt.

Mit zwei Liedern werden wir noch Teil des Familiengottesdienstes zum Thema "Arche". Dekan Heide versteht es, die Vielfalt der Archebewohner mit unserer bunten Pilgergruppe zu vergleichen. "Was uns rettet, sind nicht unsere Vorzüge, was uns scheitern lässt, nicht unsere Schwächen. Vielfalt zeichnet die Gemeinde aus und der Geist der Liebe", so sein Fazit.

Danach fährt Manfred Gerland den Gepäckbus zum Bahnhof - noch einmal Verabschiedung, dann gehen unsere Wege auseinander. Mit einigen teilen wir die erste Etappe: Schienenersatzverkehr bis Fulda. In der Hitze des Mittags genehmigen wir uns dort noch einen Kaffee und ein Eis. Was beim Pilgern herauskommt, zeigt sich dann in der verschämten Bemerkung von Luisa: "Ich bin so unermesslich!"
(Gemeint war: "maßlos" - sie hatte sich ZWEI! Kugeln Eis gegönnt…)

Wenn ich mich dann wieder an die "normale" Maßlosigkeit gewöhnt habe - und ich befürchte, dass dies nicht allzu lange dauern wird, kann ich ja im kommenden Jahr wieder mitpilgern. Dann wird mein Alltag wieder neu bewertet und justiert.
Schon jetzt freue ich mich auf ein Wiedersehen - bleibt behütet und gesegnet!

Wohin du auch gehst, geh mit ganzem Herzen. (Konfuzius)

Margret Schulz, Ahnatal