Pilgern - Erfahrungsberichte

15.07.16 Ankunft in Grünberg - Margret

Grünberg! Wieder in Grünberg!
Das hatte ich kaum zu hoffen gewagt und doch bin ich jetzt wieder da!

Im vergangenen Jahr hatten wir diesen schönen Ort mit Wehmut im Herzen verlassen, hatten uns voneinander getrennt.
Jeder war seinen eigenen Weg gegangen, hinein in den Alltag.
Jetzt die umgekehrte Bewegung.
Aus allen Himmelsrichtungen kommen wir zusammen.
Weil ich schon so früh angekommen bin,
sitze ich neben Ele am improvisierten "Empfang".
Wie schön, dass ich viele noch kenne und wie beglückt es mich, dass auch umgekehrt so mancher sich an mich erinnert - und sich ebenso über das Wiedersehen zu freuen scheint!

Erste Frage: WO dürfen wir schlafen?
Wieder in der Kirche?
Die ersten Plätze sind schnell belegt - dieses Privileg wird ganz schnell ergriffen!
Auch mein heimlicher Wunsch ist es, an der Stelle den Weg zu beginnen,
wo er im vergangenen Jahr geendet hat.
Zunächst aber üben wir Zurückhaltung, zumindest der Altarraum soll Andacht und Sammlung ermöglichen, wenn wir nachher mit der Komplet in die Nacht gehen.

Endlich: gemeinsamer Auftakt in den Bänken der vertrauten Kirche.
Der Bürgermeister, Herr Ide, begrüßt uns, bringt uns freundlich ausgesuchte Geschenke mit: die Gummibärchen kommen in den Rucksack, mit Kuli und Postkarte entstehen die ersten Grüße an die Liebsten daheim!
Und plötzlich sind wir drin, mitten im Pilgerweg: Was ist denn Ihr Anliegen, Ihr Wunsch für Ihre Gemeinde, wird Herr Ide nun - wie jeder Gastgeber auf dem Weg - gefragt. Gibt es ein Gebetsanliegen? " Ein gutes Miteinander der Menschen", lautet die Antwort. Ergreifend schlicht und doch so zentral ist dieser große Wunsch, den wir in der kommenden Woche "be - WEG - en" werden. Wie oft werden wir daran denken oder ihn auch vergessen? Wie schnell werden wir von eigenen Bedürfnissen und Anliegen gefangen sein?
Dankbar blicke ich auf die erlebte Gastfreundschaft in Grünberg zurück - wenigstens das wird bleiben.
Die ersten Lieder klingen durch die Kirche: Kommt herbei, singt dem Herrn...
Strahlen brechen viele... Die Himmel erzählen... So muss ja der Anfang sein! Treue Begleiter sind das, die sich in der Tiefe der Seele einnisten. Immer wieder hört man es später auf dem Weg summen, pfeifen und singen. Wie kann man pilgern, ohne zu singen?

Die Streckenwartin für den nächsten Tag wird uns vorgestellt: Birgit!
Zum gemeinsamen Beginn in der Kirche musiziert sie mit uns, strahlt uns an, versprüht allerbeste Laune und lädt uns zu einer abendlichen Stadtführung ein. Nach dem Abendessen geht es los.
"Worauf habe ich mich hier bloß eingelassen?" fragt sich so manche(r), als es heißt: "5 Uhr Wecken! 5.45 Uhr: späteste Abgabe des zu transportierenden Gepäcks!
6 Uhr Frühstück! 7 Uhr Abmarsch! Das Küchenteam steht um œ 5 auf!"
Uff, das betrifft auch mich.
Endlich das Abendbrot: Jeder hat ein Vesper dabei -
schnell ist es geteilt und verzehrt.

Die "kleine" Stadtführung in Grünberg ist spannend:
Brunnental, Brunnenhäuschen, Marktplatz mit Brunnen und Rathaus.
Schnell suchen wir den Briefkasten des Rathauses und befüllen ihn mit unseren Postkarten, denn die Stadt übernimmt sogar das Porto für die vielen Grüße!
Wo erlebt man schon so etwas? 
Dann: Augustinerkloster, Universitätsgebäude, Hospital und viele Fachwerkhäuser.

Das Schönste des Tages wartet schon. Endlich ist es 20.00 Uhr.
Mit der Komplet tauchen wir ein in die Ruhe der Nacht.
Mit der Komplet beginnt unser Schweigen.
Ein völlig anderes Schweigen als ich es zu Hause "habe".
Noch hört man es Huschen durch die Gänge, durch die Kirche. Noch pfeifen die Luftmatratzen, noch rascheln Tüten, Taschen, Schlafsäcke …
Aber die große Kerze auf dem Altar brennt ganz ruhig und verströmt ihr Licht in der zunehmenden Stille. Bald schon höre ich weit weg das erste Schnarchen und spätestens jetzt ist klar, dass ich wieder angekommen bin auf einem Weg, der auch Herausforderungen bereit hält.

Tatsächlich liege ich wieder in diesem wunderbaren Raum der Stille -
wie im vergangenen Jahr.
Eigentlich sind die Nacht und diese einmalige Atmosphäre viel zu schade, um zu schlafen. Wie könnte ich je genug haben von diesem besonderen Erleben?
Ich versuche möglichst lange wach zu liegen.
Ich frische meine Vorräte auf: die Vorräte von mildem Licht, von sanften Farben.
Ich bin mitten im großen weiten Raum, in tiefer Ruhe, in Geborgenheit, im Frieden.
Hier kann ich meinen Gedanken nach gehen - allen Gedanken!
Woher komme ich?
Was habe ich zurück gelassen?
Das sind die Fragen von vorhin, die in meinem Kopf wieder auftauchen.
Viel ist in diesem Jahr geschehen!
Darüber schlafe ich ein...

BEIDE sind für's Pilgern notwendig: die, die gehen - und die, die HERBERGE geben! - Wie wahr!