Pilgern - Erfahrungsberichte

18.07.16 Von Alsfeld nach Grebenau - Ulrike

Im Katholischen Pfarrzentrum Alsfeld schlafe ich gemeinsam mit dem Küchenteam in einem kleinen Raum direkt neben der Küche. Um 4.30 Uhr klingelt der Wecker. Ingrid schaltet zuerst die Kaffeemaschine an. Dann stellen wir Brot, Marmelade, Butter, Käse, Müsli, Obst und klein geschnittenes Gemüse für das Frühstück bereit. In der Messe um 7 Uhr spricht Bruder Rolf über eines der Werke der Barmherzigkeit: über die Aufforderung, Kranke zu besuchen. Die verbreitete Aussage "Hauptsache gesund!" stellt er in seiner Predigt in Frage; für ihn gehören Krankheit, Alter und Tod zum Leben dazu. Der Krankenbesuch ist ein wichtiger Dienst an anderen; dabei komme es darauf an, Nähe zu schenken und auf die Signale des Kranken zu achten. Mir gefällt, wie konkret und praktisch Barmherzigkeit gelebt werden kann und soll.

Begleitet von unserem Streckenmeister Hans-Werner Krug, der einen Medienverlag in Grebenau betreibt und engagiertes Mitglied des Vereins Lutherweg 1521 ist, verlassen wir Alsfeld und gehen durch Rapsfelder zum Waldrand hoch. Der Blick schweift über die Landschaft hinab ins Tal, Lerchen sind in der Luft zu hören, und wir stimmen an "Geh aus, mein Herz, und suche Freud!" In ihrer Puncta weist uns Heike Schönewolf darauf hin, dass man auch barmherzig gegenüber sich selbst sein dürfe. Sie sei in ihrer Arbeit im Pflegedienst an einen Punkt gekommen, an dem sie gemerkt habe: Wenn ich jetzt nicht etwas für mich selber tue, gehe ich kaputt. Sie ermutigt uns, sich einmal selbst aus dem Alltag raus zu nehmen, ein "gesunder Egoist" zu sein und sich Zeit für die eigenen Bedürfnisse zu nehmen - in der Gewissheit, von Gott als dem guten Hirten geführt zu werden. Schweigend gehen wir weiter. Der Duft des Sommers begleitet uns. Wir meditieren die Worte des 23. Psalms beim Gehen. Dankbarkeit erfüllt mich. Durch abgeerntete Getreidefelder gehen wir hinab ins Dorf Eifa.

Dort empfängt uns der Pfarrer der ev. Gemeinde in Eifa zu einer kurzen Rast im Gemeindehaus. Nach einer Stärkung aus dem Rucksack laufen wir durch den Wald. Licht und Schatten spielen miteinander. Das von der Sonne beschienene Holz duftet. Ich trage das Kreuz voran, das von Martina wie jeden Tag liebevoll mit Blumen geschmückt worden ist. Es fühlt sich gut an, das Kreuz voran zu tragen und die Gruppe im Rücken zu wissen. Es wird heißer. Im nächsten Dorf wird uns eine Gaststätte geöffnet, so dass wir Wasser nachfüllen können. Dann kommen wir an einem Erdbeerfeld vorbei und halten Nachlese. Die Früchte schmecken süß und stärken uns für die letzte Etappe. Wie gut, dass uns auf dem Weg immer etwas Unerwartetes geschenkt wird!

Unser Quartier in Grebenau ist die Johanniterhalle, eine große Fest- und Sporthalle der Gemeinde. Die meisten schlüpfen nun schnell in ihren Badeanzug. Manfred organisiert einen Shuttle-Service mit dem gelben Bus zum nahe gelegenen wunderschönen Waldsee, in dem wir uns erfrischen. Wie gut das tut! Im angrenzenden Sportlerheim können wir die Duschen nutzen. Dann erhalten wir ein gutes und reichhaltiges Abendessen, zwei Kästen Bier stehen ausnahmsweise bereit, und die Gespräche gehen an diesem Abend bis 22 Uhr. Der Streckenmeister verteilt Stempel und ist in seinem Element. Mich beeindruckt, dass alle Verantwortlichen, die wir bisher getroffen haben, auch die Bürgermeister der beteiligten Orte, sich ganz stark mit dem Projekt "Lutherweg 1521" identifizieren. Sie freuen sich und sind dankbar für unsere Pilgergruppe, denn nun können sie den Lohn für ihre Mühen ernten: Wir sind da und nutzen den Weg! Schön, dass es so viele Menschen gibt, die sich so stark für dieses Projekt einsetzen und es begleiten! Möge dieser Weg nicht nur unsere Pilgergruppe stärken, sondern auch zum Aufbruch für die Menschen am Wegrand werden!