Pilgern - Erfahrungsberichte

20.07.16 Von Niederaula nach Bad Hersfeld - Margit

Abends hat mir der Vollmond noch breit lächelnd den Weg zu meinem Schlaflager im Garten der Evangelischen Gemeinschaft Aulatal gezeigt. Isomatte und Schlafsack habe ich schon vorher neben den Sandkasten gelegt - und das wunderbare Konzert klingt noch in mir nach. Mit einem wohligen Gefühl krieche ich in meinen Schlafsack und schlafe augenblicklich ein. Um 5 Uhr weckt uns Sieglinde mit einem schönen Morgenlied. Und plötzlich merke ich: Der Garten lebt! So viele haben sich noch mit mir diesen herrlichen Schlafplatz ausgesucht; das hatte ich abends gar nicht mehr mitbekommen. Alle wuseln herum, gehen zur "Katzenwäsche" ins Haus und packen ihre Sachen. Wie gut, dass sich immer wieder ein Küchenteam findet, das noch früher aufsteht und alles fürs Frühstück vorbereitet! Die Losung, die Bruder Rolf vorliest, passt: "Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat". Und dann sitzen wir an schön gedeckten Tischen im Gottesdienst-Raum und lassen es uns schmecken. Detlef Weigel, Pastor der Evangelischen Gemeinschaft, ist schon wieder auf den Beinen. An ihn und die Gemeinschaft geht ein herzliches Dankeschön für die erlebte Gastfreundschaft! Mit dem Lied "Möge die Straße uns zusammenführen" bedanken wir uns und ziehen los. Sabine ist am Morgen zu uns gestoßen; ich freue mich, sie wiederzusehen und wir kommen schnell ins Gespräch miteinander.

Wolfgang und Ingrid sind unsere Streckenmeister. Gleich am Anfang ist ein steiles Wegstück zu überwinden. Und dann hält Peter die Puncta am Wegrand. Er erzählt ein Stück aus der eigenen Familiengeschichte - und wie er Vorurteile gegenüber einer Freundin seiner Tochter abbauen konnte, die dann sogar als "Gastkind" für längere Zeit bei ihnen lebte. Er ermutigt uns, Vertrauen zu uns selbst zu haben und Vertrauen in andere zu setzen. Das Gute in anderen sehen zu wollen, weckt oft positive Kräfte. "Wo habe ich Vertrauen - und wo brauche ich Vertrauen?" Diese Frage gibt er uns mit in die Schweigezeit. Mich bewegt die Geschichte, die er uns erzählt hat - und ich erinnere mich an unsere Familienzeit und an die Freunde unsere Kinder, die für kürzere oder längere Zeit bei uns zu Gast waren. Was wohl aus ihnen geworden ist? Ich bete für die, die mir in den Sinn kommen, und vertraue ihr Leben der Güte Gottes an. Mit dem Doppelgebot der Liebe "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allen deinen Kräften - und Deinen Nächsten wie Dich selbst" beendet Peter die Schweigezeit. Und wieder ergeben sich gute vertiefende Gespräche zum Thema auf dem Weg - einfach so, beim Nebeneinander-Hergehen. Das erstaunt und beglückt mich immer wieder…

Wir machen eine Rast am Gemeinschaftshaus. Ingrid erzählt uns vom Lager Pfaffenwald, das ganz in der Nähe war. "Gegen das Vergessen" werden Wege eingerichtet, die an die Gräuel des Nazi-Regimes erinnern, damit so etwas hoffentlich nie mehr passiert. Zum Abschluss singen wir gemeinsam "Freunde, dass der Mandelzweig wieder treibt und blüht, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe siegt" und legen eine Schweigeminute ein für die Frauen, die hier gelebt und gelitten haben. Ingrid gibt uns noch Infos über den weiteren Weg, dann ziehen wir weiter.

Es ist heiß auf dem Weg. An der Kirche in Asbach halten wir kurz inne und trinken - und dann ist es nicht mehr weit bis zu unserer Mittagspause im Eichhof. Wir lagern uns unter den großen Bäumen im Schatten und genießen unsere Brotzeit. Danach strecke ich mich auf meiner Matte aus, schaue in den Himmel und fühle mich total geborgen an diesem schönen Ort. Irgendwann bin ich fest eingeschlafen. Einige informieren sich an den Tafeln im Garten über die Arbeit der Hessischen Landes-Versuchsanstalt und schauen sich die verschiedenen Beete an. In kleinen Gruppen sammeln wir uns nach dem Läuten des Glöckchens zum "Bibel teilen" und lassen das Wort von Gott in unser Leben hineinsprechen. Kurz vor 15 Uhr brechen wir in drei Fürbitte-Gruppen auf: Die "Rosenkranz-Gruppe" geht mit Bruder Rolf zuerst los, dann folgen die "Herzensbeter" mit Manfred, danach kommen die "Perlen des Glaubens" mit Peter und zum Schluss gehen die Beter im Schweigen. So gesammelt sind wir mit den Gedanken bei Gott, bei
uns selbst und bei den Menschen, die wir vor Gott bringen.

Eine Stunde später werden wir von "Luther" im Kurpark von Bad Hersfeld empfangen. Die wundertätige Lullus-Quelle mit Heil-Mineralien wird schon 1518 erwähnt. Viele kranke Menschen pilgerten damals dorthin; der "Bettelbaum" könnte Geschichten erzählen. Neben dem Heilsamen verschweigt unser "Luther-Führer" aber auch die wenig ruhmvolle Geschichte Bad Hersfelds während der Nazi-Zeit nicht. So liegen oft Gutes und Schlechtes nahe beieinander - wie im wirklichen Leben auch. Wir singen "Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott, sei mit uns vor allem Bösen. Sei Hilfe, sei Kraft, die Frieden schafft; sei in uns, uns zu erlösen."

An der Kloster-Ruine hören wir, dass das Lullus-Kloster schon 769 gegründet wurde - und in Erinnerung an diese Zeit wird in Bad Hersfeld jedes Jahr das Lullus-Fest gefeiert. In der Ruine finden seit 66 Jahren die Bad Hersfelder Festspiele statt. Mit dem Mauerfall ist Bad Hersfeld wieder mehr in den Mittelpunkt Deutschlands gerückt und eine beliebtes Logistik-Zentrum für große Konzerne geworden.

Um 17 Uhr ziehen wir mit Glockengeläut in die Stadtkirche Bad Hersfeld ein. Der Dekan und der Pfarrer der Stadtkirche begrüßen uns, danach feiern wir die Heilige Messe mit Bruder Rolf. Er stellt das Werk der Barmherzigkeit "Nackte bekleiden" in den Mittelpunkt seiner Predigt. Von der Zeit im Paradies aus 1. Mose 3 bis zum Weltgericht-Szenarium aus Matthäus 25 spannt er den Bogen. Zu Beginn der Menschheitsgeschichte gab es eine natürliche Nacktheit, die keinen Schutz brauchte. Er erinnert an St. Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte - und an die heutigen Kleiderkammern, die helfen, Not und Armut zu lindern und Blöße zu bedecken. Wir Christen sind aufgerufen, die Würde jedes Menschen zu schützen - auch, wenn wir dafür verachtet werden. In der Stille beten wir für "Bloßgestellte", die ihrer Würde beraubt wurden. In der Eucharistie-Feier nach dieser Predigt wird mir das noch mal sehr deutlich: Christus ließ sich bloß stellen, verleumden, verachten - für uns! Bruder Rolf entlässt uns mit einem Segen, der mich tief berührt: "Seid, was ihr seid - und werdet, was ihr empfangen habt: Leib Christi!"

Nach dem leckeren Abendessen bekommen wir ausnahmsweise "Ausgang" in die Stadt. Bruder Rolf, Astrid und ich nehmen den direkten Weg zur Eisdiele. Kurze Zeit später stößt noch Karin dazu und wir genießen köstliche Eiskreationen in der Abendsonne. - Um 20 Uhr sammeln wir uns in großer Runde im Innenhof, um Bilanz zu ziehen: "Was läuft gut? Wodurch bin ich beschenkt? Welche Verbesserungsvorschläge habe ich für unser Miteinander?" Es gibt viele positive, ermutigende Rückmeldungen und ein großes Dankeschön an alle Vorbereitenden und die täglichen "Helferlein": Wie gut, dass wir so wertschätzend miteinander unterwegs sein können! Die Komplet beendet unsere Austausch-Runde und ich gehe mit einem dankbaren Gefühl des Gelingens in die Nacht: Danke, lieber Vater im Himmel, für das Leben-Dürfen unter dem geöffneten Himmel Deiner Gnade!