Pilgern - Erfahrungsberichte

21.07.16 Von Bad Hersfeld nach Friedewald - Sieglinde

Übernachtung im nagelneuen modernen Martin-Luther-Haus. Gegen 7.00 Uhr brechen wir auf, damit der Anblick von badenden Nymphen unter der Pilgerdusche oder schnarchende Schlafsackbündel den Dekan nicht länger von seiner Arbeit abhalten. Als Pilgergruppe sind wir bestimmt der Schreck jeder Kirchengemeinde.

Heute ist der Regen unser Begleiter. Unser Pilgerführer, Herr Otto, erläutert den Weg: 17 km haben wir vor uns, zunächst über den Petersberg mit einem schönen Blick auf Bad Hersfeld, durch den Kathenwald, Überquerung der Solz (wo Anfang des 19. Jhds. der Pfarrer samt Pferd wegen des schlechten Zustands des Holzstegs in die Tiefe stürzte. Da die Regierung in Kassel sich weigerte, den Steg in Ordnung zu bringen, quittierte er kurzerhand seinen Pfarrdienst in Kathus mit der Begründung, der Weg dorthin könne ihn und sein Pferd schließlich das Leben kosten …), dann Gottesdienst in Kathus und von dort vorbei am Kathuser Seeloch bis Friedewald.
Doch es kommt anders.

Während wir in der Kirche in Kathus Gottesdienst feiern, setzt heftiger Regen ein. Über dem Kathenwald hat sich ein Unwetter zusammengebraut. Wir suchen zunächst Schutz in einem leerstehenden Haus am Lindenplatz, dann sorgt Herr Otto dafür, dass wir in der Feuerwache im Trockenen sitzen und auf den Linienbus warten können, den Manfred schließlich organisiert. Gegen 14.30 Uhr treffen wir, ein bisschen nass, aber ausgeruht und heiter in unserem Quartier, einer großen Veranstaltungshalle in Friedewald, ein.

Wir haben heute also Zeit. Zeit um Themen zu vertiefen, für Bibelgespräch, zur persönlichen Besinnung, Zeit auch, um die aktuellen Geschehnisse, die wir nur bruchstückhaft als Kurznachrichten mitbekommen, in unser Bewusstsein sickern zu lassen .

Was bewegt mich heute?
Da ist zunächst die Geschichte von Ruth, der Moabiterin und ihrer Schwiegermutter Naomi, die Thema im Gottesdienst ist. Eine interessante Geschichte im Hinblick auf die aktuelle Frage, wie Integration von Fremden/Flüchtlingen gelingen kann. Für Ruth gibt es als Fremde und Andersgläubige tatsächlich eine Möglichkeit, sich in das Volk Israel zu integrieren, also Teil des von Gott erwählten Volkes zu werden. Dass die Bibel, das Erste Testament, überhaupt eine solche Möglichkeit beschreibt, ist schon bemerkenswert! In diesem Prozess wird ihre Schwiegermutter, Naomi, zur Integrationshelferin und zwar auf der Basis des jüdischen Gesetzes und des bestehenden Rechtssystems. Sie zeigt ihrer ausländischen Schwiegertochter, welche Möglichkeiten der jüdische Rechtsrahmen eröffnet: Schutz durch die Sippe, die - in Person des Boas - Verantwortung für die Grundversorgung übernehmen muss und später die Möglichkeit der "Auslösung" durch Heirat. Das Ganze funktioniert, weil Ruth einen hohen Willen zeigt, sich einzugliedern, sich zu assimilieren und weil sie tut, was von ihr erwartet wird. Heute verstehen wir unter Integration einen gesellschaftlichen Prozess, der beide Seiten verändert und nicht up - down verläuft. Aber auch dieser Prozess braucht einen Rechtsrahmen.

Der Wille Flüchtlinge zu integrieren, Offenheit und Hilfsbereitschaft sind in den vergangenen Wochen schwer erschüttert worden.
Furchtbare Dinge sind geschehen, Gräueltaten, brutale Gewalt von Einzeltätern, meist mit einem Migrationshintergrund. Die Grenzen zwischen Selbstmordattentaten, Amoklauf und terroristischen Aktionen, verschwimmen:
- Am Nationalfeiertag der Franzosen überrollt ein Migrant aus Nordafrika mit einem LKW feiernde Strandbesucher auf einer vollen Uferpromenade, die gerade ein Feuerwerk schauen wollen. Auch Schüler und eine Lehrerin einer Abschlussklasse in Berlin sind unter den Opfern.
- In dieser Woche attackiert ein afghanischer unbegleiteter 17jähriger Flüchtling mit Axt und Messer Bahnfahrer in einem Regionalzug bei Würzburg und verletzt fünf Menschen, darunter auch zwei chinesische Touristen, gefährlich.
Er lebte seit zwei Wochen in einer deutschen Gastfamilie und hatte einen Praktikumsplatz. Die Aussichten für seinen weiteren Weg waren also positiv.
- Kurz darauf der Amoklauf eines 18jährigen Deutsch-Iraners im Olympia-Einkaufszentrum in München. Er tötet neun, meist ausländische Jugendliche.

Ulrike, Astrid und ich versuchen, in unserer allgemeinen Verwirrung und Sprachlosigkeit Gedanken zu fassen und auszutauschen. Wie kommt es zu diesen unglaublichen Gewalt- und Hasstaten von einzelnen, meist jugendlichen Migranten?
Bietet die Gewalt des IS, die im Internet und anderen Medien allgegenwärtig ist, eine Art Blaupause, ein Handlungs- und Rollenmuster für gewaltbereite, frustrierte, verunsicherte junge Menschen? Erscheint der Tod - der eigene und der Anderer - als eine Art "Ausweg"? Hilfsmaßnahmen sind das Eine, das Herz der Jugendlichen erreichen aber viel schwerer.

Die Puncta von Elke lenkt den Blick auf unsere eigenen Beziehungen.
Unter der Überschrift: "Barmherzig wie der Vater" schickt sie uns mit der Frage auf den Weg: "Welche Erfahrungen mache ich mit mir selbst in meiner Beziehung zu anderen? Was muss mir begegnen, dass ich genervt bin, aus dem Kontakt gehe, vielleicht auch die Beziehung abbreche?"
Und dann der Blickwechsel: "Wie schaut Gott auf das, was ich gerade vor habe, auf Konflikte oder Kontaktvermeidung?"
Barmherzigkeit meint nach Hosea 11,8b, dass das Herz sich umkehrt, sich wendet. Gott selbst wendet sein Herz und lässt es in Liebe für sein Volk brennen.

Mit dem Pilgern ist es wie bei einem langsamen Dauerregen, allmählich werden die harten Gedanken aufgeweicht, das Herz wird weit und weich, bereit, eine andere Perspektive einzunehmen, durch die Barmherzigkeit Gottes. Das erlebe ich auch in diesem Jahr wieder so.

Am Abend tauschen wir uns in kleinen Gruppen darüber aus, was Reformation heute bedeuten könne, wo und wie Kirche sich verändern müsse. Es gibt eine große Sehnsucht, den Glauben über die Konfessionsgrenzen hinweg gemeinsam zu leben, auch in der Feier des Abendmahls/der Messe. An Martin Luther kann man sehen, wie das Evangelium Menschen in eine fröhliche Freiheit führt, so dass sie tun können, was angesagt ist.
Menschen zur Freiheit führen, Sorgen und Ängste lassen und tun, was angesagt ist, können wir darin nicht den Geist der Reformation weitertragen?