Pilgern - Erfahrungsberichte

22.07.16 Von Friedewald nach Berka - Heike


Um 6 Uhr begrüßten wir den Tag mit einem ganzheitlichen Sonnengesang.
Damit an diesem Morgen niemand auf seinen Kaffee oder Tee verzichten musste, hatte eine Mitpilgerin kurzerhand zusätzliche Thermoskannen und Töpfe organisiert, um die Frühstücksvorbereitungen in die gewohnten Bahnen zu lenken.
Gestärkt verließen wir gegen 7.30 Uhr Friedewald zu unserem ersten Stopp an der Wüstung Hammundeseiche im Seulingswald. Die Eiche steht in der Mitte des ehemaligen Ortes Hammundeseiche, der seit 1312 als verlassen gilt. Direkt neben der Eiche befinden sich der rekonstruierte Dorfbrunnen und ein kleiner Weiher. Von der verlassen Ortschaft Hammundeseiche (=Wüstung) zeugen heute noch die 1973 wiederaufgebauten Grundmauern der Kirche.
Hier feierten wir mit Bruder Rolf einen Gottesdienst, in dem er besonders auf ein Werk der Barmherzigkeit einging, mit dem viele von uns wohl am wenigsten vertraut sind, nämlich Gefangene besuchen.
Wer schon einmal versucht hat, Kontakt mit Menschen im Gefängnis aufzunehmen, der weiß, mit wie viel Hindernissen, Mühen und Sicherheitsmaßnahmen ein solcher Vorstoß verbunden ist. Bruder Rolf zeigte uns aber auch hier Möglichkeiten auf, Jesus zu begegnen:
• z.B. jemanden unterstützen, der mit Gefangenen zu tun hat;
• finanzielle Hilfe für Amnesty International, die sich für unschuldige oder politisch Verfolgte einsetzen;
• für Gefangene beten;
• durch eine besondere Begleitung unsichtbare Mauern zwischen Menschen einreißen.
So wie Jesus verzeiht und jedem einen Neuanfang zutraut, so sollen auch wir handeln. Zur Orientierung gab uns Bruder Rolf folgende hilfreiche Regel an die Hand: "Wenn ich nicht mehr mit einem Menschen reden kann, dann rede ich mit Gott über diesen Menschen!"
Als Bruder Rolf uns am Ende des Gottesdienstes mit dem Segen und den Worten "Gehet hin in Frieden" entließ, betonte er nochmals, dass dies bedeutet "Gehet, ihr seid gesendet, die Werke der Barmherzigkeit zu tun."
Der Weg führte uns dann weiter zum Zollstock - einem Denkmal und ehemaligen Grenzpfosten an der Grenze zwischen Hessen, Thüringen und Grabfeld, der im Mittelalter als Maut- und Geleitstelle diente. Wanderer, Pilger oder Händler, die den Zoll sparen wollten, nutzten die entfernteren Esels- oder Diebespfade.
Die Puncta stand an diesem Tag unter dem Motto "Was macht eigentlich den christlichen Glauben aus?"
Eine Zusammenfassung finden wir hier natürlich im Glaubensbekenntnis.
Glaube bedeutet immer auf dem Weg sein, das Eigentliche suchen. Gott zeigt sich auf dem Weg. Deshalb sind auch wir als Pilger unterwegs. Jesus hat gesagt "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!"
Ein Gedicht (verändert) von Ute Latendorf kann dafür Orientierung geben:


Gott schuf das Universum, damit wir
Von der Sonne lernen, zu wärmen
Von den Wolken lernen, zu schweben
Von Wind lernen, Anstöße zu geben
Von den Bäumen lernen, standhaft zu sein
Von den Blumen das Leuchten lernen
Gott schuf die Natur, damit wir
Von den Steinen das Bleiben lernen
Von den Büschen im Frühling Erneuerung lernen
Von den Blättern im Herbst das Fallenlassen lernen
Vom Sturm die Leidenschaft lernen
Vom Regen lernen, sich zu verströmen
Gott schuf das Leben, damit wir
Von der Erde lernen, mütterlich zu sein
Vom Mond lernen, uns zu verändern
Von den Sternen lernen, einer von vielen zu sein
Von den Jahreszeiten lernen, dass Leben immer von Neuem beginnt.

Im Schweigen machten wir uns auf zum Mahnmal Bodesruh, ein zur Mahnung an die Deutsche Teilung in 1963 errichteter Aussichtsturm. Beim Bibelteilen beschäftigten wir uns mit dem Psalm 23, den evangelische Christen gewöhnlich im Konfirmanden-unterricht auswendig lernen müssen. Dies empfinde ich als Katholikin als einen sehr schönen und hilfreichen Brauch. Ich selber erinnerte mich an eine Vortour in der Rhön, bei der ich mich alleine fürchterlich verlaufen habe und mich dann besonders an den Vers erinnerte "und ob ich auch wandere in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab geben mir Zuversicht."
Interessant fand ich auch den Hinweis auf die beiden Grundsehnsüchte "Versorgung" und "Führung", die in diesem Psalm besonders angesprochen werden und musste an die vielen Menschen denken, denen es an Orientierung fehlt und die deshalb missmutig, launisch, depressiv, gelangweilt, aggressiv, gebückt oder melancholisch durchs Leben gehen.
Als wir gegen Abend aufgrund der Hitze, Schwüle und der vielen aggressiven Bremsen etwas entkräftet in Berka ankamen, freuten wir uns mehr über die gesalzenen Nüsse als über den netten Empfang eines Stadtführers von Berka, der uns die Highlights seines Ortes - Gasthaus zum Stern, (hier hat Luther während seiner Aufenthaltes in Berka übernachtet) und Kirche näher bringen wollte.
Anschließend genossen wir bei heftigem Regen im Feriencamp Berka an der Werra Kesselgulasch oder Grüne Soße mit Kartoffeln und Salat. Leider kam es aufgrund des strömenden Regens nicht mehr zu dem für uns vorbereiteten Lagerfeuer an der Werra, wo wir sicherlich noch einige Friedens- und Lagerlieder gesungen hätten. Einige genossen das Privileg, in einem Bett im Blockhaus zu schlafen. Die Nachricht von einem Anschlag in München, bei dem 7 Personen getötet und mehrere verletzt wurden, zeigte ganz deutlich, dass uns die Welt ein anderes Gesicht zeigt, als im Psalm 23 beschrieben.