Pilgern - Erfahrungsberichte

23.07.16 Von Berka nach Eisenach - Heike Sch.

An manchen Tagen ist es gut, nicht in die Zukunft sehen zu können. Denn sonst hätte ich mich an diesem Morgen tief in meinem Schlafsack vergraben, statt aufzustehen, um mich auf die letzte Etappe nach Eisenach zu begeben. Aber ich kann nicht in die Zukunft sehen und so habe ich meinen Schlafsack, im Pfarrhaus von Berka, verlassenund habe mich auf den Weg zum Werracamp gemacht. Dort, beim Frühstück, gab es ein Ständchen für unser Geburtstagskind Cordula.Gut 50 Pilger sind ein schöner Rahmen, seinen 50. Geburtstag zu feiern. Bei unserem Abmarsch war der Himmel bedeckt, aber es war noch trocken. Das änderte sich schon ein paar Minuten später, da fing es leicht an zu nieseln. Aber das kann einen Pilger nicht erschüttern - und so ging es, mit einem Lied auf den Lippen, aus Berka hinaus, Richtung Herda. Norbert, der seit etwa 6.45 Uhr wusste, das er heute unser Streckenwart ist, hatte den Auftrag uns über eine Abkürzung zu führen. So ging es im Gänsemarsch an der Landstraße entlang. Hinter Herda ging es stramm bergauf und da es gerade aufgehört hatte zu regnen, gab es eine Toilettenpause und Manfred nutzte die Chance, seine Puncta zu halten.
Im Schweigen ging es weiter, fast immer schön den Berg hinauf. Der Weg war durch den Regen sehr aufgeweicht. Das Wasser lief in kleinen Rinnsalen fröhlich den Berg hinab und im Matsch waren die Fußabdrücke von zwei Pilgern zu sehen, die uns während einer Pause überholt hatten. Als die Stimmung, durch den Regen und den rutschigen Weg, zu sinken drohte, war es gut, dass im Tal Oberellen auftauchte. Dort hatte uns Manfred Gerland bei einer Baptistengemeinde einen trockenen Unterschlupf besorgt. Dieses Angebot nahmen wir gerne an und zogen dort unsere Mittagspause vor. Denn es war nicht davon auszugehen, das wir diese unter freien Himmel hätten halten können. Hier hatten wir auch Gelegenheit, Cordula mit ein paar warmen Worten ihre Geburtstagskarte zu überreichen.
Nach der Mittagspause ging es weiter - durch eine schöne, hügelige Landschaft, Richtung Hütschhof, einem Gutshof mit Pilgerquartier. Dort holten wir das Mittagsgebet nach. Kaum gingen wir weiter, fing es richtig an zu regnen. Und so erreichten wir pudelnass den Rennsteig. Auf einem Wanderparkplatz stand unser Küchenbulli und bot eine letzte Gelegenheit, sich den Rest der Strecke fahren zu lassen. Aber trotz der Tatsache, dass es sich mittlerweile richtig eingeregnet hatte, wollten die meisten weitergehen. Nach ein paar hundert Metern konnten wir schon einen ersten Blick auf unser Ziel, die Wartburg, erhaschen. Richtig mystisch thronte sie, von Wolken verhangen, auf ihrem Berg. Da wurden die Fotoapparate gezückt. Auf dem weiteren Weg kam bei mir ein Gefühl von Pilgerdemut auf. Unter normalen Umständen würde ich bei solch einem Wetter doch keine zehn Meter freiwillig laufen. Aber wenn man - wie wir - ein Ziel vor den Augen hat, werden in einem Kräfte frei, die man noch gar nicht kannte.
Als der Regen kaum noch zu ertragen war, erreichten wir das Ausflugslokal "Sängerwiese". Und hier merkten wir schnell: "Schietwetter" kann auch schön sein!Auf dem Grill tummelten sich die Thüringer Bratwürste, das Bier war
kalt und der Kaffe schön heiß. Unter diesen Umständen waren die gut 1 œ Stunden "Zwangspause" leicht auszuhalten. Als dann der Himmel begann, sich aufzuhellen, läutete ich schnell zum Aufbruch. Die letzten Kilometer ging es bei fast sonnigem Wetter weiter zur Wartburg. Und plötzlich stand sie, ohne Vorwarnung, über uns. Wir waren da! Vergessen der Regen, die Hitze und die Blasen an den Füßen. Noch wenige Meter und wir stehen im Burghof, in dem die Fußkranken schon auf uns warten. Nach einem Blitzrundgang kamen wir auch durch das Zimmer, in dem Martin Luther 1521 die Bibel übersetzte. Dann ging es über den Elisabeth-Plan hinunter nach Eisenach - in unser Quartier.
Die letzte Nacht verbrachten wir im Diakonissenmutterhaus an der Nikolai-Kirche. In dieser feierten wir am Abend einen Segensgottesdienst, bei dem jeder um einen ganz persönlichen Segen für sich oder einen Angehörigen bitten konnte. Für mich ist dieser Gottesdienst immer etwas ganz Besonderes und ein sehr würdevoller Abschluss für den Pilgerweg. Über diesen Tag wäre noch so viel zu erzählen: Er war, trotz des bescheidenen Wetters, einer der ereignisreichsten auf dem Weg und ich werde noch oft an ihn zurück denken, wenn ich jetzt in meinen Alltag zurückkehre.