Pilgern - Erfahrungsberichte

24.07.2016 Abschied in Eisenach - Karin

Wir haben Gottes Spuren festgestellt
auf unsern Menschenstraßen,
Liebe und Wärme in der kalten Welt,
Hoffnung, die wir fast vergaßen.
Zeichen und Wunder sahen wir geschehn,
in längst vergangnen Tagen,
Gott wird auch unsre Wege gehn,
uns durch das Leben tragen
Noch ein letztes Mal durften wir in der Nacht zum Sonntag in einer Kirche schlafen. Wir liegen überall verteilt: im Altarraum, im hinteren Teil der Kirche vor der Vorhalle, in den Seitenschiffen, auf der Empore. Nach einer guten Nacht wache ich im Mittelgang auf mit Blick auf den Altar und das Kreuz, über mir die Holzdecke des romanischen Kirchenbaus, die Säulen mit ihren Kapitellen. Vor mir die goldgelben Glasfenster des Chorraumes, die ihn in ein warmes Morgenlicht tauchen. Und schon kommt Sieglinde und weckt uns alle mit ihrem klaren Gesang, jede Strophe ein Geschenk. Es ist also 6:30 Uhr.
Ich packe meine Sachen zusammen, ein letztes Mal. Alles gut verstauen für die Heimfahrt. Heute werden wir uns voneinander verabschieden. Noch einmal zusammen frühstücken, noch einmal gemeinsam einen Gottesdienst erleben. Und dann wird Aufbruch sein.
Mit Dankbarkeit denke ich an unseren Weg zurück. An die grünen lichtdurchfluteten Waldwege, die goldenen Getreidefelder, das bunte Blumenfeld voller blauer Kornblumen, die Wege im Sommersonnenschein, das erfrischende Bad im Fischteich, das Erdbeerfeld, den Rennsteig im Regen. Ach ja, und an die freundliche Aufnahme der Feuerwehr in ihr Haus in Kathus und gestern in der Baptistengemeinde, als es draußen so regnete; an den Nachtschlaf in der gotischen Stadtkirche von Bad Hersfeld mit ihrem blauen Marienfenster über der rechten Empore, den musikalischen Lutherabend in der Gemeinde von Niederaula.
Eine volle und erfüllte Woche liegt hinter uns allen, jeder Tag ein Geschenk, mit geistigen Impulsen, berührenden Gottesdiensten, vertrauensvollen Gesprächen. Wir waren miteinander unterwegs, haben uns gegenseitig geholfen, in Ruhe gelassen, getröstet, ertragen, miteinander gelacht und gesungen, uns anvertraut. Für mich ist es jedes Mal wie ein Wunder, dass achtsamer aufmerksamer Umgang miteinander doch geht, wie ein Vorgriff darauf, wie eine christliche Gemeinde miteinander auf dem Weg sein kann. Und ein Zeichen dafür, dass Gott mit uns ging und diese Gemeinschaft stiftete.
Nach dem Frühstück treffen wir uns auf dem Hof und verbrennen die Fürbitten, die uns zu Hause mitgegeben wurden oder die wir auf dem Weg formuliert haben. Mit Weihrauch schicken wir sie nach oben und überlassen sie nun Gott.
Jetzt ist es soweit, wir nehmen voneinander Abschied:
"Wechselnde Pfade,
Schatten und Licht,
alles ist Gnade,
fürchte dich nicht."
Mit diesem Lied tanzen wir im Pilgerschritt und haben die Gelegenheit, jedem noch einmal ins Gesicht zu schauen.
Dann haben wir eine Blitzrunde der Dankbarkeit. Was hat mich in den letzten Tagen besonders berührt, wofür bin ich dankbar? Bei wem aus dem Kreis will ich mich namentlich bedanken und wofür beim Allerhöchsten?
Als Letztes haben wir die Gelegenheit, von jedem persönlich Abschied zu nehmen, mit einem weinenden und einem lachenden Auge.Bis nächstes Jahr? Dann aber wieder zum Hülfensberg. Das wäre schön. Aber Bruder Rolf wird sicher nicht mehr dabei sein und Ele...und wer noch? Wie wird es mir gehen? Das alles liegt in Gottes Hand … seid behütet auf euren Wegen!
Es wird Zeit sich aufzustellen, um gemeinsam hinter dem Kreuz in den Gottesdienst der Diakonissen und der evangelischen Gemeinde in die Nikolaikirche einzuziehen.Noch einmal "Pilger sind wir Menschen..." singen. Dann Gottesdienst. Nach der Predigt stellen wir uns der Gemeinde vor, wir stehen zusammen im Altarraum und singen. Da winkt uns die Lutherrose von gegenüber aus dem Fenster der Westfassade herüber. Und dann ist auch dieser Gottesdienst zu Ende. Die Pilger machen sich auf, den nächsten Zug zu erreichen, der sie nach Hamburg, Kassel, Mainz, Bad Kreuznach, Braunschweig, Dresden oder Limburg bringt, oder mit dem Bus ins Eichsfeld.

… und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand,
und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand.