Pilgern - Erfahrungsberichte

01.07.2017 Ankommen in Gotha

von Karin

Pilgererfahrung

1.Juli: Ankommen in Gotha

Heute hat Rachel Geburtstag. Ich werde nicht mit ihr feiern, ich fahre mit Manfred nach Gotha zum Pilgern. Diesmal fahren wir mit dem Auto von Limburg nach Creuzburg, dann weiter mit Bus und Zug. Warum? Warum eigentlich mache ich mich wieder auf den Weg? Ist es bloße Gewohnheit? Wieder die Nächte auf der Isomatte in Gemeinschaft schlafen. Wieder verschwitzt in Quartieren ankommen und vielleicht nur ein oder zwei Waschbecken für alle vorfinden? Wieder bergauf und bergab laufen. Werde ich es diesmal schaffen? Besonders fit fühle ich mich nicht. Aber ich weiß auch, dass ich es bislang immer geschafft habe und dass die Zweifel für jeden gelten.

Gegen 16 Uhr kommen wir pünktlich im Gemeindehaus der evangelischen Versöhnungsgemeinde
von Gotha an. Der Name passt gut, denn unser Pilgerweg steht dieses Jahr unter dem Thema "Versöhnung". Die meisten Pilger sind schon da und ich sehe viele bekannte Gesichter. Ich freue mich auf die Wege mit ihnen.

Schon bald beginnt die Vorstellungsrunde. Wir sind diesmal eine kleinere Gruppe von etwa 30 Pilgern. Irmi, Renate, Gabriele und Reiner wollen das erste Mal mit uns gehen. Anni ist leider im Haus gestürzt und wird noch im Krankenhaus behandelt. Ob sie dann mit uns gehen kann? Wir besprechen die vertrauten Pilgerregeln und die ersten Ämter werden verteilt. Wer macht den Packmeister, wer beginnt morgen früh mit dem Küchendienst, wer möchte verantwortlich sein für die Reinigung, wenn die Quartiere verlassen werden?

Das Leitungsteam stellt sich vor: es gibt eine weltliche und eine geistliche Leitung. Die Einen sind für den äußeren Weg verantwortlich, die Anderen für den inneren. Manfred Gerland wird nach 20 Jahren dieses Jahr das letzte Mal dabei sein. Er ist einer von den vier evangelischen Geistlichen. Bruder Rolf als einziger katholischer Priester hatte sich schon 2016 verabschiedet, dieses Jahr aber noch einmal ´frei´ bekommen für den Weg. Die anderen Pilger sind gut gemischt evangelisch und katholisch und auch freikirchlich, mehr Frauen als Männer.

Nach einem mitgebrachten Abendbrot haben wir unsere Vorabendmesse mit Bruder Rolf. Von heute an werden wir jeden Tag einen Gottesdienst haben. Darauf freue ich mich besonders. Nach der Messe lernen wir das sympathische Pfarrerehepaar Liebe kennen. Sie erzählen uns von ihren sehr vielfältigen Aufgaben und Interessen: von einer bunten Gemeinde zwischen Plattensiedlung und Einfamilienhäusern, einem über 20 Jahre währenden Aufbau der Hospizgruppe, von Altersarmut und Gastfreundschaft für Asylbewerber, die um Kirchenasyl bitten, und für ca. 300 Pilger, die jährlich an die Gemeindetür klopfen.

Um 10 Uhr abends ist Komplet, das Abendgebet, unter dem Baum im Hof. Danach ist Schweigezeit bis morgen früh. Mein Nachtlager ist schon bereitet, im Kirchenraum. Ich bin angekommen! Mir fällt ein, was mich zieht, warum ich wieder dabei bin. Es ist nicht das Schlafen auf der Isomatte, aber der Kirchenschlaf. Mir fallen die wunderbaren Gottesdienste auf den zurückliegenden Wegen ein, an denen ich schon teilnehmen durfte und die mich berührt und gestärkt haben, die geistlichen Impulse, die Achtsamkeit im Umgang miteinander. Und dann freue ich mich darauf, allesm was zu Hause im Alltag zu tun ist, für diese Zeit loslassen zu dürfen. Tagelang werde ich durch die Natur gehen. Ich denke an mein letztes Gespräch mit Essam aus Damaskus, der sofort verstand, dass Pilgern ein Weg ist, die Nähe zu Gott zu suchen. Essam, der mich mit guten Wünschen weggeschickt hat. Und nun das erste Mal wieder schlafen im Kirchenraum, wie herrlich!

Der dich behütet schläft nicht.
Er wacht über dich, wenn du müde wirst.
Er gibt auf dich Acht, wenn du einschläfst.
Er ist bei dir, wenn du träumst.
Er beschützt dich vor den dunklen Mächten der Nacht und bewahrt dein Leben für den neuen Tag.
Der dich behütet, schläft nicht.
(nach Psalm 121)
Karin Backhaus