Pilgern - Erfahrungsberichte

02.07.2017 Gotha - Reinhardsbrunn

von Renate

Pilgererfahrung

2. Juli: Gotha - Reinhardsbrunn

04.11 Uhr: Guten Morgen Versöhnungskirche, guten Morgen Vögel und Pilger, guten Morgen alle miteinander. Auf was ließ ich mich ein? denke ich auf meiner Isomatte.

Später, 6.30 Uhr, sitzen alle beim Frühstück (ein Buffet -lecker mit Obst, Gemüse), zunächst schweigend, ich staune, nach dem Gebet lebhafter Austausch. Toilettenzeit ist knapp, die Waschgelegenheit ebenfalls. Ich bin neu, zwar pilgererfahren, aber in der Gruppe ganz neu. Gottesdienst um 8 Uhr, gehalten vom Pfarrer-Ehepaar Liebe mit Orgel, Versöhnungskreuz, Abendmahl, Liedern, Gebeten, Segen.
Mit welcher Kraft und Liebe füllen die beiden Pfarrer ihre Gemeinde, uns und sich selbst, gelebte Versöhnung. Endlich geht es los, Abschied vom Ehepaar Liebe und der Pilgerherberge, wo Pilger auf dem ökumenischen Pilgerweg seit Jahren übernachten.

Durch Plattenbausiedlungen streben wir aus Gotha talwärts hinaus, das Kreuz und die Bibel voran, zügig durch Sundhausen. Dörflich ist hier alles, Zwerge in den Vorgärten. Die Gruppe zieht sich auseinander, Wilfried "macht die Schlusslaterne". Spaziergänger grüßen uns. Die Tabarzbahn saust vorbei Richtung Thüringer Wald. Dann Stopp im Wald. Rast? Ein Rätsel. PUNCTA, wird mir zugeflüstert von erfahrenen Pilgern, PUNCTA. Ulrike weiß zu berichten von neun Täufern, die 1530 im Kloster Reinhardsbrunn unter Anwendung von Gewalt verhört und zum Widerruf gedrängt wurden. Angeklagt wurden sie der Ketzerei. Sechs von ihnen beharrten auf ihrem "unchristlichen Irrsinn" und wurden einige Tage später hingerichtet unter den Augen von Friedrich Myconius und Philipp Melanchthon. Die Täufer formierten sich nach Luthers Thesenanschlag und lehnten u.a. die Kindstaufe ab. Ulrike informiert uns, dass es in Reinhardsbrunn einen Gedenkstein für die Ermordeten seit einigen Jahren gibt, Zeichen der VERSÖHNUNG. Heute Abend sollen wir dort sein.

Schweigezeit zum Nachdenken, der Pilgerweg führt durch einen Wald, Blätter rauschen im Wind, und ich hänge meinen Gedanken nach, Täufer und ihre Widerstandskraft sind mir schon auf dem Elisabethweg begegnet, daran erinnere ich mich plötzlich, irgendwo bei Ziegenhain im Hessischen.

Später Häuser und ein weiter Blick zum Inselsberg. Leina heißt das Dörfchen, das von einem Bächlein durchflossen wird. Im Bach und am Ufer unzählige Gänse und Enten mit ihren Jungen. Idylle? Vor der Nicolauskirche begrüßen uns mehrere Personen. Gibt es jetzt Streuselkuchen und Kaffee? Nein! Ich bin noch nicht im Pilgermodus. Die Schweigezeit ist zu Ende, wir quetschen uns in die Kirchenbänke. Der Heimatforscher, ein älterer Herr, erklärt uns die Geschichte von Leina, das schon 786 im Hersfelder Güterverzeichnis genannt wird. In der Nicolauskirche aus dem 12. Jahrhundert wurden Freunde von J. S. Bach getauft, Bach sei auch hier gewesen. Berühmtester Sohn des Ortes sei jedoch Wilhelm Hey, Pfarrer, Dichter und Menschenfreund. "Alle Jahre wieder" und "Weißt du, wie viel Sternlein stehen" dichtete er, wir singen zu unserer Freude beide Lieder in der Kirche. Gegenüber im Museum, Heys Geburtshaus, freuen wir uns an putzigen Bildern und Ausstellungsstücken, die Bilder gedruckt beim Verlag Perthes in Gotha. Ein "quasi Kinoautomat" mit Kurbel (drehen bitte nur vom Fachmann) zaubert die wunderlichsten Bilder von Tieren zu Fabeln von Wilhelm Hey: z.B. "Frau Gans, das Wetter ist so schön…", schmeichelt der Fuchs. Heiterkeit allüberall.

Mittagsrast rund um die erhöht liegende Kirche, wir lagern und essen und ruhen. Ein paar Regentropfen ermuntern zum Aufbruch, Capes und Schirme sind griffbereit. Das war nur eine Husche, also Regenzeug in den Rucksack! Weiter über steinige Wege (wie hätte Anni das geschafft?) zum Schnepfental, wo uns Pfarrer Christfried Boelter entgegeneilt, der Pilgerpfarrer hier in Thüringen, wie uns Manfred in Kenntnis setzt. Das Bibelteilen im Schnepfental zu 2.Kor.5, 14- 21 ("Botschafter der Versöhnung") auf der Wiese in drei Gruppen. Ich staune schon wieder, Bibelteilen? Aber das ist einfach, es gibt auf dem rosa Zettelchen eine Anleitung. Wir diskutieren frei. Geht das denn, ist es erlaubt? Offenbar.

2 km seien es nur noch bis Reinhardsbrunn, erfahren wir vom Pilgerpfarrer. Durch schattigen Wald an einem Bach und einer Bahnlinie entlang (ein Schwarzstorch flattert auf) lerne ich das Herzensge-bet kennen (probier’s mal, Renate) und übe mich darin, indem ich den Geübten zunächst zuhöre. Die beiden anderen Gruppen beten schweigend oder den Rosenkranz. Spaziergänger kommen uns entgegen, Sonntag. In der kleinen Johanneskirche am Radweg halten wir kurze Andacht. Morgen feiern wir hier unseren Frühgottesdienst.

Das Informationszentrum "sichtbar-unsichtbar", auf der Anhöhe über der Johanneskirche ist neu, modern, freundlich und hell, hier schultern wir die Rucksäcke ab und staunen. Bildtafeln, kleine Museumsecken, Stühle, Tische für uns. Pfarrer Boelter, ein Mann des Wortes, des Humors und der Tat, leitet dieses Begegnungszentrum und macht uns vertraut mit der Geschichte des Klosterparks rund um das Schloss Reinhardsbrunn, auf dem vormals ein Benediktinerkloster stand. 1525 wurde es gestürmt und zerstört. Im Schloss Reinhardsbrunn tobte sich die deutsche Geschichte wahrlich aus: herzogliches Amt, Lust- und Jagdschloss der Gothaer Herzöge, Sommerresidenz des Hauses Gotha, Enteignung, Hotel der DDR, Verkauf an einen russischen Investor, nun Verfall und Verwilderung, alles
Weitere offen.

Boelter erzählt humorvoll und voll Kraft vom Ringen um den Erhalt des Klosterparks rund um das Schloss, den Verwicklungen nach der Wiedervereinigung, der Übernahme des ehemaligen Pionierferienlagers samt Heizungshaus, wo heute das Zentrum "sichtbar-unsichtbar" steht. Das Lutherweg-Informationszentrum nebenan steht im Rohbau und soll im Herbst 2017 eröffnet werden. Welch ein Mann, dieser Boelter, denke ich, staune schon wieder.

Das Gepäck ist inzwischen eingetroffen, geschlafen wird im Gästehaus unten im Tal. Überraschung: Zimmer mit richtigen Betten, Dusche und WC. Am Ende darf sich jede und jeder in ein weiches Kissen kuscheln. Auch Rolf, der spät die Treppen herauf kommt, findet ein Nachtlager. So ist für alle gesorgt, niemand soll darben.

Parkführung später mit Pfarrer Boelter, er hat Schlüsselgewalt, durch den Landschaftspark Reinhardsbrunn. Boelter erläutert die unselige Geschichte, die mit Heinrich dem Springer 1085 be-gann. Hier stand also das alte Kloster, von dem nichts mehr zu sehen ist. Kirche und Schloss verfallen, der Park ebenso. Nichts erinnert an die Täufer, die in Reinhardsbrunn festgehalten wurden, nur der Gedenkstein mit ihren Namen. Wir schauen aufs leer stehende Schloss mit der Kirche, alles verfällt langsam, im Park blühen wilde Blumen, gelber Alant, alte Bäume, Falter und Insekten fliegen. Sie genießen ihr Paradies, das uns umgibt. Versöhnung mit der Natur, denke ich. Wir Menschen scheinen unversöhnlich bis heute oder üben…

Vor dem Abendessen im Begegnungszentrum Gebet und Segen, dann dürfen wir uns stärken - dank des Küchenteams, das mit einer winzigen Küche zurechtkommen muss - und uns am Pilgerbier, das der Gastgeber spendete, laben. Danke allen! Versöhnt!

Abends noch Gespräche auf einer Wiese im Klosterpark mit dem Verwalter Spinner, Stäre tippeln umher, die ersten Sterne blinken auf. Bier ist noch reichlich vorhanden. Himmlische Ruhe rings-um.Später im wunderbaren Bett mit Irmi gegenüber sinke ich in tiefen Schlaf. Versöhnung mit allem. Gute Nacht Reinhardsbrunn, Pilger, Weg, Texte, Rituale, Gebete, Wald, Vögel, Tagfalter, Blumen, Park, Irmi nebenan und vieles mehr. Ich komme langsam an und bin sooo zufrieden.
Renate Schellhaas