Pilgern - Erfahrungsberichte

03.07.2017 Reinhardsbrunn - Brotterode

von Erika

3. Juli 2017: Reinhardsbrunn - Brotterode

Nach einer Nacht in Betten (!) werden wir mit Gesang und dem Ruf "die Sonne scheint!" geweckt. Nach Morgengebet und Frühstück gehen wir zur Johanneskapelle. Dort ist eine besondere Stimmung, denn es gibt dort keinen Strom und wir sitzen im Dunkeln. Aber schon bald gewöhnen sich die Augen an die Lichtverhältnisse, Einzelheiten werden sichtbar - zum Beispiel das besondere Holzkreuz (es wurde aus Holz von verschiedenen Bonifatius-Erinnerungsstätten hergestellt), das waagerecht über uns hängt.

Die Lesung im Gottesdienst aus 1. Mose 32 stellt uns die Streit- und Versöhnungsgeschichte zwischen Jakob und Esau vor Augen. Im Laufe des Tages denken wir viel über Versöhnung, Segen, Verzeihen, Demut, Betrug, Angst, Trauer, Barmherzigkeit und Zufriedenheit nach. Von all den guten Gedanken sind mir u.a. diese wichtig geworden:
• Jakob fühlt sich zurückgesetzt und möchte nicht seiner Bestimmung entsprechen, sondern sein wie sein Bruder. Später versteht er, dass er sich an Gott halten kann und so sein kann, wie er ist, und mit dem leben kann, was ihm zugedacht ist - ohne den Blick auf den anderen.
• Die Menschen können Segen aussprechen, aber letztlich entscheidet Gott, wie dieser Segen wirkt.

Nach dem Gottesdienst verabschieden wir Anni. Später gehen wir durch lichtdurchflutete Buchenwälder und an rauschenden Bächen entlang. Während der Puncta wird unser Blick auf kleine Dinge (z.B. einen Stein) gelenkt. Beim Mittagsgebet werden wir gebeten, uns eine Minute umzusehen und Gottes Segen wahrzunehmen. Bald kommt der anstrengende Anstieg zum Inselsberg. Wie schön ist es, oben anzukommen, und schnell sind bei der wunderbaren Aussicht die Strapazen vergessen. Die Pilgerregeln werden aufgehoben und wir dürfen Kaffee und Eis genießen. Der Abstieg ist dann leichter als gedacht und zum Abendessen in der Grundschule gibt es - passend zum Tagesthema - Linsensuppe!

Weil das Singen für mich ein wichtiger Bestandteil des Pilgerns ist und die Lieder soviel davon ausdrücken, was uns bewegt hat, habe ich von den Liedern dieses Tages jeweils eine Strophe ausgewählt:

Freude durchdringt mich, weckt alle Sinne, und sie besingt dich, jubelt und preist. Dank für das Leben - Dank jeden Morgen - mir neu gegeben vom Schöpfergeist.

Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein. Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.

Liebe ist nicht nur ein Wort, Liebe, das sind Worte und Taten. Als Zeichen der Liebe ist Jesus geboren, als Zeichen der Liebe für diese Welt.

Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht und das Wort, das wir sprechen, als Lied erklingt, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt. Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht in der Liebe, die alles umfängt.

So ist Versöhnung. So muss der wahre Friede sein. So ist Versöhnung. So ist Vergeben und Verzeihn.

Gib, dass wir heute, Herr, durch dein Geleite auf unseren Wegen unverhindert gehen und überall in deiner Gnade stehen. Lobet den Herren.

Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu dir bekennen. Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen. Lachen oder Weinen wird gesegnet sein.

Er segnet, wenn du kommst und gehst; er segnet, was du planst. Er weiß auch, dass du's nicht verstehst und oft nicht einmal ahnst.

Ich brauch zu jeder Stund dein Nahesein, denn des Versuchers Macht brichst du allein. Wer hilft mir sonst, wenn ich den Halt verlier? In Licht und Dunkelheit, Herr, bleib bei mir.

Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget.
Erika Spangenberg