Pilgern - Erfahrungsberichte

04.07.2017 Brotterode - Möhra

von Rainer

4. Juli: Brotterode - Möhra

Wir übernachten in der Grundschule im Kurort Brotterode. Noch während der andauernden nächtlichen Schweigephase vor dem Morgengebet und Frühstück begegnen wir vor 07.00 Uhr schon den ersten Kindern, die zur Ferienbetreuung in den Hort der Schule kommen. "Meeting locals" finde ich beim Pilgern immer wieder besonders faszinierend!

Die Kinder, deren Spielraum durch uns zu einem großen Speiseraum umfunktioniert worden ist, begegnen der schweigsamen, aber äußerst freundlich non-verbal kommunizierenden großen Pilgergruppe zunächst einmal mit der gebotenen Zurückhaltung. Das Eis schmilzt schnell und nach einigen erklärenden Worten Pfr. Dr. Manfred Gerlands siegt die kindliche Neugier: " Was Ihr hier auf keinen Fall dürft, das haben wir hier heute Nacht gemacht - SCHLAFEN IN DER SCHULE"!

Als sich der Hort mehr und mehr füllt, komme ich im großen Schulflur vor dem kleinen Schrankfach mit der Nummer 157 mit Nele ins Gespräch. Sie kommt nach den Ferien ins zweite Schuljahr und freut sich heute bei der Hitze ganz besonders auf das Schwimmen. Verständigungsschwierigkeiten zwischen dem zierlichen thüringischen Mädchen und dem langen Kerl aus dem Ruhrpott treten nicht auf.

Auf meine spontane Frage, ob sie mit Geschwistern den Hort besucht, erhalte ich eine mich zunächst sehr verblüffende und erschütternde Antwort: "Leider nicht. Meine Geschwister sind da oben, ganz oben!" Und damit meint sie nicht das dritte Stockwerk der Schule, sondern den Himmel. Zur Verdeutlichung hebt sie noch ihren Arm und streckt den Zeigefinger hoch in die Luft. "Sie sind schon lange weg, aber die Mama hat gesagt, dass ich vielleicht noch einmal neue bekomme . . . ! Mit Pilgerruhe entgegne ich ihr voll innerer Überzeugung. "Das wird bestimmt noch was! Glück auf!"

Beim Abschiednehmen singen wir für die Kinder und die Hortpädagogin mit voller Kraft eines unse-rer Lieblingslieder: "Pilger sind wir Menschen".

Auf dem Lutherweg und dem Rennsteig legen wir im wunderschönen Mischwald bei leichter Stei-gung in harmonischem Pilgertakt von 107 Schritten pro Minute schnell ein weiteres Stück unseres Tagespensums mühelos zurück. Das ist ein irrer Sound, wenn der Wald den Resonanzboden für mehr als 40 trommelnde Beinpaare bildet und ohne Dirigenten, Taktstock und überflüssige Worte der gemeinsame Groove gefunden wird.

Unsere Kirche für den Gottesdienst liegt heute draußen auf dem Weg. Unsere Kathedrale zur Mit-tagsstunde ist der Wald. Dort, wo am 4. Mai 1521 Martin Luther auf Befehl Friedricsh des Weisen überfallen und zur Wartburg entführt worden ist, gestaltet Pfr. Johannes Brehm, einer der uns auf der Pilgertour begleitenden fünf Geistlichen, am Quellbrunnen neben dem Denkmal einen beeindruckenden Abendmahlsgottesdienst. Die Quelle rauscht, das Wasser fällt beruhigend ins Becken.
Schön, dass er die Botschaft der Puncta aufgreift, durch die uns Heike zwei Stunden vorher zum Bruderkonflikt zwischen Esau und Jakob geleitet hat. Er verkündet die Frohe Botschaft in leicht verständlicher und einfacher Sprache.

Abends sind wir zu Gast in der Pfarrkirche im Lutherstammort Möhra. Ein Künstler vor dem Herrn, der pensionierte Pfarrer Christoph Martin Neumann, unterhält uns als Liedermacher, Kabarettist und Bänkelsänger mit seiner Gitarre, Mundharmonika und jeder Menge Esprit. Er schmettert gemeinsam mit uns voller Innbrunst sein Lied "Hey, Junker Jörg" und berichtet völlig unbefangen über die Verdauungsprobleme Martin Luthers: "Mein Arsch ist böse geworden!" Luther hatte Magen- und Darmzwicken, obwohl er in seinen besten Jahren tägliche Fußmärsche von bis zu 45 km zurücklegte und sich vor der Strecke Möhra-Eisenach mit 22 km erst gar nicht bange machen ließ.

Obwohl er es nicht wissen kann, schließt der Pfarrer den Kreis zu meiner morgendlichen Begegnung mit der kleinen Nele. Er erzählt seine Geschichte als kleiner Junge eines Pfarrers auf der Wartburg, dem der Vater die Geburt eines Geschwisterchens ankündigt, während die Mutter die Geburt im Diakonissenkrankenhaus in Eisenach erwartet: "Mutti ist weg und bringt ein Püppchen mit!"

Auf dass der Inhalt des heutigen Evangeliums für die zierliche Nele, für uns und unsere Lieben in Erfüllung gehe: Lass Dich beschenken, sei zum Empfang bereit!"

Vielen Dank für diesen wunderschönen Pilgertag!
Reiner Strank