Pilgern - Erfahrungsberichte

26.06.2018 Von Vellmar nach Dörnhagen

von Renate

Dienstag, 26.6. 20182018: Vellmar - Dörnhagen

Heike weckt uns mit Posaunenklang um 5.45 Uhr, draußen ist es trüb. Kommt Regen? Es sieht so aus, ich packe das Regencape vorsichtshalber in den Tagesrucksack. Frühstück reichlich, Heikes Heimatgemeinde überschüttet uns mit guten Gaben, Reste von gestern Abend inbegriffen.

Nach dem Frühstück pilgern wir zum katholischen Gemeindezentrum "Heilig Geist", das nahe der Ahne liegt, ca. 1 km entfernt. Es regnet leicht. Im modernen Kirchenraum hält Sieglinde die Predigt zu Joh.4, 5-30 "Jesus und die Samariterin". Ein kurzes Anspiel ergänzt den Predigttext: JESUS UND DIE FRAU AM BRUNNEN. Wo ist das lebendige Wasser, das unseren Durst wirklich stillt? Wo ist die Quelle, die immer für uns sprudelt und aus der wir für unser Leben alle Kraft schöpfen dürfen? Wie lösen wir uns aus den Fallstricken unserer Lüste und gelangen zur Ruhe? GNADE, die Quelle heißt ewige Gnade für jede und jeden von uns. Rolf feiert danach mit uns das Abendmahl: Heilung, Stärke, Trost, Mut, Versöhnung, Vergebung, Quelle, Gemeinschaft mit Gott.

Trüb verhüllt sich die Sonne noch beim Aufbruch, unser Pilgerweg Richtung Kassel führt an der Ahne entlang durch den Ahnepark. Das Kreuz trage ich, allerdings bin ich zu eilig, zu schnell. Immer wieder heißt es von hinten: Langsam, langsam. Kleine Anhöhen sind zu bewältigen, einige Brücken über das Bächlein Ahne, das munter vor sich hin plätschert und hin zur Fulda rinnt. Vögel zwitschern, Kirschbäume am Wege, Wiesen mit Obstbäumen, schließlich kommen wir zu einer Mühle am Warteberg, wo Petra wohnt.

Jetzt sind wir bereits in Kassel, später kreuzen wir die " Eisenschmiede". Hier gab es über Jahrzehnte Arbeit und Brot bei Henschel und Wegmann, dort wurden Panzer, Lokomotiven, Rüstungsgut gebaut, Eisen bearbeitet und verarbeitet. Tausende lebten von der "Eisenschmiede" nicht nur in Kassel, sondern weit darüber hinaus in den alten Landkreisen. Gründerzeithäuser stehen am Wege, nahe ist die Holländische Straße, ein alter Handelsweg vom Osten nach Holland hin. Heute wohnen in der Nordstadt, durch die wir laufen, vor allem Migranten, wir können es sehen. Manche Ecke ist heruntergekommen, die schönen alten Häuser wirken vernachlässigt. Niemand spricht unsere Pilgergruppe an.

Heike, die Streckenmeisterin, hat eine kurze Pause an der Universität geplant, die in den alten Gebäuden von Henschel (und natürlich neuen) untergebracht ist. Dann queren wir die Weserspitze und sind bald an der "Fulle", dem Hiroshima-Ufer und vor der Orangerie. Mir wird das Kreuz schwer, es ist mein erster voller Pilgertag. Ich ruckele das Kreuz mal links, mal rechts, hänge mir den Gurt über, aber die Last bleibt.

Vor dem Orangerieschloss mit Planetarium weitet sich der Blick über die Karlswiese auf den Aueteich hin, die geraden Schneisen und Wege liegen vor uns und beide Wassergräben. Hier ist ein guter Platz für die Puncta. Heike erklärt, wie die Wasser fließen, sich stauen, schäumen, brausen, langsam werden, toben, Unheil anrichten und uns tränken können. Schweigend laufen wir an der Karlswiese entlang, auf der Kanadagänse friedlich grasen. Der Planetenweg begleitet uns Richtung Aueteich und Siebenbergen. Spaziergänger, Fahrradfahrer kreuzen, wir schweigen und laufen still. Heiß ist es geworden, die Regenwolken haben sich verzogen. Die riesigen alten Bäume spenden Schatten, zum Teil aus dem 17. Jahrhundert.

Kurze Rast halten wir vor Siebenbergen, dann pilgern wir an der Fulda entlang Richtung "Neue Mühle". Niemand fragt unterwegs, auch in Kassel nicht, nach dem Woher und Wohin. Nun interessiert sich ein Fahrradfahrer für unsere Gruppe. Endlich fragt jemand, denke ich. Warum interessieren sich so wenige Menschen für unsere ziemlich auffällige Pilgergruppe?

Mittagsrast am Fahrradweg hart an der Fulda. Claudia kommt mit dem Auto und bringt Joghurt und Wasser. Ich darf das Kreuz abgeben nach der Rast. Wir laufen über schattenlose Felder Richtung Westen zu zwei Soldatenfriedhöfen aus dem 1. Weltkrieg, einem englischen mit 1.800 Gräbern und einem russischen. Die Gefangenen starben an einer Typhusepidemie. Wir stehen fassungslos vor den weißen Kreuzen in der sehr gepflegten englischen Anlage. Vor dem englischen Teil steht ein Auto der Commonwealth War Graves Organisation, die offenbar den gut gepflegten Friedhof pflegt und betreut. Der russische Teil ist mit Gras bewachsen, hohe Bäume weisen zum Himmel, einige Grabsteine stehen stumm. Ein Mahnmal erinnert an die deutschen Ärzte und Schwestern, die ihr Leben für die Pflege der Todkranken hingaben. Schweigend und sinnend setzen wir unseren Weg fort. Hört das denn nie auf? Die Gewalt, der Hass?

In Rengershausen leitet uns Heike, leicht vom Weg abzweigend, zu einem Altenheim hinauf, wo Kaffee und Apfelkuchen für uns bereitstehen, und Wasser, Wasser. Es ist so heiß geworden. Absatteln kurz, trinken, wir haben noch ein Stück Weges vor uns. Heike betreut hier alte Menschen, mit unserem Pilgerlied sagen wir Danke und "Auf Wiedersehen".

Jetzt überqueren wir die Fulda Richtung Osten, steigen durch die "Hühnerleiter" im Wald auf die Anhöhe und können später ein Dörfchen sehen, das ins Tal geschmiegt ist. Aber zunächst bietet die Leitungsgruppe die Gebetszeiten an: Rosenkranz, Herzensgebet und Stilles Gebet. Auf den Feldern ringsum flattern Tagfalter, Kühe und Pferde weiden ruhig und gelassen, Schafe liegen entspannt im Schatten. Die Bauern fahren Heu ein, ernten Getreide.

Dann erreichen wir in Dörnhagen, das Tagesziel, die Glocken läuten, die Kirche ist nahe. Der junge Pfarrer begrüßt uns in der mittelalterlichen Kirche mit Handschlag und einem Willkommen. Das Gemeindehaus neben der Kirche wird Nachtquartier sein, wir suchen unsere Schlafplätze auf und freuen uns auf die Einladung zum Grillabend. Dusche? Nein, ein Waschbecken. Es geht auch einmal so! Die Gemeinde wirkt offen, freundlich, ehemalige Konfirmanden grillen für uns, Salate und Leckereien werden von Gemeindemitgliedern gebracht. Die Kirchengemeinde lebt nicht nur von der Offenheit eines Gemeindepädagogen und macht vorbildliche Jugendarbeit, sondern wirkt rundherum zufrieden. Claudia ist hier zu Hause, also Heimspiel, und was für eines! Wir sind alle zufrieden, angekommen zu sein und an Leib und Seele gestärkt zu werden. Abendgebet und kurze Zeit später ist Ruhe eingekehrt. Kühl ist es geworden.

Tiere am Wege heute: Schafe, Pferde, Kühe, Vögel u.a. Rotkehlchen, Schwäne, Reiher, Raupen, ein großes Heupferd, zwei tote Mäuse, Milane, Tagfalter unzählige, Nilgänse, Kanadagänse und wir mittendrin.
Renate Schellhaas