Pilgern - Erfahrungsberichte

Von Heiligenstadt nach Beuren (1. Tag)

von Waltraud Hempel (22.07.2001)

Pilgererfahrung

Dies ist mein 3. Pilgerweg.
1. Pilgerweg 1996
2. Pilgerweg 2000
3. Pilgerweg 2001

Warum ist Pilgern für mich in?

Es ist das Erlebnis, sich jeden Tag neu auf den Weg begeben zu können, trotz aller Ungewissheit über das, was mir begegnen wird. Für mich ist es wichtig, nicht zu verharren, sondern sich einzulassen und los zu gehen!

Waltraud Hempel, Foto: F.F. HenningIch habe mir für meinen Pilgertag folgendes Wort aus Johannes 21, Vers 18 ausgesucht "... wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wohin du nicht willst." Dieses Wort, mit dem ich schon viele Jahre vertraut bin, hat durch das Pilgern eine neue Bedeutung für mich gewonnen.

Ein weiterer Pilgerweg beginnt. .Dieses Mal habe ich mich entschieden, an vier Tagen mitzugehen. Mit Besorgnis dachte ich an die vor uns liegenden Strapazen. Das Eichsfeld kannte ich gut genug, um zu wissen, was mich auf den Fußwegen die Berge herauf und hinunter erwarten würde. Dass die große Sommerhitze dazu kam, konnte ich nicht ahnen. Würde ich das schaffen?

Vermutlich hatte Hermann um 6 Uhr morgens alle Pilger, die im Gemeindehaus geschlafen hatten, mit seiner Trompete geweckt. Als ich ankam, waren die Schlafplätze bereits abgeräumt, alles war zusammengepackt, das Gepäck wurde gerade auf zwei Autos verteilt und die Tagesrucksäcke wurden verschnürt. Das Frühstück war schon fast beendet. Nur in der Küche wieselten noch einige Helfer und Willi.

Der Pilgertag beginnt mit der Heiligen Messe, die wir gemeinsam mit der Gemeinde in der Altstädter Pfarrkirche St. Marien (12.Jahrhundert) feiern. Propst Durstewitz hält die Predigt. Vielleicht ist es für die Gemeinde ein wenig ungewohnt, in dieser Frühmesse auch Pater Eusebius mitgestaltend zu erleben. Auch wir Pilger bringen uns ein mit dem Lied :"Hilf uns glauben wie Abraham". Als die Messe endet, ziehen alle Pilger in den Chor und bilden dort einen Halbkreis.

Willi trägt das Holzkreuz, das uns auf dem Weg begleitet. Es ist mit grünem Laub und einer Sonnenblume geschmückt und mit vielen aus Ton geformten Jakobsmuscheln behängt. Diese Muscheln sind diesmal unser Pilgerzeichen. Es erfolgt eine feierliche Austeilung durch Propst Durstewitz und Pater Eusebius. Mit diesem Zeichen und dem Reisesegen versehen, beginnen wir unseren Weg.

Heute wird der Weg nicht so lang werden. Das Tagesziel ist Beuren. So haben wir noch Zeit für einen kleinen Rundgang in Heiligenstadt. Von St. Mariens Ostseite steigen wir über Stufen zur Ratsgasse hinunter, bestaunen den eindrucksvollen Sandsteinbau des Alten Rathauses aus dem 13. Jh., freuen uns über den neuangelegten Barockgarten und blicken auf das stattliche, dreigeschossige Bauwerk des ehemaligen Jesuitenkollegs, das heute ein sehenswertes Heimatmuseum beherbergt. Der Weg führt uns über die zentrale Wilhelmsstraße, am Markt vorüber zur Neustädter Kirche, St. Aegidien, Baubeginn ebenfalls 13OO, mit ihrer Maria-Hilf-Kapelle, die häufig für ein Gebet von Menschen aufgesucht wird. Durch die Windische Gasse, über den "Wilhelm", vorbei am Mainzer Haus, vor dem auf den Stufen, die zur Stadt hinab führen, ein "bronzener" Theodor Storm steht, direkt vor dem Eingang des ihm gewidmeten Literaturmuseums. Acht Jahre lebte der Dichter mit seiner Familie in dieser Stadt, tätig als Kreisrichter. Hier entstanden auch einige seiner anrührenden Novellen und Märchen. Auf dem höchsten Sandsteinsockel der Stadt erhebt sich die älteste der Heiligenstädter Kirchen, St. Marien. Vom Schloss (barock und imposant) mit schöner Portalanlage und Sterntor führte uns der Weg durch eine alte Straße, den Knickhagen, mit beachtenswert renovierten kleinen Fachwerkhäusern in einen weiteren alten Stadtteil. Hier finden wir die Klausmühle, einen stattlichen Fachwerkbau, ebenfalls mit Sternentor. Der Vorgängerbau, der abgebrannt ist, war das Geburtshaus Tilman Riemenschneiders. Nun wenden wir uns dem Klausberg zu. Vor der Stadtmauer führt unser Weg über den Heimenstein nach oben zu einer kleinen Kapelle. Sie ist der Altarraum der einstigen Nikolauskirche, die nach der Zerstörung nicht wieder aufgebaut wurde. Durch eine Lücke der Stadtmauer gelangen wir zu einem künstlichen Wasserfall. Die Geislede fällt hier einige Meter über dicke Sandsteinblöcke und mündet nach kurzem Lauf in die Leine. Noch nehmen wir uns die Zeit für einen kurzen Blick in den Kurpark, dann wenden sich unsere Schritte stadtauswärts.

Vor uns liegt der Dün, ein bewaldeter, steil ansteigender Bergrücken. Es geht schon bergauf, als wir die letzten Straßen der Stadt durchwandern. Noch wird der Tagesrucksack auf dem Rücken kaum wahrgenommen. Doch das ändert sich bereits, nachdem der Weg durch die Gärten und Felder hinter uns liegt und wir den Buchenwald erreichen. Nach der Hitze auf dem ersten Teilstück des Weges ist es angenehm schattig und kühl. Es geht nun aber steil aufwärts und der Rucksack beginnt schwerer zu werden. Willi, als Kreuzträger an der Spitze , hält das mir schon vom Vorjahr bekannte Pilgertempo bis auf die Kammhöhe von 435m Höhe durch. Trotzdem gibt es muntere Gespräche unter den Pilgern. Nach einigen Kilometern erreichen wir einen Aussichtsplatz mit dem Dünkreuz, einer Schutzhütte und Bänken. Hier machen wir eine erste Rast und genießen den Blick über Heiligenstadt und in das Leinetal hinein.

Das ist nicht der einzige Grund inne zu halten. Wir sind Pilger! Für mich bedeutet das: Leben mit einer Tageseinteilung, Einsichten über meine Aufgaben und meinen Weg in diesem Leben zu gewinnen. Ich möchte auf die Worte der Bibel hören. Nachdenken über die Menschen, die geistige Wege gegangen sind. Ich möchte in der Gemeinschaft Stille erleben. Ich möchte mich im Gehen einer mir bis zum vorigen Pilgerweg unbekannten Form des Betens, dem Rosenkranzgebet, nähern.

Dafür haben wir uns feste Zeiten gegeben. Nach einer ersten Wegstrecke von ca. 2 Stunden machen wir eine Rast. Wir halten inne und konzentrieren uns auf die PUNCTA: Ein geistiger Impuls wird uns für die anschließende Schweigezeit mit auf den Weg gegeben. Mit einem Gebet oder einem Lied wird die 1-2stündige Schweigezeit beendet . Die Zeit bis zur Mittagsrast dauert dann nicht mehr lang.

Am Nachmittag finden wir uns in kleinen Gruppen zum Schriftkreis zusammen. Eine Textstelle aus dem AT oder NT wird von jedem Pilger still gelesen. In jeder Gruppe liest ein Pilger diese Textstelle noch einmal laut vor, so dass das Wort auf jeden einzelnen wirken kann. Erst dann benennt bzw. liest jeder Pilger das Wort oder die Zeile oder den Vers vor, der ihn am meisten berührt hat. In einer weiteren Runde kann dann jeder angeben, warum ihn besagte Textstelle so angesprochen hat.

Nach dem Schriftkreis folgt für einen Teil der Pilger wieder Zeit des Schweigens, die anderen gehen mit dem Rosenkranzgebet weiter. Das Vespergebet am Ankunftsort beschließt diesen Teil des Tages.

Während der Puncta am Dünkreuz -stehend-, gab uns Helmut mit auf den Weg, über die Fürbitte nachzudenken. Wir verlassen diesen Ort und wenden uns nach Osten. Da wir die Kammhöhe des Dün schon erklommen haben, verläuft der vor uns liegende Weg nicht mehr so steil, eher wellig. Doch "Weg" heißt hier oben: gebahnte und zugewachsene Pfade, manchmal unerwartete, hölzerne Hindernisse, die zu überwinden sind. Doch für mich ist das auch ein Abbild für den Menschenweg durch das irdische Leben. Die Schweigezeit endet an einem Weg, der von Bodenrode/Weerthausen herauf kommt und geradewegs über "Geisleden zum Hülfensberg führt. "Heulstätte" heißt der Punkt, an dem wir stehen. Die Einwohner der unterhalb liegenden Dörfer begleiteten ihre zum Hülfensberg pilgernden Angehörigen bis hierher und nahmen Abschied und kehrten in ihre Dörfer zurück. Wer mag da Tränen vergossen haben? Kinder, wenn ihre Eltern weitergingen - oder umgekehrt?

Eine letzte Wegstrecke führt uns am Waldrand vorbei, entlang Getreidefeldern mit herrlich bunten Blumenrainen. Wir erreichen die kleine Kapelle Steinhagen, beschattet von einer großen Linde. Hier erwartet uns auch der gelbe Begleitbus mit der Mittagsverpflegung und Getränken, das Wichtigste bei den Temperaturen. Wir suchen Schatten, essen und trinken, sprechen miteinander und einige versuchen zu schlafen. In einer guten Stunde wird es weitergehen.

Im Aufbrechen sehe ich im vor mir liegendem Wald einen Turm, von dem ich weiß, dass er nahe bei der Burg Scharfenstein steht. Also haben wir den längsten Teil des Weges für heute bereits geschafft. Jetzt führt uns der Weg auch wieder durch den schattigen Wald und als wir den nach kurzer Wanderung verlassen, liegt die Burg vor uns. Wir lassen uns hier unter großen Bäumen zum Schriftkreis nieder.

Von der Burg führt ein Serpentinenweg hinunter auf die Straße nach Beuren, unserem Tagesziel. Wir beginnen den Abstieg mit dem Rosenkranzgebet. Die kleinere Gruppe der Pilger folgt schweigend. Auf dem letzten Straßenstück begegnen wir mehreren Autos. Ich empfinde sie schon nach einem Tag pilgern als fremd und störend.

Wir kommen in Beuren an und laufen fast bis zum Ortsende. Dort finden wir das ehemalige Zisterzienser-Nonnenkloster In dessen Kirche hält Johannes eine kurze Andacht. Danach geht es zum Abendessen und Übernachten in das Pfarrgemeindehaus.

Freunde aus Heiligenstadt holen mich später ab. Im Abfahren sehe ich noch die Fenster der Dorfkirche in der Abendsonne golden aufblitzen. DANKE für diesen Tag!

HolzkreuzAuszug aus der Altstädter Kirche in HeiligenstadtBlick über Heiligenstadt