Pilgern - Erfahrungsberichte

Von Ecklingerode nach Worbis (3. Tag)

von Cornelia van Eikels (24.07.2001)

Pilgererfahrung

Dies ist mein 2. Ökumenischer Pilgerweg.
1. Pilgerweg 2000
2. Pilgerweg 2001

Warum ist Pilgern für mich in?

Einfach losgehen - danach hab ich mich schon lange gesehnt. Im Pilgern komme ich meiner Sehnsucht ein großes Stück näher.

Cornelia van EikelsFür den heutigen Tag habe ich nachträglich folgende Textzeile ausgewählt:

"Sieh, ich zeige dir neues Land,......" Es ist die Wiederholungszeile aus dem oft gesungenen Lied während unserer Pilgerwoche "Hilf uns glauben wie Abraham", von Kathi Stimmer l986 - zu einer Primiz.

Hermanns Posaunenrufe sind kaum verklungen, hier und da erheben sich die Schläfer unter Bäumen im weitläufigen Gelände des Gemeindehauses, da ziehen schon die beiden Willis mit Körben los zur Biogärtnerei. Ich hab mich dazu gesellt, weil ich den frühen Morgen liebe - und Gärtnerin war mein Kinder-Traumberuf. Mit dem Duft von Erde und Kräutern in der Nase kommen wir zurück. Die Sonne ist da. Es wird wieder heiß werden.

Zum Frühstück erzählt Johannes die Geschichte von Christopherus, der dem mächtigen Herrn dienen wollte und von Christus in Gestalt eines kleinen Kindes unter Wasser gedrückt wurde. Ich staune, wie anders sich Christus offenbart, als ich mir immer vorgestellt habe. Nicht als helles Licht, das mir aufgeht nach klugem Nachdenken, nein, unterwegs im Fluss wurde da jemand in die Knie gezwungen. Genau wie ich vor einem Jahr vom Leben auf den Boden gedrückt wurde und auf dem Pilgerweg nach Marburg die Antwort bekam.

Wir brechen auf. Es ist schon heiß. Am Pfarrteich im Wald schwirren die Stechmücken. Woher hat Hans-Werner bloß den Liegestuhl! Christel spricht in der Puncta über den Propheten Elia.

Sie hat sich intensiv mit ihm beschäftigt, man spürt ihre Beteiligung und den Willen, das Beste und Wichtigste mitzuteilen. Elia als einer , der sehr mit Gott verbunden ist, seine Stimme hört, seinen Willen tut und auch ein Mensch mit eigenen Impulsen ist, Macht und Rachegefühle kennt und auslebt - und von Gott gehalten wird.

In die Schweigezeit nehme ich mit: Ich muss meine Entscheidung ja nicht alleine treffen. Ich kann immer mal fragen: Was hältst du davon, Herr? Wie hättest du das gemacht? Kann ich das mit deiner Hilfe wagen? Und: lass mich erkennen, wenn du mir einem Menschen, einen Engel oder Brot schickst!

Im Schweigen wandern wir weiter auf der Betonspur der ehemaligen Grenze. Der Weg steigt mäßig an. Am Horizont türmen sich Wolken, darunter erstrecken sich weite Felder, von Strohrollen bepunktet. Wir rasten im Schatten einer Eiche am Schützenhaus. Lothar, der uns als kundiger Führer begleitet, erzählt vom Sonnenstein, einem alten Germanenheiligtum. Das ist unser nächstes Ziel, oben

wollen wir Gottesdienst halten. In der Mitte des Aufstiegs rasten wir im Anblick der roten Abraumhalde der Bischofferoder Kaliwerke. 1994 verhinderte ein Hungerstreik der Bergleute untertage die Schließung. Heute befürchten die
Menschen den Einsturz unterirdischer Gewölbe und die Absenkung des Geländes. Unsere lockere Erzählrunde geht über in einen Gottesdienst im Gras. Manfred und Johannes bringen Christopherus und Elia (im Schweiße ihres Angesichts) zusammen-. Das letzte Stück des Anstiegs über Kalkmagerrasen, übersät von kleinen roten Nelken, überstehen wir singend und schweigend. Auf dem Plateau weht ein frischer Wind, begeistert geht der Blick in die Weite, über die am Horizont ziehenden Wolken und wir sind im Zentrum der Sonne.

Mario stellt Brot und Wein auf den großen Steinaltar.

Der Wind bläst die Pilgerkerze nach kurzer Zeit aus. Wir stehen im großen Kreis vor dem Altar, der Gottesdienst beginnt. Zur Fußwaschung lagern sich alle im Gras und für mich entsteht eine Einheit von Wärme, Thymianduft und Menschen im gegenseitigen Geben und Nehmen. Wir empfangen danach noch Wein und Brot - ich fühle mich jetzt so randvoll mit Stärkung, dass ich nichts mehr erleben möchte und genug habe. Wenn es nach mir ginge, ich würde mich unter einen Baum setzen, einschlafen vielleicht ...- 2O Minuten sollen es vom Fuß des Sonnensteins sein bis zur Ruine Wildungen. Über Weiden und durch Zäune geht’s dann doppelt so lang. Der Kreuz-Willi murrt. Ich fürchte mich vor der Begegnung mit wilden Rindern. Gott sei Dank

bietet Manfred seinen Schutz an. Endlich! Der Bus mit Küchen-Willi, Brot, Tomaten, Ravioli, Käse und Wurst! Unten eine Quelle mit ganz kaltem frischen Wasser. Der Platz hier ist schön. Aus einem rohrkolbenbestandenen Tümpel ragt ein Felsvorsprung gekrönt von einem steil aufstrebenden Mauerrest, oben ein Fensterviereck. Nach ausgiebiger Mittagspause steigen wir die 365 Stufen in Richtung Burg Bodenstein. Nach der Zählung von Hermann J. Dietrich sind es nur 2OO, der Rest Legende. Eifrige Pilgerinnen singen sich die steile Treppe hoch. Geburtstagslieder sind zu hören, und gegen Ende "Stille Nacht"! Ich versuche, vorne beim Kreuz zu bleiben. Wie kann einer nur so gleichmäßig steigen! Ein Blick auf die Beine von Willi zieht unwahrscheinlich mit. Oben geht’s nach kurzer Trinkpause mit Rosenkranzsingen weiter. Dabei gerät man so gut in Zeitlosigkeit! Als wir auf Burg Bodenstein ankommen, haben wir eine Stunde Verspätung. Der Leiter der Burg (evangelische Begegnungs- und Bildungsstätte) hatte um 15.OO Uhr mit uns gerechnet, wir seien angemeldet gewesen. Der schon abgeräumte Kaffeetisch wird schnell wieder gedeckt. Schmandkuchen und Kaffee. Jetzt murre ich, will mich nicht bedienen lassen, will nicht in ein richtiges Cafe rein, will den Pilgerweg in seiner Einfachheit wahren. Ach ja, das Überraschende am Weg dankbar anzunehmen gelingt dann doch. Ich esse 2 Stücke, der Kuchen ist köstlich. -

Dann sind wir eingeladen zur Abendandacht in der barocken Kapelle.

Unter der Decke schwebt ganz körperlich ein Engel mit einer Schale in den Händen, die heute noch als Taufschale verwendet wird (Der Engel kann an einer Kette hängend heruntergelassen werden) . Ein Burgherr hat sich mal in ein Abendmahlsbild hineinmalen lassen, als Jünger, der auf Christi Schoß sitzt. Aus der Geschichte der Burg spricht an mancher Stelle göttliche Führung und Bewahrung. Wir bedanken uns mit unserem Pilgerlied und Helmut stellt unseren Ökumenischen Pilgerweg vor. Dann brechen wir auf, zum letzten Mal heute. Der Weg führt durch den Wald, noch einmal eine kurze Pause in luftiger Höhe auf den Kalkfelsen am Kanstein. Dann kommen wir schön müde in Worbis an. .Der Kirchturm ragt in den Sommerabendhimmel, schwalbenumkreist, die Straßen sind leer. Am Tisch im Gemeindehaus sitzt ein neuer Pilger. Die Gesichter spiegeln die Anstrengungen des Tages. Ruhe kehrt ein. Die Kerze wird angezündet und alle freuen sich am Essen, das unser wunderbares Küchenteam aus Kartoffeln, Quark und Kräutern gezaubert hat. - Nun beziehen die Frauen ihr Quartier im evangelischen Gemeindehaus, einem riesigen alten Gemäuer, in dessen Pensionszimmern noch echte DDR-Atmosphäre lebt. Die Männer bleiben im katholischen Gemeindesaal.

Die Komplet beschließt diesen reichen Tag mit dem Psalm 31. Irgendwie glich sich doch das Verhältnis der intensiven geistlichen Anteile aus mit der Arbeit der Füße.

Christel spricht in der Puncta über den Propheten EliaMario stellt Brot und Wein auf den großen SteinaltarEngel mit einer Schale in den Händen - Burg Bodenstein