Pilgern - Erfahrungsberichte

Von Worbis nach Rüdigershagen (4. Tag)

von Christian Katzmann (25.07.2001)

Pilgererfahrung

Dies ist mein 2. Ökumenischer Pilgerweg.
1. Pilgerweg 2000
2. Pilgerweg 2001

Warum ist Pilgern für mich in?

Pilgern ist ein Teil meines Lebens geworden und sicherlich war der diesjährige Pilgerweg nicht mein letzter!

Christian Katzmann; Foto: F.F. Henning"Wir pilgern im Schatten von St. Jakobus!

Langsam öffne ich die Augen und trete wieder in mein Bewusstsein ein. Schneller als alle Computer der Welt wird das Programm meines Gedächtnisses hochgefahren. "Du bist auf einer Wallfahrt und bereits ist der 4. Tag angebrochen." Dass ich nicht, wie gewohnt, in meinem Bett liege, verspüre ich deutlich, nur ein Zentimeter trennt mich vom harten Boden. Der Körper hat sich schon längst an dieses Lager gewöhnt und der Schlafsack ist zur Heimat geworden, die einzige Privatsphäre die man noch besitzt. Nach den Anstrengungen des gestrigen Tages hatte ich doch diese Nacht gut geschlafen, zumal mir eine schnarchfreie Zone vergönnt war! Ein Blick auf die Uhr lässt wieder Ruhe einkehren und ich genieße noch das angenehme Klima im Schlafsack bis zum Wecken.

Aus der Küche dringen schon Geräusche in den Schlafsaal von fleißigen Händen, die sich auch diesen Morgen wieder für mich rühren. Etwa 60 cm große Holzplastiken von Evangelisten, oder Heiligen schauen von den Wänden herab. Nach dem Gesicht kann man keinen erkennen, oder einen Namen zuordnen; nur an dem, was sie an sich, oder in den Händen tragen. In Gedanken frage ich mich: "Was trägst du an dir und was wird einst auf dem weißen Stein stehen, von dem in der Offenbarung des Johannes zu Pergamus, die Rede ist?"

Für die Morgentoilette findet man wenig Zeit und gibt sich förmlich die Klinke in die Hand. Besonderer Luxus ist es auch, dass auf der einzigen Toilette schon die Sitzfläche angewärmt wurde. Nach schnellem Packen des Rucksacks, was schon Routine ist, muss der Schlafraum zum Frühstück hergerichtet werden. Heute ist das Frühstück fast fürstlich, mit frischem Obst (sogar Melone), Wurst und Käse. Der Anlass hierzu sollte sich schnell klären. Nach unserem Morgenlied zum Munterwerden "Ein neuer Tag beginnt" erklärt uns Manfred den Grund für unser heutiges Hochfest: Namenstag des Hl. Jakobus, Vater der Pilger. Dieser soll uns noch den ganzen Tag begleiten. Den gemeinsam gebeteten Psalm 121 begann in mir Leben zu gewinnen; in den einzelnen Versen: "Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen" oder "Dass dich des Tages die Sonne nicht steche." Hatten wir nicht dies förmlich am vergangenen Tag erlebt?!

Im Hof des Gemeindehauses wollen wir zum gemeinsamen Aufbruch sammeln. Bei den Aufbrüchen der vergangenen Tage verspürte ich immer ein wenig Unruhe in mir. Die Beine schienen nur ungeduldig darauf zu warten, endlich ausschreiten zu können, als ob ich an ihrem Dienst völlig unbeteiligt wäre. Die Erwartungen an den neuen Tag, an Eindrücken, Begegnungen und an sich selbst, haben das Ihrige dazu beigetragen. Über alledem steht aber auch eine Ruhe und Geborgenheit, die ich im Segen Gottes und der Gemeinschaft der Pilger verspürte. Brauchte ich doch nichts anderes zu tun als dem Kreuz nachzufolgen!

Das Kreuz führte uns zur Antoniuskirche, von der wir ausgesendet werden sollen. Noch während der Messe durften wir einziehen und uns der Gemeinde mit unserem Lied "Pilger sind wir Menschen" vorstellen. Pfarrer Böning sprach noch zur Gemeinde einige Worte über uns und segnete. Mit der Aufnahme von drei neuen Pilgern erweiterte sich unser Kreis. Durch das Überreichen unseres Pilgerzeichens, der Jakobsmuschel, und dem Wunsch eines guten Weges, wurden sie die Unsrigen. Gleich im Anschluss führt uns ein engagiertes Gemeindemitglied, ein Apotheker G. Müller, durch die ehemalige Franziskanerabtei, die ein schlichtes Tonnengewölbe überspannt. Die Schlichtheit des Kirchengebäudes selbst, lässt uns umso mehr das Inventar zur Geltung kommen. Den Raum dominiert das große Altarbild des Hl. Antonius, nachdem die Kirche geweiht ist. Um die Gestalt des Heiligen scharen sich eine Zahl von Menschen, die krank und Hilfe suchend sind; aber auch eine Anzahl von Pilgern, zu denen ich sogleich in Gedanken einen engen Kontakt knüpfe.

Rechts vom Hauptaltar ragt ein barocker Seitenaltar in die Höhe, mit den 14 Nothelfern. Diese Zusammenfassung von Hl. Helfern findet man des Öfteren im Eichsfeld; in vielen Kirchen und Kapellen.

Doch zum Verweilen bleibt uns keine Zeit, obwohl wir heute eine der kleineren Strecken zu bewältigen haben. Wir setzen uns langsam in Bewegung nach Breitenholz, unser nächstes Etappenziel. Schon früh am Morgen brennt die Sonne wieder heiß vom Himmel und es scheint nur durch offene Felder zu gehen. Das Getreide steht schon hoch bis zu den Hüften und ist an den Säumen bunt durchwebt von Klatschmohn und Kornblumen. Wenn ich Kornfelder sehe, denke ich oft an das Gottesvolk, da doch gerade das Korn ein Bild der Frommen ist. Da gibt es große und kleine Ähren, einige die hochgewachsen sind und über den anderen stehen, aber sich tief beugen. Sie werden einst allen zusammen geerntet werden, wenn sie das Stehen behalten. Gern nutze ich diese stille Zeit für mich, um solchen Betrachtungen nachzugehen.

Der staubige Feldweg, welcher ebenso als Baustraße für eine nahegelegene Autobahn dient, führt uns direkt durch ein Reitergehöft. Vor den Stallungen werden wir Zeugen, wie ein Schmied ein Pferd beschlägt. Der Gedanke, dass Reiten sicherlich ganz angenehm wäre, auch um des Fahrtwindes willen, verlässt mich wieder sehr schnell, da dem Pilger das Reiten untersagt ist. Der Kleber, mit dem ich meine Schuhsohle noch kurz vor der Abreise an meinen "Knobelbechern" fixiert hatte, schien noch gut zu halten. Braucht ich also nicht die Hilfe des Hufschmiedes in Anspruch zu nehmen.

Ein gutes Stück gehen wir neben einer neu entstehenden Autobahn entlang, bis wir sie schließlich über eine Brücke passieren können. Ein reger Betrieb von Radladern, Kippern, und Bauarbeitern lassen von dem Lärm und der Hektik etwas ahnen, die später einmal diese "Hauptader unserer Zeit" pulsieren lässt. Wie oft habe ich schon Autobahnen benutzt und empfinde sie im Augenblick befremdlich, ja sogar bedrohlich, sich in die Landschaft fressend. Fehlte mir doch schon nach einer halben Woche der Bezug zum schnellen Reisen, da ich auf die langsamste Fortbewegung angewiesen war.

Wie Wanderer in einer Wüste erreichen wir eine Oase, die sich Breitenholz nennt. Im Schatten alter Bäume vor der Wallfahrtskirche "Maria Heimsuchung", finden wir einen Platz zum Lagern. Eine in der Nähe wohnende Gemeindeschwester Adalberte öffnete uns bereitwillig ihre "Wasserquelle", so dass wir unsere "Höcker" wieder auffüllen können. Wie wunderbar ist Gott darin zu loben, dass er nicht nur die Sonne, sondern auch Oasen und Wasser erschaffen hat.

Doch Breitenholz wurde mir auch zur geistigen Oase! Zuerst hieß uns Schwester Adalberte in der 450 Jahre alten Wallfahrtskirche willkommen und berichtet uns über die Entstehung der Kapelle und des Gnadenbildes. Im Anschluss bereitet uns Helmut mit der Punkta auf die Schweigezeit vor. Sie soll uns im Zeichen von St. Jakobus und des Pilgerns stehen. St. Jakobus, ein Apostel Jesu, starb als Märtyrer unter König Herodes, als er im Jahr 42 von einer Mission in Spanien zurückkehrte. Eine Vielzahl von Legenden ranken sich um seine sterblichen Überreste, die auf mystische Weise nach Spanien zurückkehrten und in Santiago de Campostella die letzte Ruhe fanden. Erst 7 Jahrhunderte später setzte sich die Wallfahrt zu diesem heiligen Ort ein, der in seiner Bedeutung Jerusalem und Rom wenig nachstand. Helmut führt uns in Gedanken zu den ersten Christen, die "Anhänger des neuen Weges" genannt wurden. Ihr Glaube an Christus und Leben in IHM gab diesem Weg Gestalt. Sie konnten den Blick aus dem irdischen Staub aufheben, zu Gott und sein Ziel, und somit von sich selbst befreit zu sein, um anderen ein Segen zu werden. Den Pfarrer Jörg Zink lässt Helmut in einem Zitat sprechen: "Du kannst, was wir erfahren haben, nur verstehen, wenn du dich einem Weg anvertraust und auf ihm deine eigenen Erfahrungen machst. Du bist auf dem Weg nicht allein, viele gehen mit dir. Es geht dir einer voraus: Jesus Christus. Du hast ein Ziel, die Heimkehr zu Gott. Denn das Kennzeichnende am Christenglauben ist nicht, dass er ein Glaube, sondern das er ein Weg ist. Du kannst ihn nicht lernen und auswendig hersagen, du musst ihn gehen. Du selbst!

In diesem Augenblick scheinen wieder die Grenzen zwischen dem Inneren und Äußeren Weg zu zerfließen. Wir brechen auf, in beiderlei Hinsicht! Um in der Schweigezeit den Dialog mit sich selbst zu fördern, gab uns Helmut drei Fragen mit: "Welche Ziele habe ich? In welcher Weggemeinschaft bin ich unterwegs? Wie begleitet mich Gott?" Ein Satz kehrt immer und immer wieder in meine Gedanken zurück, wie ein Echo:" Das Wichtigste bekommst du geschenkt!"

Im Schweigen gehen wir ein Stück Landstraße auf Hausen zu. Oft frage ich mich, was wohl die Menschen von uns denken, wenn sie eine solch große Gruppe im Schweigen antreffen. Für unsere Tage sicherlich ein ungewöhnliches Bild, da sich doch viele Zeitgenossen in Wandergruppen anmelden, um ihr Mundwerk synchron mit den Füßen laufen zu lassen. Vor einer geschlossenen Bahnschranke müssen wir ein Stopp einlegen und uns in die Schlange wartender Autos einreihen. Lange Zeit fällt mein Blick auf den Rot-weiß gestreiften Balken. Augenblicklich denke ich an die Schranke in meinem Leben, vor der ich einst mal stehen werde und die sich für mich öffnen wird, in einen gewissen, jedoch unbekannten Bereich. Ein rot-weißer Schlagbaum grenzt dieses Land ab und wird für den Ankommenden geöffnet, zum Tor unter dem er einzieht. Rot steht für das Blut Christi, welches rein wäscht von aller Sünde und weiß für Reinheit des neuen Kleides (Offenbarung 7,14). Selig ist der, der dort Einlass findet!

Das Kreuz führt uns weiter über etwas unwegsames Gelände nach Hausen. Die Kühle des frühen Tages und der Morgentau ist schon lange verschwunden und die Sonne lässt ihre sengenden Strahlen über uns nieder. Jedes Stück Weg ist jetzt eine Erleichterung, wenn er durch den Schatten führt. Bis wir unsren Mittagsrastplatz Reifenstein erreichen, halten wir des Öfteren eine Trinkpause ab.

Schon von weitem sieht man die mächtige Klostermauer von Reifenstein, hinter der in alten Tagen, Zisterzienser ihre Zuflucht gesucht haben. Oberhalb des Klosters, unter zwei großen Kastanien, erwartet uns schon das Versorgungsteam und Eusebius, der sich vorgenommen hat, die letzte Wegstrecke mit uns zu gehen. Im Schatten der Bäume ist der Mittagstisch wieder reich gedeckt; mit so vielen einfachen Gaben. Ich freue mich über so viele einfache Sachen, die ich vorher nicht wert achtete. Nur wer schon satt ist, verlangt nach besonderen Dingen. Denke an den Nachtisch - Pudding! Wer Hunger hat, wird für alles dankbar sein und dies gilt nicht nur für den Bauch!

Im Schatten des Laubes führt uns der Weg nach Rüdigerhagen, auf dem unteren Dünweg, der entlang an diesem Bergrücken führt. Unweit von unserem Tagesziel sieht es so aus, als ob wir nicht den rechten Weg finden können. Mehrere Wege ziehen sich entlang des Dün und die Optimisten unter uns wissen dann, dass wieder eine Meditationsschleife ansteht. In einem Augenblick macht unsere Gruppe kehrt, ein Stück geht es zurück und ich bin in einer Sekunde auf die Andere der Letzte, wo ich doch erst ganz vorn mitging. Ein wenig komm ich ins Schmunzeln; wie man in einfachen Begebenheiten das Wort Gottes lernen kann. (Matth.)

Nach einem ebenen, aber sonnigen Fußweg, erreichen wir gegen 17:00 Uhr das Pfarramt in Rüdigerhagen, in dem wir für die Nacht Quartier finden. In dem erwinkelten Hof mit dem großen Obstgarten hat sich schnell einen Schlafplatz gefunden und ein Regenwasserfass wird von einigen Pilgern zum Frischmachen benutzt.

Schon nach einer Stunde ziehen wir in die kleine Dorfkirche ein, in der wir einen Abendmahlsgottesdienst halten wollen. Gleich zu Beginn der Feier stellt uns Johannes eine Plastik des Hl. Jakobus zu der Mitte des Altars. In der Lesung des Korintherbriefes (2. Kor. 4,7-15) schien es mir, als ob Jakobus durch die Worte von Paulus redete, dass er das Evangelium recht verkündigt und dessen Kraft unter Trübsalen erprobt habe. Nach dem Lied Nr. 31 hörten wir das Evangelium aus Matthäus (20, 20 -28). Jesus ruft hier seine Jünger zur Ordnung, als sie sich über die Kinder des Zebedäus im Unwillen erheben und fordert zur Dienerschaft auf.

Ein Ruf, der in unserer heutigen Zeit so wichtig geworden ist; gab es vor 100 Jahren noch Hausdiener, so sind sie heute schon Hausmeister! Pater Eusebius begann seine Predigt mit der Überschrift: "Pilgern ist in!" Wir sind zur Pilgergesellschaft geworden, weil wir mobil sind. Pilgern bedeutet einen Schatz entdecken - wie einfach komme ich zurecht. Paulus sieht den Schatz in Christus (Kolosser 2,3). Mit einer Muschel kann man schöpfen. Wir schöpfen was wir nicht gemacht haben und müssen vor Gott nicht den "starken Mann spielen!"

Nach den Liedern 36 und 17 feiern wir das Mahl des HERRN in einem großen Kreis. Obwohl dieser durchbrochen ist und aus einzelnen Menschen (Gliedern) besteht, findet er seine Einheit in einer Taufe, einem HERRN, einem gebrochenen Brot und einem Kelch, dessen wir teilhaftig wurden und sind. Eine große Freude und Ehrfurcht kommt in mir auf, weil sich darin das Reich Gottes offenbart (Johannes 17, 21)

Auf dem Rückweg begegnet uns eine Frau, die eine große Schüssel unter dem Arm hält, deren Inhalt, nach größter Anstrengung meiner Riech - und Sehnerven, ein Nudelsalat hergeben könnte. Die Phantasie brennt mit mir förmlich durch, als sie sich auch noch in unsere Richtung bewegte. Und tatsächlich gab es im Hof des Pfarramtes ein großes Pilgerfest zu Ehren des Hl. Jakobus.

Fleißige Hände aus der Gemeinde hatten Salate, Kuchen, Grütze, Würstchen und sogar Bier und Wein vorbereitet. Jetzt wusste ich, warum ich den Jakobus schon immer so gut leiden konnte! Es wurde ein kleines berauschendes Fest, zumal auch Hans-Werner und Lore ihren Hochzeitstag hatten. Ich dachte an die Worte Jesu, in denen es heißt, dass die Hochzeitsgesellschaft kein Leid tragen soll, solang der Bräutigam da ist; denn zum Fasten gibt es noch genug Gelegenheit. Wie gerne habe ich mich daran gehalten, bis wir zur vorgerückten Stunde noch das Nachtgebet sprechen wollten. Die Situation rettete eine franziskanische Weisheit, die ich zitiere: "Wenn die Würste lang genug waren, kann das Gebet kürzer ausfallen".

Zufrieden und müde krieche ich in meinen Schlafsack; hatte uns Gott auch an diesem Tag wieder so reich beschenkt.
Im 4. Psalm begeben wir uns in den Schutz Gottes zur Nachtruhe.
8. Du legst mir größere Freude ins Herz, als andere haben bei Korn und Wein in Fülle.
9. In Frieden leg´ ich mich nieder und schlafe ein; denn du allein, HERR, lässt mich sorglos ruhen.
10. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist
11. wie im Anfang, so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit.
Amen

am WegrandQuartier ev. Pfarrhaus in Rüdigershagen; Foto: F.F. Henningim Hof des Pfarramtes Rüdigershagen; Foto: F.F. Henning