Pilgern - Erfahrungsberichte

Kloster Volkenroda nach Bickenriede (6. Tag)

von Wilfried Wachsmuth (27.07.2001)

Pilgererfahrung

Dies ist mein 4. Pilgerweg.

Warum ist Pilgern für mich in?

Mir ist der Ökumenische Gedanke sehr wichtig. Ich möchte bei den Protestanten die Pilgertradition wiederbeleben
"Es macht die Wüste schön."

Wilfried WachsmuthWir haben heute etwas mehr Zeit, deshalb läßt Hermann erst um 6.30 Uhr seine Trompete zum allmorgendlichen Wecken erschallen.

Das besondere Ambiente unseres vergangenen Schlafplatzes läßt Hermann in der Vielzahl und Auswahl seiner Morgenlieder spüren.

An zwei Stellen ertönt die Trompete.

Am liegenden Kreuz wird gespielt:

All Morgen ist ganz frisch und neu
Ich freu mich auf den Tag mit Dir
Komm Herr segne uns
Im Hof erschallt
Es tagt der Sonne Morgenstrahl
Und zum Abschluss:
Lobe den Herrn

Der Gottesdienst beginnt heute morgen um 7.30 Uhr.
Nach Verlesen der Losung zum heutigen Tage aus Psalm 90, Vers 12 hält Manfred die Predigt zum heutigen Lehrtext aus dem 1. Brief des Paulus an die Thessalonicher Kapitel 5, Vers 8:

"Wir aber, die wir des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung zur Seligkeit".

Segnet durch die Tat und stellt dem Bösen euren Segen entgegen, so ist der Gedanke der sich durch die Predigt zieht.

Der Gottesdienst wird nach der lutherischen Liturgie gehalten und wir fragen uns anschließend: Wodurch unterscheiden wir uns eigentlich? (evangelisch/katholisch)

Nun, wir wissen es seit Teistungen: Die Eucharistie

Aber auch das heutige Abendmahl wird so gestaltet, daß jede Konfession ihrer Auffassung gerecht werden kann. Selbst das Wandlungsglöckchen ertönt.

Wie sagt Helmut: Das ist die evangelische Freiheit!

Nach einem oppulenten Frühstück, mit Kaffee und Büffet (als Pilger mußte man sein Gewissen abschalten) ging es um 9.15 Uhr mit dem Lied "Ein neuer Tag beginnt", (Nr. 2 im gelben Heftchen,) weiter in Richtung Bickenriede, unserem heutigen Tagesziel.

Der Christus-Pavillon, der von der EXPO in Hannover hier aufgestellt wurde, grüßt zum Abschied und lädt zur Eröffnung ein, die demnächst stattfinden soll.

Gegen 11.00 Uhr erreichen wir ein schattiges Plätzchen an einer ausgedehnten Kirschplantage (Schattenmorellen), wo wir uns zur Punkta niederlassen.

Harald läßt seine Gedanken spielen über die biblische Gestalt der Miriam, die an folgenden Bibelstellen erwähnt wird:

a) 2. Mose Kap. 2, Verse 2 bis 10
b) 2. Mose Kap. 15, Verse 20 und 21
c) 4. Mose Kap 12

Zu a)
Miriam ist eine Frau aus dem Alten Testament, über die wenig bekannt ist und die dennoch eine markante Persönlichkeit war und zum Segen für ihr Volk wurde. Diese Frau wird in drei Abschnitten der Bibel in unterschiedlichen Zusammenhängen vorgestellt, die hier kurz nachgezeichnet werden.
Die erste Begebenheit spielt in Ägypten während der Knechtschaft des Volkes Israel durch die ägyptischen Pharaonen (vorausgegangen war die Josefs-Geschichte, die Hungersnot in Kanaan und die Aufnahme der Israeliten in Ägypten). Trotz der Unterdrückung vermehrte sich das Volk Israel schnell, so dass ein neuer Pharao befürchtete, irgendwann werde Israel stärker sein als Ägypten. Um dies zu verhindern, ordnete er an, alle männlichen Nachkommen Israels zu töten.

Originalzitat: 2. Mose Kap. 2, Verse 2 bis 10, insb. Vers 4: "Aber seine Schwester stand von ferne, um zu erfahren, wie es ihm ergehen würde." An dieser Stelle wird Miriam zum ersten Mal erwähnt, ohne konkret mit Namen bezeichnet zu werden; erst in einem späteren Zusammenhang wird sie als Schwester Aarons (!) bezeichnet, so dass klar wird, dass es sich um Miriam als Schwester von Moses und Aaron handeln muss. Durch eine List gelingt ihr hier nicht nur die Rettung Moses, sondern sie kann auch erreichen, dass er von seiner eigenen Mutter gestillt wird.

Fazit: Ohne Miriam, ohne Moses Mutter und ohne die Tochter des Pharao, drei wagemutige, beherzte Frauen, hätte es die Befreiung der Hebräer aus der ägyptischen Knechtschaft, jedenfalls mit Moses als Anführer, nicht gegeben. Insofern wird Miriam zum Segen für ihr Volk.

Zu b)
Lobgesang der Miriam mit "Pauken und Trompeten" und dem Tanz der Frauen. Miriam ist die erste - noch vor ihrem Bruder Mose - die in der hebräischen Bibel Prophet(in) genannt wird. Früher wird nur noch Aaron(!) als Repräsentant Moses vor dem Pharao so bezeichnet; an dieser Stelle auch erstmalige Verwandtschaftszuordnung als Schwester des Aaron und damit auch des Mose. Sowohl Anfang als auch Ende des Exodus werden von der Prophetin Miriam geprägt.

Zu c)
Miriam wird aussätzig. Hintergrund ist, dass sie und ihr Bruder Aaron die Autorität Moses und damit indirekt Gottes in Frage stellt. Sie behauptet nämlich, Gott habe nicht nur durch Mose, sondern auch durch Aaron und sie selbst gesprochen. Hier kann man einem Konflikt nachspüren, der uns über die Jahrtausende vertraut und auch heute nicht fremd ist: geschwisterliche Rivalität. Miriam hat sich, wie wir gesehen haben, während des Exodus´ zu einer unbestrittenen Führungsfigur entwickelt und macht nun geltend, ebenso wie ihr Bruder Mose in einer besonderen Beziehung zu Gott zu stehen. Aber Gott sieht das anders. Er bestraft Miriam mit dem Aussatz (Lepra). Und wie Miriam für Mose und das Volk Israel zum Segen wurde, wird nun Mose zum Segen für Miriam, indem er sich bei Gott für sie einsetzt: "Ach Gott, heile sie!" Daraufhin verfügt Gott, dass Miriam sieben Tage ausserhalb des Lagers leben und danach wieder in die Gemeinschaft des Volkes Israel aufgenommen werden soll. So geschieht es.

Frage auf den Weg: Wie sieht es mit unserem geschwisterlichen Zusammenleben aus, früher in der Kindheit und heute als Erwachsene?

Wo sind uns unser Bruder/unsere Schwester zum Segen geworden bzw. wie können wir ihnen zum Segen werden?

Im Schweigen unseren Gedanken nachhängend, erreichen wir gegen 12.30 Uhr in brütender Hitze Ammern, nördlicher Vorort der mittelalterlichen freien Reichsstadt Mühlhausen.

Mit dem Lied: "Gott ist gegenwärtig" (Nr. 6 im gelben Heft) beenden wir unsere Schweigezeit in der Kirche St. Vitus.

Anschließend beginnt eine ausgedehnte Ruhephase in der zunächst das Mittagessen mit viel Trinken eingenommen wird, danach gibt sich jeder seinen persönlichen Pflegebedürfnissen hin.

Je ein Glockenschlag der beiden Glocken von St. Vitus leiten unseren Schriftkreis ein, der sich heute mit dem 2. Korinther Kap. 9, Verse 6 - 15 beschäftigt.

Gegen 15.30 Uhr Aufbruch zur Nachmittagsetappe. In einer Pause unterwegs gibt Eusebius einen Einblick in den Rosenkranz, der zur Erklärung der Nichtkundigen nicht etwa aus Gesetzen besteht, sondern sich aus Gesätzen zusammensetzt.

In Lengefeld erleben wir eine kleine Überraschung, dort werden wir von Martinas Schwester mit frischem Mineralwasser bewirtet, für unsere ausgedörrten Kehlen ein Segen des Himmels.

"Es macht die Wüste schön", sagt der kleine Prinz, "dass sie irgendwo einen Brunnen birgt." Aus "Der Kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupery. Das soll auch das Motto unseres heutigen Tages sein.

Am Mühlhäuser Landgraben begrüßt uns Eusebius als gebürtiger Eichsfelder. Gegen 18.50 Uhr erreichen wir Bickenriede.

Mit dem Lied: "Meine Hoffnung und meine Freude" (Nr. 44 im gelben Heft) ziehen wir in der Kirche St. Sebastianus ein.

Nach einem kräftigen Abendessen mit Linsen-, Bohnen- und Erbsensuppe richten wir unsere Nachtlager in den Räumen der Kirchengemeinde her, doch die meisten ziehen es vor bei dem herrlich warmen Wetter ihr Lager im Freien aufzuschlagen.

Die gemeinsame Komplet in der St. Sebastianus-Kirche bildet den Abschluss des heitigen Tages, dem eine anfangs etwas unruhige (knatternde Mopeds) aber dann doch ziemlich ruhige, erholsame, sternenklare Nacht folgt.

Gruppenbild im Kloster Volkenroda; Foto: F.F. HenningPater Eusebius, gebürtiger Eichsfelder, erklärt den Rosenkranz; Foto: F.F. Henning