Pilgern - Erfahrungsberichte

Letzter Tag und Abschied - auf dem Hülfensberg

von Hermann J. Dietrich (29.07.2001)

Hermann J. Dietrich; Foto: F.F. Henning"Weise mir, Herr, deinen Weg"

6.3O Uhr Eine halbe Stunde später diesmal als im uns gewohnten Pilgerrhythmus zum letzten Mal der Trompeten-Weckruf und so vertraute Melodien. Wie werde ich das morgen in der Frühe vermissen bei meinem Neuanfang nach dem Pilgerweg!

Ich bleibe im wohlig-warmen Schlafsack noch eine Weile hier draußen an der Ostseite der alten Klostermauer auf dem "Berg der heiligen Hülfe" und lausche nach den Trompetenklängen jetzt dem Spiel des Windes in den leis-rauschenden Zweigen. Wirklich schon aufstehen nach dieser so friedlichen Nacht? Guter Schlaf, der kostenlose Luxus kleiner Leute. Das kann ich nur bejahen und lasse großzügig den lieben männlichen Mitpilgern den Vortritt in den uns zur Verfügung stehenden Bädern.

7.3O Uhr Ich komme als einer der letzten in die gotische Wallfahrtskirche, 1367 erbaut und später mehrfach verändert, und reihe mich ein zu den Gehülfen gescharten liebgewonnenen Freundinnen und Freunden. Der am Kreuz Thronende, eine Darstellung aus dem 12. Jahrhundert, schaut ernst und so aufmerksam und wach herab auf uns Gesegnete und so reich Beschenkte.

"Weise mein Gott d e i n e n Weg..."

P. Heribert der neue Guardian, leitet Morgenlob und Laudes Und Willi bringt eine Psalmstelle auf seine Weise auf den Punkt mit:" Du deckst mir den Tisch und füllst mir den Becher". Verständnisvolles Raunen und Schmunzeln wogt über die dicht zusammengedrängte Pilgerschar. Welch humorvolles Beten!

8.OO Uhr "Ein neuer Tag beginnt, und ich freu‘ mich, ja, ich freue mich ..." Wie lautstark würde es jetzt durch den noch nicht lange fertiggestellten Pilgersaal hallen! Dafür besonders quirlig die vielen frohen Stimmen beim Frühstück heute. Kaffee und grüner (turbo) Tee beleben auf ihre Weise mit

9.OO Uhr Die Instrumentalisten und Liturgiker bereiten in der Wallfahrtskirche den festlichen Abschlußgottesdienst vor. Er wird bei dem auch heute so herrlichen Wetter draußen an der Grotte stattfinden. Viel Bewegung auch hier schon jetzt. Aber es ist hinreichend Zeit, um alles in Muße herbeizuschaffen, auch viele Bänke geordnet aufzustellen und die Pilgerinnen und Pilger auf der rechten Seite neben dem Altar sich einfinden zu lassen. Bald schon kommen die ersten GottesdienstbesucherInnen aus Geismar, Großtöpfer, Martinfeld, Bernterode, Lutter, und aus anderen nahegelegenen Eichsfeldorten, aber auch aus Heiligenstadt, von wo aus wir am Sonntag zuvor aufgebrochen sind.

1O.OO Uhr Pünktlich beginnt der feierliche Abschlussgottesdienst mit dem Auszug der Ministranten aus der Wallfahrtskirche, gefolgt von P. Heribert und P. Eusebius sowie Pfarrer Manfred Gerland und Pfarrer Johannes Brehm. Und dann die Eucharistiefeier vor der Franziskaner-Grotte, welch festlich-ökumenischer Höhepunkt dieser gesegneten Tage!

Besonders dankbar bin ich Johannes für die so überzeugende Predigt aus seiner Erfahrung gelebten Glaubens. Ob ich vielleicht zentrale Gedanken daraus, von ihm ausgewählt, demnächst auf einer der Seiten dieser Chronik nachlesen und in Tälern des Alltags bedenken kann?

11.15 Uhr Pilgerabschied von einander, so herzlich, anrührend und tief empfunden, Freude aus Glaubenstiefe, gewachsen in persönlichen und gemeinsamen Begegnungen. Und schließlich dann noch einmal im großen Kreis und mitten darin verbrennend, von Flammen verzehrt, die vielen Blättchen mit unseren Fürbitten. Schweigend die Runde, gesammelt, jede, jeder mit eigenen Gedanken und Empfinden.

Doch weiter geht’s auch jetzt auf dem Weg der großen Sehnsucht, wo immer wir daheim sind.

Eucharistiefeier vor der Franziskaner-GrotteEucharistiefeier vor der Franziskaner-Grotte