Pilgern - Erfahrungsberichte

Wie bist Du zum Pilgern gekommen?

von Martin

Martin; Foto: F.F. HenningDiese oder eine ähnliche Frage wurde mir während unseres Pilgerweges im Eichsfeld des öfteren gestellt. Die Antwort könnte zunächst einmal ganz einfach sein: Ich habe von Gesine darüber etwas gehört, außerdem hatte ich schon einmal das Programm vom Kloster Germerode in der Hand."

Die meisten Fragesteller wären mit der Antwort vermutlich zufrieden gewesen, aber wie kam ich wirklich hierher, wie fing eigentliches alles an? Dem einen oder anderen Pilger habe ich schon ausführlicher geantwortet, aber als Gerda mich fragte, ob ich nicht für die Pilgerzeitung meine Geschichte bzw. meinen Weg zum Pilgerweg

schreiben wolle, sagte ich spontan zu. Meine Geschichte ist ein schönes Beispiel für einen Weg mit Umwegen.

Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, wo der Glaube keine große Rolle gespielt hat, die Kirche wurde nur zu Weihnachten besucht. Aber ich glaube, mehr um zu sehen und gesehen zu werden. Nachdem ich standesamtlich meine Frau Susanne geheiratet hatte und unsere beiden Töchter Inga Maren und Annalina geboren waren (beide nicht getauft), gab es im Jahre l99O oder l991 eine Ansprache eines hohen katholischen Kirchenvertreters im Fernsehen. Er bezog Stellung zu den vielen Kirchenaustritten seit der Wiedervereinigung und vermutete den Solidaritätszuschlag als Grund. Er sagte weiterhin in etwa, dass Kirchenmitglieder ein anständiges kirchliches Begräbnis erhalten würden, und das andere verscharrt würden wie ungläubige Hunde.

Wir waren beide empört, dass so eine Aussage stehen bleiben darf. Vor allem auch, wenn man die Geschichte der Kirche bedenkt, Daraufhin traten Susanne und ich aus der ev. Kirche aus.

Jahre später kamen wir durch einen beruflichen Veränderungswunsch von Susanne nach Kassel, wo wir Kontakt zu einem Indischen Avatar (Heiliger) bekamen, über den wir lasen und den wir auch in Indien in seinem Ashram besuchten. Wir sangen Mantren und Lieder aus den verschiedenen Weltreligionen und lernten Menschen kennen, die in der Tiefe ihres Herzen gläubig sind.

Zu den Menschen, die wir hier in Kassel neu kennenlernten, gehörte auch Gesine. Eines Tages kurz nach Ostern traf ich sie wieder. Sie sah sehr entspannt und in sich ruhend aus. Auf meine Frage, was sie gemacht hat, erzählte sie, dass sie bei den Franziskanern auf dem Hülfensberg gewesen sei und mit ihnen die Kar- und Osterliturgie erlebt habe. Außerdem erwähnte sie, dass sie im Sommer mit zum Teil den gleichen Menschen eine Pilgerwanderung durch das Eichsfeld unternehmen wolle. Da mich schon länger der Jakobsweg im Norden Spaniens fasziniert, ich das Buch von Paulo Coelho gelesen habe, wusste ich, dass das auch für mich der "richtige" Weg ist. Obwohl es zum Zeitpunkt meiner Anmeldung schon zu viele Teilnehmer gab, konnte ich nachrutschen. Als dann auch noch als Pilgersymbol die gesegnete Jakobsmuschel verteilt wurde, war alles perfekt.

Wenn ich zurückblicke, habe ich das Gefühl, dass mein Lebensweg, alle Veränderungen, geführt war, dass also alles ein Pilgerweg war und ist. Nach dem Motto: Der Mensch denkt, Gott lenkt.