Pilgern - Erfahrungsberichte

Ökumenischer Pilgerweg von Fulda zum Hülfensberg 3.-11. Aug. 2002

von Manfred Gerland

Am Haunestausee; Foto: F.F.Henning Von Fulda zum Hülfensberg

Fulda, in der Mitte Deutschlands gelegen, war diesmal Sammelpunkt für Pilger/innen aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Von Schleswig bis Tirol, von Aachen bis zur Oberlausitz strömten über 60 Teilnehmer/innen zum 5. Ökumenischen Pilgerweg nach Fulda.

Fulda - die Barockstadt mit dem Dom und Grab des Hl. Bonifatius als Zentrum war Startort. Hier wurden wir vom Dompfarrer empfangen, mit dem Leben und der Mission des
Hl. Bonifatius ( = Mensch guten Schicksals, guter Taten oder guter Rede ) vertraut gemacht, mit dem gemeinsamen altchristlichen Symbol des Fisches ausgestattet und mit dem Segen auf den Weg geschickt - ein beeindruckender und starker Anfang!

Auf dem Jakobsweg ging`s weiter Richtung Norden nach Hünfeld und dann östlich nach Bremen bei Geisa. Den Jakobsweg bis nach Santiago de Compostella zu gehen, ist für viele Pilger/innen ein Traum. Manche haben bereits angefangen, im Urlaub einzelne Etappen gen Süden zu pilgern. Andere hatten noch nicht den Mut oder die Gelegenheit zum Aufbruch. Wie viele von denen, die aufgebrochen sind, werden auch ankommen? Und doch leuchten die Augen, wenn vom langen Weg und Ziel im nördlichen Spanien "am Ende der Welt" die Rede ist. Pilgern wachsen unglaubliche Kräfte zu, ihre Hoffnung übersteigt und transzendiert immer das, was ist, und ihr Glaube an das Ziel ist groß. Vielleicht nicht alle, die aufgebrochen sind, werden es auch schaffen, mancher muss vielleicht auf dem Weg Demut lernen, aber die meisten werden ankommen, da bin ich sicher.

Nicht an das Ende der Welt, sondern in die kurhessische Exklave Schmalkalden führte uns der Weg weiter: Ein geschichtsträchtiger Ort, wie wir sahen und hörten. Die Schmalkalder haben sich sehr gefreut, dass wir bei ihnen Station gemacht haben, die Franziskaner, die in einer Plattenbausiedlung wohnen und arbeiten, die engagierten Frauen, die uns so herzlich bewirtet und durch ihre Stadt geführt haben, und die gesamte evangelische Pfarrerschaft des Kirchenkreises Schmalkalden, die uns mit dem Segen wieder auf den Weg geschickt hat.

Über den Rennsteig, jenem landschaftlich schönen Grenzweg auf den Höhen des Thüringer Waldes, ging`s schließlich Richtung Eisenach. Dieser alte historische Weg ist heute ein attraktiver Wanderweg, der von vielen Einzelwanderern und Gruppen begangen wird. Er verbindet die Werra ( Hörschel ist der Beginn ) mit der Saale ( Blankenburg ist das Ziel ) in 168 km. Jeder Wanderer ist ein potentieller Pilger. Welche Erfahrungen müssen eigentlich dazukommen, damit aus dem Wanderer ein Pilger wird? Helmut Heiland wollte es wissen und manche haben sich auf dem Weg mit ihm darüber ausgetauscht.

Auf den Spuren der Hl. Elisabeth wollten wir im Eisenacher Raum pilgern. Leider hat der strömende Regen dies sehr eingeschränkt. An der Grotte des Rosenwunders haben wir Halt gemacht, einen Blick noch zur Wartburg geworfen und sind dann tropfnass zum Diakonissen-Mutterhaus nach Eisenach weitergezogen. Im Geist der Hl Elisabeth pilgern, d. h. immer einfacher und bescheidener in den Ansprüchen und Bedürfnissen zu werden. Wir konnten uns
während des Weges in diesen Tugenden einüben. Mit 60 Mitpilgern unterwegs zu sein, manchmal auf engstem Raum und dabei dem/der anderen ganz zugewandt zu bleiben, das war eine Herausforderung, besonders in diesem Jahr, und ich bin erstaunt, wie gut uns das trotz mancher Abstriche gelungen ist. Selten habe ich so viel Mitgefühl, Solidarität und Bereitschaft zum Mittragen auf einem Pilgerweg erlebt. Freilich: manchmal lagen die Nerven blank oder scheinbar wichtigere Ziele verstellten den Blick für den/die Nächste(n).

Willershausen, ehemaliger Marienwallfahrtsort, jetzt evangelisch, Grenznähe zur DDR, heute mit Golfplatz - eine bewegte Geschichte für ein kleines Dorf, mitten in Deutschland gelegen, an der hessisch-thüringischen Grenze. Wie gehen Evangelische heute mit den Heiligen und Maria, der Mutter Gottes, um? Diese Frage stellt sich hier an diesem Ort und auch den Pilgern immer wieder. Der Pilgerweg ermöglicht Annäherungen: Rosenkranzgebet, Kreuzweg u.a. sind nicht mehr nur etwas für römisch-katholische Gläubige. Viele Evangelische lassen sich gern hineinnehmen in diese Praxis des Betens, wie sich umgekehrt Katholiken gern auf die Tradition der intensiven Beschäftigung mit der Heiligen Schrift einlassen. In versöhnter Verschiedenheit sind wir unterwegs, suchen nicht die Uniformität, sondern die Einheit im Glauben. Unsere ökumenischen Pilgerwege sind Meilensteine auf dem Weg dorthin, und immer mehr kommt durch unsere Gebete das Trennende in Fluss und Bewegung.

Dem Hülfensberg - unserem Ziel - sehr nahe gekommen, werden wir noch einmal nass bis auf die Haut. Strömender Regen, Blitz und Donner - wir sind den Naturgewalten schutzlos ausgeliefert. Drei Tage sind wir nun im Regen gelaufen, aber es hat der guten Stimmung keinen Abbruch getan. Das Ziel zieht magisch an. Manche Gespräche, die jetzt geführt werden, versuchen bereits die Erfahrungen des Weges zu bündeln, offene Fragen werden jetzt drängender. Auf dem Berg erwartet uns der "Gehülfe" in der Gestalt des romanischen Kruzifixus - was möchte ich ihm bringen, als Last meines Lebens ablegen, wofür Kraft und Segen erbitten. Selten habe ich so viele intensive Seelsorgegespräche geführt wie in den letzten Tagen. Aber auch Rückmeldungen über erfahrene Hilfe in der Vergangenheit höre ich: "Weißt du noch, damals, in welcher Not ich war, du hast für mich gebetet und mich gesegnet - alles hat sich wunderbar gefügt. Dank sei Gott!"
Den Kreuzweg betend erreichen wir den Hülfensberg. Der Segnungsgottesdienst am Abend und der Wallfahrtsgottesdienst am Sonntag mit einer großen Gemeinde bilden den Abschluss - für viele der Höhepunkt. Für andere war der Höhepunkt irgendwo auf dem Weg, z. B. die Gebetsnacht in Bremen, oder der Abendmahlsgottesdienst in Schmalkalden, oder eine kleine unscheinbare Begegnung, ein Gespräch, etc.

Wir sind reich beschenkt worden. Gott sei Dank!!!, und nächstes Jahr werden wir wieder aufbrechen, denn

"Wir sind noch nicht
im Festsaal angelangt,
aber wir sind eingeladen;
wir sehen schon die Lichter
und hören die Musik."

( Ernesto Cardenal )



Manfred Gerland

Foto: F.F. HenningFoto:F.F.Henning