Pilgern - Erfahrungsberichte

04.08.02 Fulda - Hünfeld

von Petra Salzmann

Pilgerzug; Foto: F.F. HenningTagesbericht vom Sonntag, den 04.08.02 Fulda - Hünfeld

Für mich selbst ist es die vierte Fußwallfahrt, jedesmal mit dem Kreuzträger Willi. Er ist mit seinen 74 Jahren der älteste Pilger. Er hat es gern, wenn es pünktlich losgeht. Manchmal haben wir scherzhaft gesagt: "Willi scharrt schon wieder mit den Hufen". Heute morgen habe ich den Eindruck, dass nicht nur Willi "mit den Hufen scharrt". Um 6.30 Uhr sitzen die ersten am Tisch und warten auf das Frühstück, welches nach dem Morgengebet um 7.00 Uhr beginnen soll. Es ist Sonntag und die evangelische Kirche feiert den Israel-Sonntag. Manfred lädt uns ein, heute auf unserem Weg und in unseren Gebeten, besonders an das Volk Gottes zu denken.
Die Plätze am Tisch reichen nicht aus. Wir frühstücken auf den Knien oder an Fensterbänken. Viele haben die erste Nacht schlecht oder gar nicht geschlafen.
Wilfried ist heute Streckenführer nach Hünfeld. Er stellt die Strecke vor. Um 9.00 Uhr ist Gottesdienst in der Frauenbergkirche. Im Evangelium vom Tag geht es um die Brotver-mehrung: "nur" 5 Brote und 2 Fische. Es ist nie genug: "Nur". Wir bleiben den Menschen und die Menschen bleiben uns vieles schuldig. Wir bringen "nur".... Für Gott reicht es! Bringen wir ihm "nur" das, was wir haben. ER wird etwas daraus machen. Das ist der Kern des Christentums: Setzt euer ganzes Vertrauen auf IHN, in IHM ist die Rettung der Welt. Er nimmt es in seine Hände, spricht den Lobpreis und alle werden satt. Die Fülle des Lebens kommt von Jesus, verteilen dürfen wir.
Machen wir uns auf den Weg - auf den Weg nach Hünfeld. Durch die Stadt Fulda, zur Kirche St. Peter, die ziemlich hoch gelegen ist, so dass wir alle außer Atem sind. Hier befindet sich das Grab der heiligen Lioba, der Verwandten und Vertrauten des heiligen Bonifatius.
Im Jahr 830 wurde die Kirche von Rabanus Maurus erbaut und fünf Mal zerstört. 1479 erhielt sie ihr jetziges Aussehen. In der Krypta befindet sich u.a. ein "Schreistein". In diesen leeren Sarg legten die Mütter ihre schwerkranken Kinder, um Heilung zu erflehen. Paradox - in einem Sarg bitten sie um Heilung! Nach der Führung von einer Ordensschwester durch diese Kirche, genießen wir den herrlichen Ausblick auf die hessische Rhön mit der Wasserkuppe und der Milseburg. Danach spricht Pater Eusebius über Begegnungen: Manche Begegnungen verändern das ganze Leben. In der anschließenden Schweigezeit, in der wir unseren Weg fortsetzen, bewegen wir seine Worte in unseren Herzen und Gedanken: Bin ich offen für wahre Begegnungen oder habe ich Angst? Welche Blockaden spüre ich in mir? Auf welche Begegnungen freue ich mich? Gibt es Menschen, denen ich lieber aus dem Weg gehe? Gibt es unausgesprochene, unversöhnte Dinge, die wahre, herzliche Begegnung nicht zustande kommen lassen? Ich begegne auch Pflanzen, Tieren, dem Wetter. Kommt es zwischen Gott und mir zu wirklicher Begegnung?
Der Weg geht plötzlich auf einer stillgelegten Bahnstrecke weiter. In mir kommt der Gedanke an eine "Meditationsschleife" auf. Bei einer Fußwallfahrt sind Worte wie: Umweg, verlaufen oder "den Weg nicht weiter wissen", Fremdworte. Es ist wie im Leben - alles was uns an Unwegsamkeiten begegnet, bringt uns Gott näher. Durch einen sehr tiefen Graben, mit sehr viel Gestrüpp, Brennesseln und Disteln kommen wir wieder auf den richtigen Weg. Aufatmen! So scharf sind wir auf Meditationsschleifen nicht, weder hier noch im wirkliche Leben.
In dem Dorf Steinach, an einem schönen Teich wird die Schweigezeit mit einem Gebet beendet und es ist Mittagspause bis 15.00 Uhr. Bei strahlendem Sonnenschein, genießen wir die Pause, das Essen, die Ruhe, die Natur. Danach geht es weiter an dem schönen Haunestausee vorbei. Wir treffen 2 Ordensschwestern und den Pfarrer Abel aus Fulda, der den Hülfensberg sofort kennt und uns alles Gute wünscht. Der weitere Weg wird noch einmal unterbrochen vom Schriftkreis, bei dem wir schon auf Hünfeld schauen können. Wir tauschen uns aus, über das Evangelium von heute: 5 Brote und 2 Fische.
Danach beten wir im Weitergehen den freudenreichen Rosenkranz. Ein Gebet der katholischen Kirche. Für manche ist es das erste Mal, dass sie dieses Gebet beten. Wer lieber schweigen, oder reden möchte, wird gebeten, ein wenig weiter hinten zu gehen, damit wir uns gegenseitig nicht stören. Nach einer weiteren kleinen Trinkpause kommen wir um 19.00 Uhr in Hünfeld an. Die Vorabendmesse der Gemeinde ist fast zu Ende. Wir ziehen in die Jakobus Kirche ein, während die Gemeinde das Danklied singt. Helmut geht zum Ambo, stellt uns kurz vor und bedankt sich für die Gastfreundschaft der Gemeinde. Wir empfangen den Segen vom Pfarrer und singen mit der Gemeinde das Schlußlied. Die Menschen scheinen verunsichert zu sein. Nur eine Frau bleibt noch und stellt uns Fragen. Nach einigen Ansagen machen wir uns im tollen Pfarrheim der katholischen Gemeinde Hünfeld breit. Unsere beiden Fahrer haben uns Linsensuppe mit Bockwurst warm gemacht. Das ist eine große Freude. Nach dem Abendbrot und einer Zeit, die jeder für sich nutzen kann, ist das Abendgebet mit dem Tagesrückblick. Dann gehen wir im Schweigen zur Nachtruhe über. Die Kirchturmuhr versorgt uns jede Viertelstunde mit dem Ansagen der Zeit. Leider fängt es wieder um 2.30 Uhr, genau wie gestern zu regnen an und die "Draußenschläfer" müssen wieder umziehen.
Ein Tag ist zu Ende. Von der Kilometeranzahl war es heute keine Herausforderung. Trotzdem war es für manche anstrengend. Die Umstellung für Körper, Seele und Geist in noch nicht abgeschlossen. Viele Eindrücke und Begegnungen beschäftigen uns noch bis in unsere Träume hinein. - Gib das wenige, das du hast, Gott wird es segnen. -

Petra Salzmann

Meditationsschleife; Foto. F.F. HenningMittagsrast; Foto: F.F. HenningHaunestausee; Foto: F.F. Henning