Pilgern - Erfahrungsberichte

07.08.02 Schmalkalden - Brotterode

von Sabine Köttelwesch

Foto: F.F. HenningTagesbericht vom Mittwoch, den 7. August 2002 von Schmalkalden nach Brotterode

Es ist noch dunkel, aber es raschelt und rumpelt schon leise. Die ersten machen sich wohl schon auf den Weg zum Waschbecken. Hubert und Willi - was wären wir ohne sie - wirken in der Küche.

Sechs Uhr. Hermanns Trompete ertönt. Langsam krieche ich unter dem Tisch hervor, unter dem ich die Nacht verbracht habe. Heute befinden wir uns auf geschichtsträchtigem Boden. Also schnell ein Blick in den grauverhangenen Morgen hinauf zur Wilhelmsburg, die Wilhelm IV. von Hessen-Kassel zur Sicherung seiner Herrschaft zwischen 1583 und 1590 errichten ließ. Schmalkalden war ihm durch das Hennebergische Erbe zugefallen. Aber ich bin auf einem Pilgerweg und muß mich an meine morgendlichen Tätigkeiten machen: Schlafsack zusammenrollen, Luft aus meiner Schlafmatte herauspressen, Jeans und Pullover aus dem Seesack herausziehen, denn heute ist scheint es kühl zu sein. Dann mache ich mich auf den Weg zum Waschbecken, dem einzigen, das zweite ist defekt, und habe Glück; ich komme gleich dran..

Inzwischen sind die Tische gedeckt, auf jedem Platz liegt ein Ei; es duftet nach Kaffee, und Vollwertkuchen gibt es auch, denn Janina hat Geburtstag und es ist "Bergfest". Die meisten von uns sitzen schon auf ihren Plätzen, vor sich die geöffneten Liederbücher. Erst einmal aber wird für Janina ein Lied gesungen; von Martina bekommt sie ein Geschenk. Nach dem Morgengebet genießen wir dann alle das Frühstück.

Um 8.30 Uhr stehen wir abmarschbereit zum Gottesdienst in der ev. Stadtkirche St. Georg unter unseren Regenschirmen. Auf mich wartet eine ehrenvolle Aufgabe. Ich darf beim Abendmahl Brot oder Wein verteilen. Als wir das Gotteshaus betreten, umfängt uns ein lichter, hoher Raum. Es ist wie ein Nachhausekommen. Der Dekan begrüßt uns. Cordula verliest mit ihrer schönen Stimme den Predigttext Matthäus 15, 21-28, die Erhörung der Bitte einer heidnischen Frau, die Jesus um die Heilung ihrer Tochter bittet. Da sie unbeirrt bittet (und nicht für sich) erfüllt Jesus ihre Bitte. Eusebius legt den Text einprägsam aus.

Wir machen uns für das Abendmahl bereit. Fredy und ich teilen das Brot aus. Manfred und Cornelia den Wein. Das Besondere an diesem Abendmahl ist, daß es ein Pilgerabendmahl wird. Mit der Schale und dem Brot erwarte ich die anderen. "Das Brot des Herrn für Dich", sage ich zu jedem. Manche schauen gar nicht hoch, manche nur kurz, manche lächeln und sehen mich an ... Bei Eusebius darf ich das Kreuz schlagen. Nachdem Fredy und ich uns das Brot gegeben und auch den Wein erhalten haben, gehe ich - etwas zu früh - an meinen Platz.

Der Gottesdienst geht mit dem Irischen Pilgersegen, der für uns gesungen wird, zuende. Er geht zuende und hat die gestrige Mißstimmung von uns allen vollkommen aufgelöst. Das erinnert mich an meinen ersten (evangelischen) Pilgerweg, als ich so mit Blasen geplagt war. Nach der Fußwaschung in der Rotenburger Kirche (vorgenommen von drei Pastoren!) waren die Blasen am nächsten Morgen vollkommen verschwunden. Überhaupt denke ich diesmal viel an diesen ersten Weg, an Gesines hohe Gestalt ganz vorn hinter dem Kreuz und an Johannas blonden Pagenkopf, der mal hier, mal dort auftauchte.

Vorher zeigen uns aber noch zwei nette Stadtführerinnen Schmalkalden. Die Stadt hat für mich einen eigenartigen Zauber. Hier wurde 1531 der Schmalkaldische Bund (ein Bündnis der ev. Reichsstände zur Abwehr der antireformatorischen Bestrebungen Kaiser Karls V.) unter Federführung Landgraf Philipps des Großmütigen gegründet. Landgraf Philipp war es aber auch, der durch seine zweite Eheschließung - zu Lebzeiten seiner Frau Christine - den Bund entscheidend schwächte. Nach der Schlacht bei Mühlberg an der Elbe, die das kaiserliche Heer gewann, wurde er gefangengenommen und mußte fünf Jahre in Mecheln in den Niederlanden unter schrecklichen Bedingungen verbringen.

Im Rathaus zeigt uns die Fremdenführerin die Wappen der meisten verbündeten evangelischen Städte. Nach einem kleinen Rundgang durch die Stadt gehen wir hinauf zur Wilhelmsburg, unter uns Schmalkalden mit seinen schiefen Dächern, umgeben von grünbewaldeten Hügeln.

Bevor wir weiterwandern, können wir uns aber noch die Lutherstube in St. Georg ansehen. Durch ein kleines Fenster verfolgte der kranke Luther 1537, als der Schmalkaldische Bund wieder einmal tagte, den Gottesdienst. Er fühlte sich so schlecht, daß er frühzeitig wieder abreiste. Nach der holprigen Nachhausefahrt hatte er dann wunderbarerweise keine Beschwerden mehr.

Nun müssen wir aber wirklich weiter. Unser Pilgerlied singend verlassen wir die Stadt. Irgendwie bin ich wohl durch das Abendmahl und den Gottesdienst ziemlich aufgewühlt. Ich will doch mit Eusebius sprechen. Obwohl ich dachte, daß der Kummer, der mir so zu schaffen macht, durch das Gehen und Reden schon verflogen wäre; er ist noch da. Nun muß ich Eusebius nur noch ansprechen, und das ergibt sich nach unserer Rast in der Wanderhütte, in der wir dichtgedrängt eine Regenpause machen. Jeder gibt jedem von seinen Schätzen: ein halbes Stück Kuchen, ein Viertel Ei, eine Mohrrübe. Die Puncta fällt aus, aber bis zum Rosenkranzgebet kann ich mit Eusebius sprechen. Alles tropft, die Bäume, meine Augen, alles.

Als dann die Mittagszeit naht, klart es auf. Am Waldrand lassen wir uns auf unsere Matten nieder. Nun beginnt das Verteilen des Proviantes -immer noch nicht verstanden, obwohl inzwischen schon die Gurken Nummern tragen. Peter schnetzelt mit seinem großen Seeräubermesser Mohrrüben und Gurken und verteilt sie selbstlos. Nun ist es nicht mehr weit bis Brotterode; wir brechen auf.

Fredy beendet kongenial mein Gespräch mit Eusebius (obwohl er gar nicht weiß, worüber wir gesprochen haben) und schon taucht wie eine Fata Morgana aus den Wäldern die Familienerholungsstätte Brotterode auf. Wie ein Heuschreckenschwarm fallen wir ein; Schlafmatten werden verteilt - auf der Terrasse, neben Holzstapeln, in den Sälen. Aber es wartet noch ein besonderer Luxus: eine heiße Dusche für alle. Wir Frauen teilen uns zwei Duschen. Es wird gelacht, Körper werden eingeseift, Haare eingeschäumt. Jede ist schön auf ihre Art, rund oder schlank, schon braun oder noch frühlingsweiß.

Sauber an Leib und Seele finden wir uns zum Schriftkreis ein, den Johannes leitet. Elke und ich sind über den Satz aus Matthäus 15 gestolpert: "Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen (mit Hunden sind Nichtgläubige gemeint). Jesus war Mensch, vor allem Mensch, erklärt Johannes. Unsere Runde wird durch die Klingel zum Abendessen unterbrochen, einem Abendessen, wie wir es lange nicht hatten. Auf schön gedeckten Tischen stehen Schüsseln voller Nudeln und Fleisch, sogar Nachtisch gibt es ("Gastfreundschaft rangiert vor Pilgerregeln"), und aus den großen Fenstern hat man einen weiten Blick ins Tal.

Nach dem Abendessen versammeln wir uns noch zu einer Gesprächsrunde in der Kapelle. Danach kein abendliches Schweigen. Einige singen und tanzen noch; Günter, Elke und ich schlagen über die Stränge - wir ziehen uns einen Cappuccino in der kleinen Kaffeebar und sprechen noch über den Tag. Da es Rita nicht gutgeht, besorgt ihr Elke einen Tee in der Küche. Martina spricht dann noch lange mit ihr.

Nun ist es spät und wir begeben uns jeder in seine Ecke auf die Matte. Wie wird die Nacht und was bringt der morgige Tag?

Sabine Köttelwesch

Foto: F.F. HenningFoto:F.F.Henning