Pilgern - Erfahrungsberichte

10.08.02 Willershausen - Hülfensberg

von Karin Backhaus

Kreuzweg hinauf zum Hülfensberg; Foto: F.F. HenningTagesbericht vom Samstag, den 10.08.02 von Willershausen zum Hülfensberg

Heute Nacht haben uns dann doch noch die Schnaken heimgesucht. Die meisten Frauen hatten in einem schönen Freizeitheim in richtigen Betten und die Männer im Schafstall des Golfvereins von Willershausen geschlafen. Andere schliefen in der Kirche, der Garage des Pfarrers, im und vor dem Jugendraum der Gemeinde, und Hermann hatte oben auf dem Gipfel der Rutsche am Spielplatz geschlafen.

Nach dem Frühstück treffen wir uns in der Kirche. Maria ist ab jetzt auch dabei. Draußen beginnt es, zu regnen, und so beginnen wir den Tag mit der Puncta. Hermann meditiert über Jakob, der mit Gott gerungen hat. Wir bekommen eine kurze Voraussicht auf die Möglichkeit, heute Abend auf dem Hülfensberg unseren persönlichen Segen zu erbitten. Was wird es wohl sein, worum wir bitten werden? Wie werden wir es formulieren? Darüber nachzudenken, hat jede/r auf dem Weg in der nun anbrechenden Schweigezeit Gelegenheit.

Es geht los. Der letzte Tag. Das Ziel rückt näher. Schleicht sich bei einigen schon Traurigkeit ein, dass es morgen zu Ende sein wird und wir wieder auseinander gehen? Aber noch liegt ein voller runder Tag vor uns! Zunächst müssen wir an der ehemaligen Grenze entlang Richtung Heldrastein, unserem höchsten Berg vor dem Ziel. Wir gehen auf den Betonpisten entlang, damals gebaut für die Fahrzeuge der Grenzsoldaten der DDR. Heute werden wir insgesamt fünf mal die ehemalige Grenze überqueren, hinüber und herüber. So manchen überkommt die Erinnerung an die Zeit, als diese Gegend so streng bewacht war und der Hülfensberg noch im Sperrgebiet lag.

Der Regen wird dichter und dichter und entwickelt sich zu einem richtigen Platzregen. Am Fuße des Heldrasteins verlässt uns leider Eusebius. Nach all den Tagen, an denen er mit uns war, mit uns über die steilsten Berge ging, ist er nun zu erschöpft und fährt die letzte Etappe mit dem Auto, um uns auf dem Hülfensberg zu empfangen. - Unser Weg bergauf zum Gipfel des Heldrasteins verwandelt sich in Bäche und viel Matsche. Da bleibt kaum ein Fuß trocken. Oben angekommen finden wir einen Turm, unter dessen Dach wir kurz rasten können. Bevor wir anfangen zu frieren, geht es hinab auf steilen Wegen. Wir freuen uns, dass der Abstieg trockener über Waldboden und deshalb nicht so rutschig ist. Unten warten Willi und Hubert mit Quarkkeulchen und zwei Pkws, um die erschöpften Bedürftigen aufzulesen. Für die anderen geht es weiter nach Großburschla.
Dort kehren wir ausnahmsweise (noch einmal) in ein gastliches Haus ein, um bei warmem Tee, Gulaschsuppe und Verpflegung aus unserer Küche zu rasten und zu trocknen. Und dann zwei Überraschungen , die uns sofort aufmuntern: Vesna hat heimlich eine Ode auf unseren Pilgerweg verfasst, die sie jetzt vorträgt. Und Fredy stößt wieder dazu, juchhu! Seine Sehnsucht, mit uns gemeinsam das Ziel zu erreichen, hat ihm Flügel verliehen.

Der Regen hört jetzt auch auf, und wir gehen weiter auf der letzten Strecke Richtung Hülfensberg. Wie lange hat es gedauert? Ich weiß es nicht, meine Uhr ist seit Fulda im Kulturbeutel verschwunden.
Auf dem Weg erfahre ich zufällig von Beate, dass ich ein oder zwei Paten bitten kann, mich heute Abend zu begleiten, wenn ich vor Gott treten werde, seinen Segen zu erbitten. Ich frage Conny, und so wird das letzte Stück Weg zum Hülfensberg eine Zeit, in der ich (endlich) von meinem Kummer erzählen kann und damit begründen, warum ich grade dafür um Segen bitte. Conny erklärt mir noch einmal genauer , wie so ein Segen vor sich geht, und ich habe das Gefühl, jetzt gut vorbereitet zu sein.

Wir erreichen nach Wanfried den Fuß des bewaldeten Hülfensberg. Schweigend ziehen wir am Kreuzweg entlang bergauf, begleitet durch von Manfred vorgelesene Meditationen von Anselm Grün.
Erst ist es noch Straße, dann wird es ein Fußpfad, an der Bonifatiusquelle vorbei. Schließlich noch eine Biegung, und wir stehen vor der Wallfahrtskirche. Wir sammeln uns vor der letzten Station. Glockengeläute empfängt uns .Leider ist Eusebius nicht da, uns entgegenzugehen. Er muss immer noch ruhen.

Wir sind angekommen! Manche weinen. Mir fallen die vielfältigen Hilfen ein, die ich durch Mitpilger und aus meiner Familie bekommen habe, um diesen Weg zu gehen und bis ans Ziel zu gelangen. Dankbarkeit erfüllt mich, in der Gewissheit, dass Gott durch diese Menschen mir nahe war und ist.
Mit Freude im Herzen und einem Lied auf den Lippen umkreisen wir die Kirche und ziehen ein. Unser Lobgesang Gottes erfüllt das Kirchenschiff. Wir treten vor das Gnadenkreuz Christi. Ein sehr freundlicher, wacher, fast wie segnender, Jesus Christus schaut mich an und ich bin froh, dass ich vorher kein Foto davon gesehen habe.

Nach dem leckeren Abendessen, zu dem wir heute von Helmut und Martina eingeladen sind, halten wir um 21 Uhr unsere Abendandacht in der Kirche. Vier katholische und evangelische Geistliche stehen bereit, um für uns um den persönlichen Segen Gottes zu bitten. Ich erinnere mich an die Zeit, in der ich den Entschluss fasste für diesen Pilgerweg, an den Anfang. Ich denke an die innere Last, die ich mitnahm. Entsprechen die Strapazen dieses Weges nicht der Schwere der Bürde, die auf meiner Seele lastete? Brauchte ich diesen Weg nicht, um mich Gott so nahe zu fühlen, dass ich nun meine Bitte vor ihm ausbreiten kann?
Auf einmal scheint es mir, als hätte der ganze Weg nur dieses Ziel gehabt, gut vorbereitet und innerlich bereit vor Gott zu treten.—

Nach dem Segen breitet sich die Stille der Nacht aus. Ich schlafe heute in der Kirche. Ein sehr gütiger Christus blickt mich an. Unter seinem Blick bette ich mich zur Nacht ( das letzte Mal auf der Isomatte).


Karin Backhaus

Foto: F.F. HenningNachdenklich; Foto: F.F. HenningTanz in der Wallfahrtskirche; Foto: F.F. Henning