Pilgern - Erfahrungsberichte

06.08.02 Bremen - Schmalkalden

von Hermann Dietrich

Hermann der ''Nichttrompeter''; Foto: F.F. HenningTagesbericht vom Dienstag, den 06.08.02 von Bremen nach Schmalkalden

Die Turmuhr schlägt: 2 Uhr in der Nacht. Sternenklarer Himmel über mir und so warm und einladend die von innen leuchtenden Kirchenfenster. Nachtanbetung. Am und um den Altar 16 Kerzen, dazu noch unsere Pilgerkerze, die heute mit unterwegs war und von Cordula getragen wurde. 3 Beter glaubend da bei dem in der Brotsgestalt verborgenen Herrn, er, spürbar hier in der "Stille des verschwebenden Schweigens" ( M. Buber ).

6.00 Uhr: Eucharistiefeier am Fest der Verklärung des Herrn. Mt. 17, 1-9: Jesus zunächst eine Lichtgestalt. Sein eigentliches Ich leuchtet auf, sein Kommen von Gott, unmittelbar, die innige Beziehung Sohn - Vater, Vater - Sohn. Bei ihm Moses, das Gesetz vertretend, und Elia ("Jahwe ist Gott"), da für die Propheten. Diese Drei auf dem Berg eine Einheit, eine Ganzheit, und die Zahl 3 als Symbol. Und dann im Abspann Jesus wieder so ganz Mensch, die drei Petrus, Jakobus und Johannes, liebevoll in den Alltag zurückführend nach deren Zukunftsvision, der Schau seiner tieferen Wirklichkeit, seiner ihnen offenbar werdenden Herrlichkeit, er, der Licht- und Heilbringer der Welt, er, der wahre Messias...
Auch wir jetzt wie die Jünger damals mit ihm unterwegs, mit Lichtmomenten des Glaubens, in denen der Herr sich zeigt, in denen wir uns ihm ganz nahe fühlen, Augenblicke, die so schnell wieder vergehen wie sie aufgeleuchtet sind. Und weiter unterwegs mit ihm äußerlich wie innerlich bewegt. Vollendung steht aus und die Sehnsucht sitzt tief.
Danke, Janina, danke für die erhellenden Gedanken und für das, was sie in uns aufleben ließen.

8.15 Uhr Aufbruch und zunächst leichter Anstieg in diesem Teil der Rhön. Die vielen Schafe im engen Pferch rechts vom Weg, sie alle aufmerksam lauschend uns zugewandt. So viele Zweibeiner hintereinander? Das es das gibt! Und die beiden Förster im Dienstwagen: "Nach Schmalkalden, so weit?"

10.35 Uhr Johanneischer Impuls: Auf dem Pilgerweg offen werden für das, was wir eigentlich suchen, anders als im Alltag und im Gottesdienst, in einer anderen Weise, wollen nicht nur über eine vielleicht gut verkopfte Predigt beispielsweise, sondern mehr ganzheitlich erleben, was uns ergreift. Die Stille hören, horchen auf das, was man hört, wenn man nichts mehr vernimmt, zuhören lernen wie Maria (Lk. 10, 38-42), die ja im Unterschied zu Martha den besseren Teil erwählt hatte, und das alles gleich jetzt auf der Wegstrecke des Schweigens und der Stille länger als eine ganze Stunde.

Erholsame Mittagsrast in Dermbach in einem ehemaligen Klostergarten um einen kleinen Teich herum mit Steinen bis zu einem Meter dick. Ich genieße in froher Runde Brot und Wurst und Fisch, den erfrischenden Trunk und auch die Siesta unbeschwert und nicht ahnend, was uns auf dem weiteren Weg heute erwartet.
Denn steil ist der Aufstieg hinauf auf den Rücken der Rhön, im Schatten der Bäume zwar, aber kräftezehrend und schweißtreibend, zumal ich einen 2. Rucksack eine Strecke weit mittrage. Die Pause auf dem Plateau schließlich, zwar nicht vorgesehen, doch so notwendig für den weiteren Weg, sie bringt uns aber in Zeitdruck. "Streckenmeister" werden vorausgeschickt wie einst in längst vergangenen Zeiten. Sie sollen die Nachricht überbringen, dass der gecharterte Bus uns schon in Rosa entgegenkommt und nicht erst in Georgenzell, um uns nach Schmalkalden zu bringen. Nach dem Abstieg und dem Sichsammeln am kleinen See ( Baden verboten! Und doch, wie verlockend(!) ) schließlich Stunden später hinten im langen Bus, ich singe mit die Lieder nach Wunsch aus unserem liebevoll zusammengestellten "Pilgerbuch", wenn auch der Funke nicht so recht überspringen will zur Mitte und zu denen ganz vorn.
Wie herzlich Empfang und Begrüßung in Schmalkalden vom Dekan und den Brüdern Florian und Johannes, und wohltuend auch die Quartiernahme für die kommende Nacht. Befreiend für alle später am Abend das "Blitzlicht". Reihum sagt ein jeder dikussionsfrei, was ihn bewegt zu: "Wie geht es mir?" Alles kommt zur Sprache so offen und ehrlich und ganz selbstverständlich, das was besonders belastet oder schmerzt, aber auch dies: "Meine engen Grenzen werden immer weiter", und vom "Küchenwilli": "Das Laufen macht mir an keinem Tag ein Problem", was allgemein nicht nur mit Schmunzeln quittiert wird. Am meisten beeindruckt mich jedoch der Beitrag der spirituellen Tagesleitung am Schluss, die Einsicht in punktuelles Fehlverhalten. Nichts wird beschönigt, und ich denke, was ist, das darf sein, und so ist es gut. Am Ende eines überaus reichen Tages krieche ich schließlich zufrieden in meinen Schlafsack und überlasse mich dem erholsamen Schlaf. Dem Himmel sei Dank.

Hermann (der Nichttrompeter)

Foto: F.F. HenningBegrüßung durch Dekan Bedbur in Schmalkalden; Foto: F.F. Henning