Pilgern - Erfahrungsberichte

05.08.02 Hünfeld - Bremen

von Rita Zimmermann

Aufbruch am Morgen; Foto: F.F. HenningTagesbericht vom Montag, den 05.08.02 von Hünfeld nach Bremen

Durch den Gemeinderaum, in dem etwa 15 Frauen auf Luftmatratzen schlafen, dröhnt der volltönende Klang einer Posaune. In meinen Ohren klingt es so, als würde die Posaune unmittelbar neben mir geblasen. Es ist fünf Uhr morgens, und ich ziehe den Schlafsack so hoch ich kann an die Ohren, nach dem Motto: "Ich habe nichts gehört." Die nächste Viertelstunde bleibe ich noch liegen und nehme bewusst wahr, was um mich herum vorgeht und frage mich, was dieser dritte Pilgertag wohl bringen wird.

Die frühe Morgenzeit bis zum Frühstück ist als Schweigezeit gedacht. Ich nehme es als wohltuend wahr, dass es mir auf diese Weise möglich ist, für mich zu bleiben. Nach dem Morgengebet wird gefrühstückt, und Pater Eusebius gibt für diesen Tag den Impuls, auf unserem heutigen Weg ganz bewusst zwei Begegnungen mit uns bisher unbekannten Mitpilgern einzugehen. Außerdem kommt von ihm die Anregung, bis zum Abendessen 50 Mitpilger namentlich zu kennen. Nach dem Frühstück und dem Verstauen unserer großen Gepäckstücke im Transportauto, machen wir uns auf den Weg in Richtung Gehilfersberg, wo wir um 14.00 Uhr vor der Kirche erwartet werden. Ich bin mit einer Mitpilgerin in ein ernstes Gespräch über Beziehungsschwierigkeiten vertieft, und wir bilden mit noch drei anderen den Schluss der Gruppe. Die anderen Pilger haben einen Riesenvorsprung, sind also für uns weit und breit nicht mehr zu sehen. An einer Weggabelung steht die Entscheidung an: Höhenweg oder links runter. Wir entscheiden uns für das Letztere. Unser Weg führt uns nach Rosenbach, und im Dorf angekommen, ist die Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein, verschwunden. Hier wird nun der Unterschied zu Pilgern früherer Zeiten und uns ganz deutlich. Wir "Jetzt-Zeit-Pilger" nehmen mittels Handy Kontakt zu dem Rest unserer Gruppe auf und verabreden, uns in Haselstein, einem 5 km entfernt liegenden Ort, zu treffen. In Rosenbach haben wir fünf das Glück, von einem freundlichen Malermeister in seinem Kleintransporter zwischen Kalk, Farbe und Lappen sicher nach Haselstein gefahren zu werden.

Ich spüre deutlich, dass die intensive Beschäftigung mit dem inneren Weg durch den kurzen Autotransport eine andere Qualität bekommen hat. Für ein paar Minuten fühle ich mich nicht als Pilgerin sondern als Anhalterin.

In Haselstein treffen wir wieder mit unserer Gruppe zusammen, nur der Pilgerführer ist "auf der Suche nach den verlorenen Schafen" abhanden gekommen. In der Kirche von Haselstein findet eine kurze Zeit der Besinnung, genannt Puncra, statt. Die Pfarrerin unserer Gruppe gibt für den anschließenden Weg im Schweigen den Impuls: "Was fühle ich, wie fühlt sich mein Körper an?" Auf dem folgenden Weg fühle ich weniger die Verspannung in den Schultern und intensives Mitteilungsbedürfnis, da aber Schweigen angesagt ist, bahnt sich in mir langsam die Erkenntnis, dass es sinnvoll ist, Gefühle manchmal allein zu tragen.

In Rosdorf, am Fuße des Gehilfersberges, machen wir auf einer Wiese Mittagsrast. Die ersten Regentropfen verkürzen unsere Rast, und wir beginnen den Aufstieg zum Gehilfersberg, wo uns ein Pfarrer und Mitpilger zum Taufgedächtnisgottesdienst einlädt. Die Regentropfen weichen zaghaften Sonnenstrahlen, und dieser Gottesdienst, dem ich halbliegend im Gras lausche, löst in mir ein tiefes Gefühl des Friedens und der Geborgenheit aus, wobei mir der Gedanke kommt: "Es ist alles richtig."

Anschließend bekommen wir die Einladung, uns gegenseitig zu segnen.

Mittlerweile ist auch der Pilgerführer wieder in unserer Mitte, und er nimmt das Gespräch vom Vortage mit mir wieder auf. Thema waren meine tiefen Glaubenszweifel. Er liest mir einen Text vor, der mir das beruhigende Gefühl vermittelt: Zweifel darf auch zum Pilgern gehören, durch Zweifel ist Wachstum und Erkenntnis möglich.

Auf dem...... kommen wir an der ehemaligen Grenzlinie und dem "Point Alpha", einem Stützpunkt der Amerikaner vorbei. Es findet eine kurze Zeit der Besinnung statt, und die Worte von Pater Eusebius bringen mir ein Stück deutscher Geschichte ganz greifbar nahe. Ich freue mich, dass Mauern wirklich fallen können und Gott überall wirkt.

In Geisa werden wir mit Glockengeläut in der Kirche von einem sehr herzlichen Pfarrer empfangen. Eine kurze Andacht folgt, und nach dieser Zeit der Ruhe signalisiert mein Körper nun endgültig: "Ich kann nicht mehr!" Den Rest des Weges lege ich in unserem Transportbüschen mit ein paar anderen lahmen Mitpilgern zurück.

In Bremen, unserem Zielort für diesen Tag, steht den Männern das ehemalige, jetzt leerstehende Pfarrhaus zur Verfügung. Ich schlafe mit einer Mitpilgerin in der Abstellkammer des Gemeindehauses zwischen allerlei Gerümpel, einer Statue ohne Kopf und vergessenen Karnevalsrequisiten. Die anderen Pilgerinnen nächtigen in dem großen Gemeindesaal. An diesem Tag schaffe ich es nicht mehr, den Abendgottesdienst zu besuchen, sondern lege mich nach dem Essen völlig erschöpft, aber zufrieden zur Ruhe und danke für den Tag.

Rita Zimmermann

Durch die engen Gassen der Altstadt von Hünfeld; Foto: F.F. HenningTaufgedächtnisgottesdienst auf dem Gehilfersberg; Foto: F.F. Henning