Pilgern - Erfahrungsberichte

24.07.03 Hann. Münden - Witzenhausen

von Werner Meyer

Hann. MündenTagesbericht
Donnerstag, 24.07.2003

(Da der Berichterstatter erst am Abend sein Amt übernahm sind die Ereignisse des Tages nicht genau protokolliert, sondern aus dem Gedächtnis wiedergegeben.)

Eine zweite Besonderheit des Berichts: Die Nacht ist nicht nur zum Schlafen da, jedenfalls diese nicht, so beginnt schon ab Mitternacht die Chronistenpflicht.

Nach einer Einstimmung mit Taizé-Liedern ab 22 Uhr des Vortages, beginnt in der St. Blasius-Kirche in Hann.-Münden eine Gebetsnacht, die am Morgen in die Feier der Eucharistie einmündet. Auf dem bronzenen Altartisch in der Mitte der Kirche flackern viele Teelichter, dort entzündet beim Nennen der Gebetsanliegen. Einige Mitpilger sitzen auf Stühlen rings um den Altartisch, andere beten stehend und richten dabei ihren Blick auf unser Pilgerkreuz, das an einer Säule steht. Dann kommt wieder jemand in die Mitte, nennt ein Gebetsanliegen und zündet eine neue Kerze an. Die ganze Nacht über werden Gebete vor Gott gebracht. Nach Mitternacht fordern die Anstrengungen des Tages ihren Tribut. Die meisten Pilger ziehen sich in ihren Schlafsack zurück. Man hört bald leise Schnarchgeräusche in der Kirche. Im ganzen Kirchenraum haben sich die Schläfer verteilt: Neben einem steinernen Grabmal, in der "Kinderecke", vor einem Barockaltar, unter der Orgelempore...
Auf den Stuhllehnen sind die durchschwitzten Kleidungsstücke zum Trocknen aufgehängt. An einem Geländer trocknen die neuesten Bademoden (die meisten waren ja am Vortag im Schwimmbad gewesen). Einige schlafen auch im Gemeindehaus, das man durch Überqueren des Marktplatzes erreicht (da sind auch Waschgelegenheiten und WC’s). ("Kreuz-Willi" bei der Diskussion über die Verteilung der Schlafplätze: "Wenn man mich im Schlafanzug nachts über den Marktplatz laufen sieht, rufen biedere Bürger die Polizei an, und man fängt mich weg.")
Mir allerdings hat es großen Spaß gemacht, nachts den Marktplatz zu überqueren. In der Morgendämmerung sind dann schon mehrere unterwegs und um den Altar finden sich allmählich alle Mitpilger ein. Schon um 6:30 Uhr versammeln wir uns zur Feier der Eucharistie. Für mich war es wieder sehr schmerzlich, zu erleben, dass wir uns nicht alle an einem Tisch zum Herrenmahl versammeln können. Im Gemeindehaus haben wir dann in froher Runde das Frühstück eingenommen, der Tisch war wieder reichlich gedeckt. Dann folgte das Übliche: Packen, Verstauen der Gepäckstücke im Bus, Tagesrucksack richten und sich mit Getränken versorgen. Die "Packmeister", Gerhard und Thomas, haben wieder alle Gepäckstücke unterbekommen. Betrüblich war, dass uns von der Kirchengemeinde niemand begrüßt hat - wir hatten es nur mit der Küsterin zu tun, die uns nach anfänglichen Irritationen einigermaßen wohlgesonnen war. Ihr fiel sicherlich ein Stein vom Herzen, als die chaotische Truppe wieder weg war und sie die Kirche unbeschädigt vorfand. Die Wartezeit bis zum Abmarsch konnte man sich bei Wasserspielen auf dem Marktplatz vertreiben (Expo-Projekt). Einige versuchten durch Auf- und abspringen auf eine Platte im Wasserbecken Wellen zu erzeugen. Das war sehr amüsant anzusehen.
Nachdem wir singend den Stadtteil durchquert hatten, ging unser Weg auf dem Werra-Radweg weiter. An einer markanten Stelle am Flussufer gestaltete Manfred die "Punkta". Er erinnerte an Christopherus, den Tagesheiligen (Christoph aus der Lausitz konnte also heute seinen Namenstag begehen). Der heilige Christopherus wird in der Kunst oft als kräftiger Mann dargestellt, der an einem starken Stock gestützt auf seinen Schultern ein Kind durch einen reißenden Strom an das andere Ufer trägt. Die Legende berichtet, dass er sich wunderte, dass die Last auf seiner Schulter immer schwerer wurde, er merkte, dass das Kind Christus sei und dass dieser der stärkste war - war er doch ausgezogen, den Stärksten zu finden. Seitdem nannte man den Opherus Christopherus (Christusträger). Manfred wies darauf hin, dass auch heute Christen dem Christopherus gleichen, tragen sie doch Mitmenschen durch Nöte hindurch. Es ist aber ein Tatsache, dass solch "Tragedienst" kein Kinderspiel ist, sondern den Träger sehr belasten kann.
Auch im ökumenischen Prozess unserer Tage sind solche "Christopherusse" vonnöten. Sie sind von einem Ufer zum anderen unterwegs - und Christus ist unterwegs mit ihnen...
Im Schweigen gingen wir dann weiter bis zur nächsten Pause. An einer Stelle unterschritten wir die gewaltigen Brücken der Autobahn und ICE-Strecke. Aus der Perspektive "von unten" ist das ein imposantes Bauwerk! Bald erreichten wir den Platz für die Mittagsrast. Der Tisch war wieder durch Willi/Hubert reichlich gedeckt, Baumstämme gaben gute Sitzmöglichkeiten. Nach einer Mittagsruhe fanden sich die Gruppen zum "Bibel-teilen" zusammen. (Matthäus 8,5-13: Der Hauptmann von Kapernaum)
Der weitere Weg wies nun doch ein paar Steigungen auf, obwohl der Wegemeister Hajo morgens gesagt hatte, es gebe keine Steigungen. Auf einer Wegstrecke wurde auch wieder der Rosenkranz gebetet. Über teilweise zugewachsene Wege näherten wir uns allmählich der "Kirschenstadt" Witzenhausen (in der Umgebung soll es etwa 15.000 Kirschbäume geben). Mit einem Pilgerlied auf den Lippen zogen wir erschöpft in die Kirche ein und wurden dort vom Ortspastor herzlich begrüßt. Witzenhausen ist heute eine Universitätsstadt, die agrarwissenschaftliche Abteilung der Uni Kassel ist dort angesiedelt (früher gab es dort eine Ausbildungsstätte für Koloniallandwirte). Manfred war in Witzenhausen für einige Zeit Studentenpfarrer. Im Gemeindehaus erwartete uns eine köstliche Suppe, die der Pfarrer gekocht hatte. Wir trauten unseren Augen nicht: weiße Tischdecken auf dem Tisch. Dazu gab es alle möglichen Kaltgetränke - auch Bier (gab es aber erst später). Die Frage stand im Raum: dürfen wir die Pilgerregeln durchbrechen und diese Köstlichkeiten zu uns nehmen? Manfred fand einen Ausweg: Am nächsten Tag ist der Jakobus-Tag und den Tag des Patrons aller Pilger darf man festlich begehen. Da nach biblischer Auffassung der Tag schon am Vorabend beginnt, kann man auch schon vorfeiern. Während des Abendessens zog ein Gewitter auf und es regnete heftig. Christel und Fredy nutzten diese natürliche Dusche mit Wonne. Gegen 20 Uhr trafen wir uns noch einmal im Gemeindehaus, Manfred und Brd. Rolf informierten über den Segnungsgottesdienst am Sonnabend und Angebote zu Seelsorgegesprächen/Beichte. Um 22 Uhr trafen wir uns in der Kirche und beteten das Nachtgebet (Complet). Dann verkrochen sich alle in ihre Schlafsäcke.

Werner M.

Kommunikative Klopfmassage zur AuflockerungPilgerdusche im RegenKomplet in der Liebfrauenkirche Witzenhausen