Pilgern - Erfahrungsberichte

22.07.03 Lippoldsberg - Kloster Bursfelde

von Sabine Köttelwesch

Klosterkirche St. Georg Lippoldsberg

15. August 2003 - Mariä Himmelfahrt. Wir bummeln langsam durch die Haute-Provence. Rechts ein Wegweiser - Notre Dame de Lure. Wir biegen ab und kommen in ein wunderschönes Tal, an dessen Ende unter riesigen alten Steineichen ein kleines, sehr altes, graues Kirchlein - ein Pilgerkirchlein, wie zu lesen ist - liegt. Weihrauchduft und vertraute Klänge: Zur Gitarrenmusik erklingen Pilgerlieder. Alles ist da: viele Pilger, eine Kirche, eine Quelle zum Waschen und eine Steinscheune zum Schlafen. Mein Herz schlägt höher.

Abends zurück im Haus nehme ich Papier und Bleistift und versetze mich einen knappen Monat zurück.

21./22. Juli 2003: Von Lippoldsberg nach Bursfelde

Wir - die Frauen der ökumenischen Pilgergruppe auf dem Weg zum Hülfensberg - erwachen im Gemeindehaus der Evangelischen Kirche in Lippoldsberg. Da wir uns gestern abend mit dem Gartenschlauch im Pfarrgarten abgeduscht haben, sind wir sauber und es genügt ein Hauch Wasser ins Gesicht und ein kurzes Zähneputzen, um frisch zu werden. Nachdem wir die letzte Luft aus den Luftmatratzen gepreßt haben, gibt es nach dem Gebet ein gemeinsames Frühstück. Der Honig ist wieder köstlich.

Anschließend erwartet uns Pfarrer Christian Trappe vor der schönen romanischen Klosterkirche. Wir wollen einen etwas anderen Taufgedächtnisgottesdienst begehen. Um den letzten Schlaf- falls man überhaupt geschlafen hat - aus den Gliedern zu vertreiben, macht er einige Körperübungen mit uns. Danach erkunden wir langsam die Kirche. Für mich unvergeßlich ist der Moment, als ich durch einen romanischen Bogen aus der Dunkelheit hin zum Taufbecken gehe und die Hand durch das glitzernde Wasser ziehe - also in die Helligkeit gehe. Viele von uns sind sehr bewegt. Manfred hält noch eine sehr schöne Predigt; ich selbst bin noch zu sehr beeindruckt, um ihm richtig folgen zu können.

Danach verlassen wir das gastliche Lippoldsberg, um unseren Weg weiterzugehen. Bevor wir in den Wald wandern, liest Fredy aus der Bibel von Maria Magdalena, der Sünderin. Er liest, wie sie sich teures Öl gekauft hat und zu Jesus geht. Nichts und niemand kann sie aufhalten. Auch Jesus kümmert sich nicht um das Gerede der Leute. Maria salbt ihn hingebungsvoll. Eine Stunde Zeit haben wir, um in der Stille darüber nachzudenken. Schweigend wandern wir; jeder in seine Gedanken vertieft.

Um 12 Uhr schließt sich das Friedensgebet an. Weit geht mein Blick ins Land, am Horizont eine Hügelkette, auf der Weser ganz klein ein Schiff, das auf dem Weg nach Hann.Münden ist.

Plötzlich erscheint der Bus mit Willi, gefolgt von einem kleinen Auto, das Hubert für Waltraud nach Bursfelde bringt. Es ist also Zeit für das Pilgerpicknick. Irgendwie ist die Stelle nicht sonderlich, noch feucht vom gestrigen Gewitterregen, etwas abschüssig und voller Laub. Auch der rote Tee und die Wurst schmecken mir nicht so gut wie sonst. Dafür entdecke ich für die nachfolgende Siesta den Wiesenrand jenseits des Weges. Die Sonne scheint jetzt; ich schließe die Augen, aber nicht für lange, denn nun folgt der Schriftkreis, den Pater Rolf leitet. Wir machen uns unsere Gedanken über Matth. 5, 14-16: Ihr seid das Licht der Welt (Anmerkung Hans-Werner: Sind wir das wirklich, wir Christen?) .

Gestärkt durch das Wort ziehen wir weiter, unserem abendlichen Ziel Bursfelde entgegen. Hügelauf, hügelab geht es durch einen schönen Hochwald. Waltraud und ich rufen Erinnerungen an den ersten Pilgerweg - von Marburg nach Eisenach, damals noch rein evangelisch - in uns wach; später folgen wir den Rosenkranzbetenden im Schweigen.

Plötzlich sind Günter und Elke neben mir; sie wollen abends nach Kassel fahren. Ich überlege. Da ich sowieso am Mittwoch nachhause muß, beschließen wir, abends den Zug ab Hann.Münden zu nehmen. Und da taucht auch schon in der Ferne Bursfelde auf. Singend ziehen wir durch den rotdornumsäumten Weg zum Kloster, das im 15. Jahrhundert Zentrum der klösterlichen Reformbewegung war (Bursfelder Kongregation). Später wurde es dann säkularisiert. Jetzt ist es auch wieder ein Zentrum, und zwar für spirituelles Leben und persönliche geistliche Erfahrung. Dies alles erzählt uns ein Referent des Tagungshauses.

Beim Hinausgehen kommt Heide auf mich zu: "Bleib doch noch", bittet sie, "mir zuliebe". Das berührt mich sehr, bin ich doch diesen Pilgerweg sehr zurückgezogen gegangen. Aber die Entscheidung ist gefallen. Wir informieren Manfred.

Draußen lastet die Hitze. Verschwitzt wie ich bin, gehe ich zur Weser. Jetzt oder nie: Ich ziehe mich schnell aus - Gerda, Ele und Fredy sind schon im Wasser - und stürze mich in die schmutzigen Fluten. Herrlich erfrischt steige ich wieder in meine Kleider und schaffe es gerade noch zur abendlichen Andacht, sehr stimmungsvoll mit großen Kerzen und schrägen Sonnenstrahlen durch die Fenster hindurch.

Und dann erwartet uns ein Festessen, eine Suppe, wie ich sie selten gegessen habe: herrliches Gemüse mit gerösteten Brotwürfeln, gekrönt von einem Klacks saurer Sahne. Mit Lores Gabel und Magdalenas Teelöffel (meine Eßgeräte hatte ich zu Hause vergessen) genieße ich nur noch. Kleine Negerküsse runden das Mahl ab. Fredy verabschiedet uns mit lieben Worten, die anderen singen ein Pilgerlied, begleitet von Christel auf der Gitarre. Die Taxe erwarten wir an der Hauptstraße.

Dreieinhalb Tage, schön, beschwerlich und ganz unerwartet hilfreich für mich, gehen zu Ende.

Sabine Köttelwesch

Einzug in das Kloster BursfeldeKlosterkirche Bursfelde