Pilgern - Erfahrungsberichte

25.07.03 JAKOBUSTAG Witzenhausen - Bad Sooden-Allendorf

von Vesna Doll

Ständchen für Kreuzträger WilliTagesprotokoll Pilgerweg von Witzenhausen nach Bad Sooden
am 25. Juli 2003 von Vesna Doll

Ich weiß nicht, ob das im "normalen Leben" auch so ist, aber beim Pilgern habe ich jede Minute das Gefühl, dass ich genau das bekomme, was ich zum jeweiligen Augenblick brauche. Vielleicht, weil ich ganz offen bin für alles was und für jeden der auf mich zukommt - es ist nicht so wie im Alltag alles bestimmt davon, dass ich organisiere, plane und denke für mich und andere an alles was gestern war, was heute ist und morgen auf mich zukommen könnte. Ich mache mir keine Sorgen, kritisiere nicht und nehme alles so wie es kommt. Ich glaube, ich lebe hier ganz einfach:

Aufwachen in der Liebfrauenkirche, Witzenhausen
Ein überaus sympathischer, einfühlsamer Begleiter zu Beginn dieser Pilgerreise für mich ist Günter. Meine Freundin Beate, die schon in den ersten Tagen dieser Pilgerreise spontan verständnisvoll und geduldig zugehört und Günter haben mein Pilgerleben in dieser Woche bereichert. Und nicht nur das. Ich stehe noch mitten in der Nacht, lange vor Sonnenaufgang auf in der Liebfrauenkirche in Witzenhausen, wo ich im ältesten Teil dieser Kirche, der bereits in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts erbaut wurde, diese Nacht in meinem Schlafsack wie auf Wolken geschlafen habe. Ich sitze in dieser Kirche und denke an die Worte von Günter, der mir von der Baukunst, den gründlich durchdachten Baumaßnahmen in Kirchen und Klöstern eine wertvolle, spürbare Ahnung vermittelt hat. Er weiß sehr viel darüber. Mit der Ahnung dieses Wissens, erlebe ich und fühle diese Bauten - ich sehe sie mit anderen Augen.

Meine Mitpilger und Mitpilgerinnen liegen noch und schlafen, hier und da bewegt sich ein Schlafsack - es raschelt. Jetzt dringt ein wenig Licht durch die Fenster der Kirche. Mit jeder Faser meines Körpers fühle ich diese Lichtstrahlen, die Schönheit der Kirche in dem sich verändernden Licht wird immer strahlender. Es ist unvorstellbar schön hier zu sein, ich bin glücklich diese Minuten hier allein in der Kirche zu sitzen, zu sehen, zu hören und zu fühlen.

Gabriele spielt auf der Flöte - es klingt himmlisch - es bewegt sich immer mehr um mich.
Sachen werden in die Koffer und Taschen gepackt , Rucksäcke eingerollt. Wir, die "Kirchenschlafgäste" genießen den Komfort einer Toilette mit Waschbecken, gleich hier in einem Nebenraum in der Kirche. Ein besonderer Service. Auch Ele (Gabriele, das ist unsere 2. Gabriele, sie ist dieses Jahr das erste Mal beim Pilgern) bewegt sich langsam in Richtung Waschbecken. Ele, interessiert sich besonders für den menschlichen Körperbau. Sie hat ein Auge dafür, wie Menschen "gebaut" sind, wie sie sich bewegen. Sie selbst hat eine edle, grazile, elfenhafte Gestalt und bewegt sich geschmeidig schon in den frühen Morgenstunden, wo andere noch tapsig, so wie ich - jeder und jede in seine/ihre Richtung schleichen.

Frühstück in Witzenhausen
Im Gemeindehaus erwartet uns ein liebevoll gedeckter Frühstückstisch - Willi-Willi und Willi-Hubert, die sich täglich um uns kümmern, "wie eine Mutter" und die nur junge, dynamische, gutaussehende und kräftige Männer für das Aufräumen von Tischen und Stühlen nach dem Frühstück suchen, haben das für uns vorbereitet. Ach ja, intelligent sollten sie auch noch sein. Und doch - trotz, oder eben wegen dieser hohen Anforderungen - haben sich täglich viele Helfer und Helferinnen gefunden.






Vor dem Frühstück singen wir gemeinsam ein Lied für unsere Mitpilger, Lore und Hans-Werner aus Rotenburg, die bereits seit vielen Jahren ebenfalls gemeinsam auf ihrem Lebensweg unterwegs sind - wir gratulieren alle ganz herzlich zum 34.sten Hochzeitstag und wünschen Glück und Gottes Segen für Ihren weiteren Lebensweg. Wir schätzen uns alle glücklich, dass sie beide ihren heutigen großen Feiertag mit uns verbringen.

Morgengebet
In unser heutiges Morgengebet eingebetet erklärt uns Hajo, unser unverwechselbar humorvoller, sehr charmanter Streckenmeister den Weg, den wir heute nehmen werden, um nach Bad Sooden zu kommen, wo Hans-Werner und Lore damals in Allendorf in der Kirche geheiratet haben.

Ein "bewegendes" Gebet vor der Michaeliskapelle in Witzenhausen hat Fredy für uns bereit.
Die Sonne blinzelt über uns - für dieses Gebet bewegen wir alle unsere noch etwas müden Glieder und es bewegen sich unsere Gedanken, unser Gemüt, unsere Seele. Zum Abschluss des Gebets empfängt "jeder von uns den Segen Gottes, damit wir ein Segen für Andere sind."

Pfarrer Frieder Brack (er hat uns ein vorzügliches Abendessen gestern Abend zubereitet - danke!) begrüßt uns jetzt mit einer wohltuenden Rede in der Michaelikapelle. Seine Worte sind wie Balsam auf unseren Pilgerseelen - wir fühlen uns willkommen und herzlich angenommen. Manfred findet, auch hier - die richtigen Worte, um in unserem Namen für die Gastfreundschaft zu danken. Wir setzen unseren Weg fort - es geht leicht bergauf - ich spüre diesen leichten Anstieg kaum, denn nach soviel schönen Worten und nach diesen guten Begegnungen gehen meine Füße wie ganz von allein.

Und wenn ich dazu noch unseren "Kreuz-Willi" sehe, der ganz vorn unermüdlich voranschreitet, bei jeder auch noch so kurzen Atempause als erster wieder los geht, stets gut gelaunt und geradeaus, so wie er geht so sind auch seine Worte - geradeaus, kann ich mich von seinem Sog mitziehen lassen.

Puncta:
Heute ist Tag des Hl. Jacobus - wir hören die Geschichte und Fredys beeindruckende Gedanken dazu. Und nicht nur das - wir haben noch einen Höhepunkt des heutigen Pilgertages zu verkünden - unser Kreuz-Willi hat in diesem Jahr bereits 1000!!! Pilgerkilometer beschritten - und sage und schreibe 480 km davon in Spanien auf dem Jakobsweg bis nach Santiago di Compostela. Ein rührender, unvergesslicher Augenblick, der auf Fotos festgehalten wurde, wie Willi uns seine Fotos von dieser Pilgerreise zeigt, seine leuchtenden Augen, wenn er daran nur denkt -ist deutlich zu spüren, Pilgern ist sein Leben - da ist er mit Herz und Seele dabei.

Es folgt unsere Schweigestunde:
Wir gehen miteinander schweigend durch schöne Wälder und denken über den Schlusssatz der Puncta, die Frage, die Fredy jedem von uns mitgegeben hat: " was kann ich besonders gut - wie und wo kann ich das einsetzen?

Die Schweigezeit wird an einer landschaftlich sehr reizvollen Anhöhe sanft beendet. Christl lächelt mir zu und ich denke an unsere erst gestern geschlossene, herzliche Freundschaft. Bis dahin dachte ich ganz anders über Christl - ich habe sie letztes Jahr beim Pilgern kennen gelernt. Gestern blieb sie auf einem Weg zwischen Wald und Wiese kurz vor mir stehen und




sah nach rechts in Richtung Wald. Ich wunderte mich darüber, blieb bei ihr stehen und sie zeigte mir zwei ungleiche Bäume, die ganz dicht zusammen gewachsen sind. "So verschieden und doch so nah beieinander. Christl machte davon ein Foto - wir kamen darüber ins Gespräch, philosophierten drauf los und gingen einige Zeit umarmt in ein sehr inniges Gespräch weiter. Gurken-Manfred und Paprika-Peter reichen uns mundgerecht zugeschnittene Gemüseköstlichkeiten bevor wir wieder weiter wandern.

An dieser Stelle vielen lieben Dank für ein unvergessliches "Grüß Gott" - unterwegs.

Zum Mittagessen auf einer Wiese setze ich mich zu meiner Freundin Beate. Schön, dass Günter auch da ist - wir genießen ein vorzügliches Mahl aus Vollkornbrot, Käse, Gurkenscheiben und etwas Fleisch aus der Dose. In der Gesellschaft von Beate und Günter kommt mir so ein Essen besser vor als das beste Feinschmecker-Menü im Nobelrestaurant.
Die Wiese vor uns ist voll von Leben, bei jedem Schritt springen 8 bis 12 Grashüpfer aus dem hohen Gras. Ich suche mir einen geeigneten Platz für ein kurzes Mittags- Nickerchen - Schmetterlinge, Mücken, Fliegen bewegen sich vor mir her und ich lege mich ein Stück entfernt von den Anderen - aber noch in Sichtweite in das Gras. Meine Augenlider fallen zu und ich bewege mich nur noch wenn ich an Armen, Beinen oder anderen Körperteilen von krabbelnden Tierchen gekitzelt werde. Ich höre Kuhglocken-Geläut, wie bei uns zuhause auf der Wiese nebenan. Es bimmelt ununterbrochen. Oh - ich bin wohl eingeschlafen, denn - das ist Peter, er läutet die Glocke - das Zeichen zum Schriftkreis (Bibel teilen) zu gehen.

Noch einmal ein kurzer etwas steiler Anstieg, der uns zum Schwitzen bringt. Fredy schlägt auf der Höhe "ein wenig Körperarbeit" vor. Hajos drohende Empfehlung des Buches "Mit Krücken durch Deutschland" ignoriert Fredy und beginnt mit - für mich - überraschend vielen Freiwilligen eine gegenseitige Massage im Kreis "Sommerregen, Hagel usw." - und das bei strahlendem Sonnenschein.

In Bad Soden gehen wir zuerst in die evangelische Kirche mit dem Namen Marienkirche und singen unsere Pilgerlieder. Rechts neben dem Altar fällt uns ein blauer, musizierender Engel auf, der uns freundlich anstrahlt. Diesen Engel und ein paar seiner Freunde, so erzählt mir Pfarrer Alfred Hocke hat er von einem Besuch in Krakau mitgebracht. Dort seien viele Engel überall in der Stadt verteilt - wir alle brauchen viele Engel, meint er. Das finde ich auch.

Meinen Schlafplatz habe ich in der Kirche, gleich neben der Orgel auf der Empore gefunden.
Und überall in der Kirche, wo wir ein wenig Platz finden können, machen wir uns wieder breit. Rollen Schlafsäcke aus, blasen Luftmatratzen auf und kramen in unseren Taschen herum. Es gibt sogar Engel, die besonders stark beanspruchten Füße massieren und balsamieren. Eine Wohltat.
Im Garten sorgt Pfarrer Hocke freundlich für unser leibliches Wohl und grillt wohlduftende Thüringer Bratwürste, für unseren Durst gibt es gute Getränke. Wir müssen eine Ausnahme machen und auf den Hochzeitstag von Lore und Hans-Werner ein Glas feierlich heben.

Am Abend sitzen wir in frohgestimmter Runde vor der Kirche auf Stufen und Bänken und singen von Christl mit Gitarre begleitet, die schönsten Pilgerlieder, die ich kenne.


Wir machen wohl einen gemütlichen, einladenden Eindruck, ein vorbeikommender Radfahrer gesellt sich zu uns und singt mit:
Pilger sind wir Menschen ...
Großer Gott, wir loben Dich ...
Meine Hoffnung und meine Freude ...
Geh - unter der Gnade (das höre ich heute zum ersten Mal -
es berührt mich - ich liebe dieses Lied schon beim ersten Hören.)

Und für unseren "Kreuz-Willi" - anlässlich der 1000 Pilgerkilometer:
Ich lobe meinen Gott ...
Unser Lied, dass schon Kult ist darf natürlich nicht fehlen,
Möge die Strasse uns zusammenführen ...


Mein neues liebstes Lied klingt mir noch in den Ohren, als ich mich zeitig in mein Nachtlager, neben der Orgel begebe. Morgen stehen wir früher auf als sonst, der letzte Tag unserer Pilgerwoche steht bevor.

Versorgungsteam Willi-Willi und Hubert-Willi im selbstlosen Einsatz für die GruppeMittagsschlafDer Gastgeber in Bad Sooden - Pfr. Hocke am Grill