Pilgern - Erfahrungsberichte

17.09.03 Mühlhausen - Kloster Volkenroda

von Heidrun Lambach

Morgens um 6:00 Uhr wurden wir von Martina geweckt. Ihre silberhelle Stimme zusammen mit der Gitarrenbegleitung erfüllte den Raum mit "ein neuer Tag beginnt und ich freue mich ……" Ich fühlte mich seltsam angerührt, auf diese Art und Weise geweckt zu werden; vielleicht rief es ganz tief in mir irgendwelche Kindheitserinnerungen wach, wer weiß; ich wäre sehr gerne noch länger in diesem Augenblick verweilt doch von allen Seiten entstand ganz schnell ungemütliche Aufbruchstimmung,. Da ein Zischen von einer Matratze aus, der die Luft abgelassen wurde, ein Geraschel und Geklapper - plötzlich fühlte ich mich wieder in die profane Realität zurückversetzt: Aufstehen, Zusammenpacken, einen Platz am Waschbecken ergattern; spätestens um 7:00 Uhr musste das Gepäck fertig gepackt sein, damit es von Reinhard mitgenommen und in unser nächstes Quartier gebracht werden kann; Tische und Stühle wieder an Ort und Stelle stellen, denn um 7:00 Uhr soll auch das gemeinsame Frühstück beginnen. Fleißige Hände hatten bereits Tee gekocht, Brot und Brötchen sowie die von uns mitgebrachte Marmelade, Wurst und Käse etc. auf den Tischen verteilt. Um 8:00 Uhr begann die Frühmesse, an der wir als Gruppe teilnahmen. Vorher wurde noch alles gespült, geputzt, gekehrt, besenrein verlassen; jeder war in irgendeiner Form eingebunden.

Die Messe schloss für uns als Pilger mit der Übergabe der Pilgerkreuze vorne im Altarraum, wo wir einen Kreis bildeten und jeder von uns sein Holzkreuz in Empfang nahm, das uns auf unserem gemeinsamen Weg die nächsten fünf Tage begleiten soll. Ein Kreuz, das, so wie die mit ausgehändigte Beschreibung sagt, einer Taube, einem Engel und einem Menschen ähnelt und sowohl ein runde glatte, als auch eine kantige und verletzte Seite hat. Ein Kreuz also voller Symbolkraft. Die Freude, über dieses Kreuz als Pilger miteinander verbunden zu sein, drückte sich noch einmal in dem gemeinsam gesungenen Lied aus: "Ich habe Freude in meinem Herzen ……." und verdrängte in mir ein Stück meine Irritation und Traurigkeit darüber, dass wir als katholische und evangelische Christen das während der Messe gefeierte Abendmahl nicht gemeinschaftlich begehen konnten.

Im Anschluss an die Messe war eine Stadtführung durch Mühlhausen geplant. Unsere Stadtführerin, wohl ein waschechtes Mühlhauser Original, führte uns mit viel Herz, Humor und kleinen Anekdoten durch Mühlhausens wunderbar sanierte und restaurierte Straßen, Gassen und Hinterhöfe, von der Unter- in die Oberstadt, zu einigen der zahlreichen Kirchen (insgesamt 11 in der Innenstadt). Mühlhausen hat ein nahezu komplett erhaltenes Stadtbild incl. Stadtmauer. Durch diese Einmaligkeit stehen bestimmte, v.a. sanierungsbedürftige Gebäude, neben dem Denkmalschutz, noch zusätzlich unter dem besonderen Schutz der UNESCO. Ich selbst fand mich in eine Art Ost-Nostalgie versetzt angesichts dieser atemberaubenden Kulisse.

Gegen 11:00 Uhr begann für uns als Pilgergruppe unser eigentlicher Weg, zunächst Richtung Görma, wo wir in der dortigen Dorfkirche unsere erste Pause einlegten und uns Heiko mit einem geistlichen Impuls für die kommende Schweigezeit vorbereitete. Zuvor wurden wir jedoch von dem dortigen Küster dieser Dorfkirche freudig in Empfang genommen, der uns "seine" ganz offensichtlich ans Herz gewachsene Kirche zeigte, Details erläuterte und uns sogar einlud, den Glockenturm zu besichtigen. Nach dieser freundlichen Begegnung und mit dem geistlichen Impuls ausgerüstet, pilgerten wir sodann schweigend auf unserem Weg weiter. Diese Schweigezeit empfand ich als sehr wohltuend und stärkend und spürte eine Art Geborgenheit, ganz bei mir sein zu können und dennoch gemeinschaftlich eingebunden zu sein.

Nach einiger Zeit erreichten wir Bollstedt und damit auch das Ende unserer Schweigezeit. Die dortige Küsterin hieß uns in der Dorfkirche willkommen und erzählte uns einiges zu der Geschichte der Kirche. Im Anschluss daran machten wir es uns auf der Wiese vor der Kirche bequem für unser allererstes Pilger-Mittagessen: Claus hatte alles mitgebracht: Brot, Wurst, Käse, Fisch, Gurken und Möhren und wir teilten es uns brüderlich und schwesterlich. Es war ein sehr kommunikatives Essen und vor allen Dingen, es schmeckte wunderbar. Nach dieser ausgiebigen Mittagspause mit anschließender Ruhephase, setzten wir unseren gemeinsamen Weg fort, kamen dabei immer mehr miteinander ins Gespräch. Der Weg führte uns über eine weite und ausgedehnte Hochebene



Richtung Körner und ließ uns unser erstes Tagesziel "Volkenroda" immer näher kommen. Das letzte Wegstück wurde mit dem Rosenkranzgebet zurückgelegt, das von Helmut angeleitet wurde. Ich ließ mich hinein nehmen in die für mich noch fremde und ungewohnte Gebetsart und fand dann aber für mich zusammen mit Atem und Schritten einen sehr stimmigen Rhythmus der mich wie "ein Stück getragen hat." Wunderbar fand ich die Fürbittengebete, die zwischen den Rosenkranzgebeten "gesammelt" bzw. benannt wurden und dann in dem gemeinschaftlichen Gebet einfließen konnten.

Kurz vor 18:00 Uhr, pünktlich zum Abendgebet erreichten wir Volkenroda. Wir wurden dort von Werner (Nachname ?), der einigen aus der Gruppe von früheren gemeinsamen Pilgerwegen vertraut war und jetzt in Volkenroda ehrenamtliche Aufgaben wahrnimmt und von Frau Köhler herzlich willkommen geheißen. Das Abendgebet fand in der alten Klosterkirche statt. Das alte Gemäuer dieser romanischen Kirche, bestehend aus sandsteinfarbenen Rundbögen wirkte freundlich und hell, nicht zuletzt auch deshalb, weil fehlendes Mauerwerk durch große, moderne Glasflächen ersetzt wurde, durch die an diesem Abend das warme Abendlicht strömte und eine wunderbare Atmosphäre verbreitete. Die Innengestaltung der Klosterkirche erschien schlicht einfach; im Altarraum wird der Blicke auf das Kruzifix gelenkt, der Leib des gekreuzigten Jesus ist ohne Arme und ohne Kopf dargestellt und wirkte auf mich - erschütternd. Vielleicht ist es ein Bild für Volkenroda, dieser Ort und seine Gebäude wurde ja auch erschüttert und diese, wie Frau Köhler sie nannte "durchgebeteten Steine" erleben jetzt eine neue Gestalt und einen neuen Glanz, eine wunderbare Verbindung von alten Steinen und modernen Materialen.

Die Abendandacht, ein sehr persönlich gehaltener Fürbittengottesdienst, wurde auch umrahmt von unseren Liedern als Pilger. Im Anschluß an die Andacht wurden wir an einen gedeckten Tisch geladen und mit einer köstlichen Gemüsesuppe verwöhnt. Nach dem langen Marsch war ich und ich denke wir alle so dankbar und glücklich für dieses warme, kräftigende und reichhaltige Mahlzeit.
Es war wunderbar, dass wir diese Nacht mit unseren Schlafsäcken nicht auf einer Luftmatratze sondern auf richtigen Matratzen in Doppelstockbetten übernachten durften. Und es gab sogar eine Dusche - wie sehr man diese Annehmlichkeiten doch dankbar schätzen lernt !

Um 20:00 Uhr traf sich unsere Gruppe im Christuspavillon. Auf der Expo in Hannover hatten mein Mann und ich keine Gelegenheit in das Pavillon zu gehen, um so mehr freute ich mich, jetzt, ganz in Ruhe das Gebäude auf mich wirken zu lassen. Es erwartete uns ein moderner, sakraler Raum, dessen Innenbereich von neun sehr hohen Stahlsäulen getragen wird. Die Außenwände sind mit weißem Marmor verkleidet und bestimmen, besonders bei Tageslicht die besondere Atmosphäre: eine Art Lichtspiel in der Marmorverglasung Der hohe, quadratische Bau ist zusätzlich von einem Kreuzgang umgeben, bestehend aus zahlreichen, nischenartigen Räumen, wovon jeder einzelne von Andreas Felger sehr farbenprächtig zu einem biblischen Thema künstlerisch gestaltet wurde. Der ganze Komplex greift somit die Form einer Klosteranlage auf und setzt sie auf moderne Weise um. Werner empfing uns an diesem Abend im Christuspavillon, zunächst mit einem feierlichen, sehr klangvollen, den ganzen Raum füllenden Musikstück. Ich war fasziniert von der unglaublichen Akustik und wir ließen uns davon verzaubern und mit hinein nehmen. Wir erfuhren, dass die Jesusbruderschaft, eine ökumenisch, offene , evangelische Lebensgemeinschaft mit Sitz in Gnadenthal bei Limburg diesen Ort seit einigen Jahren wieder aufbaut bzw. belebt in benediktinischer Tradition von Arbeit, Gebet und gemeinsamen Leben. Eine große Anzahl von sowohl öffentlichen Mitteln, als auch Sponsoren und Gönnern floss zur Finanzierung des Aufbaus von Volkenroda ein und wird auch weiterhin benötigt.
Nach der Weltausstellung fand die Expo-Kirche nun ihre neue Heimat in Volkenrode, dem ehemaligen Zisterzienserkloster, und vervollständigt jetzt die Klosteranlagen als ein Ort der Einkehr, des Gebets, der Verkündigung und der Gottesbegegnung.

Der Abend endete mit einer Andacht an diesem wunderbaren Ort, den ich als sehr feierlich, still und geborgen wahrnahm. Wir lauschten noch einmal den raumfüllenden Klängen des Taizé-Gesanges. Einer nach dem anderen verabschiedete sich still und andächtig von diesem Ort und begab sich wie verwandelt zu seiner Schlafstätte - Danke Gott für diesen wunderbaren, reich gefüllten Tag