Pilgern - Erfahrungsberichte

19.09.03 Struth - Großbartloff

von Martina Holtel

Heute Morgen wurden wir schon gegen halb sechs Uhr geweckt, etwas früher als gewohnt, denn die Nachtanbetung sollte um 6 Uhr beendet werden.
Während der Nachtanbetung ist es vorgekommen, dass der ein oder andere im Hintergrund ein Rascheln oder Knistern gehört hat. Welche ungewohnten Geräusche im Hintergrund, was konnte das sein? Die Lösung: Unsere "Kirchenmaus" Helga schlief in der Kirche...
Anschließend gab es ein leckeres Frühstück. Der Honig war besonders begehrt, er schmeckte vorzüglich. Ich ließ mir sagen, dass er von Klaus aus eigener Imkerei her stammt. Gut gemacht!
Um 8 Uhr nahmen wir am katholischen Gottesdienst in der St. Jacobi-Kirche teil. Die Gemeinde war ganz gut vertreten. Uwe machte mich drauf aufmerksam, dass die Männer getrennt von den Frauen oben in der Empore saßen. Das Lukasevangelium Lk 8,1-3 wurde gelesen. Dabei ging es um Frauen im Gefolge Jesu. Der Name Susanna fiel, eine Stelle in der Bibel, die ich noch nie wahrgenommen habe. "Susanna" in der Bibel war mit fremd.
Nach dem Gottesdienst brachen wir auf. Unser Pilgerweg führte uns an der Grenze des Eichsfeldes durch einen schönen Buchenwald mit schmalen Wegen, lichtdurchstrahlt. Ein Spinnennetz, zwischen zwei Bäumen gespannt, angestrahlt durch die Sonne, die Spinne im Netz lauernd, erfreute einige Pilger. Auch andere Tiere begleiteten unseren Weg immer wieder, bellende Hunde, Pferde, Gänse und eine Maus.
Am Waldesrand gab uns Johannes einen geistlichen Impuls. Die Bibelstelle Mt 5,13-16 "Ihr seid das Salz der Erde... Ihr seid das Licht der Welt." wurde beleuchtet. Diese ist als Zuspruch und Aufforderung zu verstehen. Wo ist der Lichtfunke in mir? Wo kann ich Salz und Licht in meiner Welt sein? Wie zeige ich mich?
Stelle ich eher mein Licht unterm Scheffel? Wie wirke ich in meiner Welt hinein? Das was mich reich macht, soll ich weitergeben. Da wo ich bin, ist Jesus Christus. Da wo ich bin, soll Gott spürbar werden.
Mit diesen Gedanken begann die Schweigezeit. Eine wichtige Zeit, die Möglichkeit mich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich auf den Weg zu machen. Es tut gut, in der Gemeinschaft zu schweigen, dabei zu gehen und in der Natur zu sein. Außerdem ist es auch wohltuend, nicht den ganzen Tag im Gespräch zu sein.
Die Schweigezeit wurde in der Kirche St. Sebastian in Bickenriede beendet. Wir wurden dort durch ein Orgelspiel empfangen, und Pfarrer Schröder begrüßte uns.
Weiter führte uns der Weg nach Anrode. Ein altes Zisterzienserkloster aus dem 13. Jahrhundert zeigte sich, jedoch ist es nicht mehr mit Leben gefüllt...
Unser Mittagsrastplatz waren die "drei Eichen", ein schöner Platz zum Essen und Ausruhen. Das nächste Ziel war die kath. Kirche St. Georg und St. Juliana in Küllstedt. Das ist die größte Kirche des Eichsfeldes. Auch hier wurden wir durch die Gemeinde begrüßt und empfangen.
Wir erfuhren, dass Annegret heute ihren 10. Tauftag hat. Helmut fand heraus, dass der Hl. Januarius ihr Jahresheiliger ist.
Von der Gemeine wurden wir mit Kaffee, Waffeln, Sahne und Schmalzbroten verwöhnt. Ich habe gelernt, dass man im Eichsfeld nicht von Waffeln, sondern von Eisenkuchen spricht.
Die Blicke einiger Pilger stellten fest, dass das Gemeindehaus allein bei den Damen über vier Waschbecken und zwei Duschen verfügt, eine luxuriöse Unterkunft für Pilger... Es ist interessant zu beobachten, wohin die Blicke der Pilger gerichtet sind: Nicht nur Toiletten, Duschen, Matratzen und Kaffee haben das Herz mancher Pilger höher schlagen lassen. Große Freude bereiteten auch die Früchte am Wegesrand. Da wir jedoch an diesem Tag viel durch den Wald gegangen sind, konnte nicht so viel geerntet werden.
Eigentlich finde ich es aber sehr wichtig an diesen Pilgertagen einfach zu leben. Passend in einem Roman lese ich: "Wenn man das Irdische begrenzt, macht man das Denken für das Geistige frei".
In Kühlstedt besuchten wir noch die "Eichsfelder Heimatstube". Dort hatte man einen Einblick, wie die Menschen früher gelebt haben. Altes Handwerkszeug wurde von den Bewohnern aus der Umgebung dort aufgestellt.
Unterwegs gab es noch eine kurze Zeit für den Schriftkreis zur Bibelstelle Mt 5.13-16. Auf die Bibelstelle abgestimmt beten wir den Rosenkranz mit folgenden Einschüben:
• Jesus, der unsere Lichtquelle ist.
• Jesus, der uns zum Leuchten bringt.
• Jesus, der uns unsere Aufgaben im Leben zeigt.
• Jesus, der uns das recht Maß finden läßt.
• Jesus, der uns die Kraft zum Helfen gibt .
Bei Großbartloff ist ein Abstieg zum "Lutherwasserfall" möglich. Die Sonne ist schon untergegangen.
In Großbartloff sind wir in einer alten Schule untergebracht, die jetzt als Sport-, Kultur-, Umweltzentrum dient. Dort wurden wir mit reichhaltigem Essen bedacht. Der Tag endete mit der Komplet um 21 Uhr.
So ganz konnte das Schweigen anschließend nicht eingehalten werden. Es wurden noch einige Anekdoten erzählt...

Martina Holtel