Pilgern - Erfahrungsberichte

21.07.03 Helmarshausen - Lippoldsberg

von Cornelia van Eickels

Bad KarlshafenBericht vom Montag, den 21.07.03
Helmarshausen - Lippoldsberg

Nach einer Gewitternacht unterm Dach des Schützensaals von Helmarshausen schickt uns Manfred in den Tag mit den Worten: "Ihr seid alle Originale." Bei mir tritt augenblicklich die Wirkung ein wie bei einer Medizin, die sofort ins Blut geht: ich darf, ich kann, ich soll darauf achten, dass ich die bin, die ich von Gott gedacht bin. Kein Vergleich! Ich bin verschieden, soll verschieden sein!
Unterwegs in der Punkta stellt uns Rolf die Geschichte vom blinden Bartimäus vor Augen und knüpft daran 3 Fragen: Welchen Ballast möchte ich abwerfen - was möchte ich einmal aussprechen. Nr. 3 ist mir entfallen. Die Schweigezeit ist sehr kurz heute und endet am Ortseingang von Bad Karlshafen. Gegenüber dem Hafenbecken, etwas am Hang gelegen, befindet sich die Stephanuskirche. Beim kurzen steilen Anstieg geraten wir ins Schwitzen, die Sonne zeigt sich wieder, die Luft ist feucht und warm.
Die Kirche ist von der modernen Art, die nicht spontan anziehend wirkt, aber es erwartet uns hier Frau Eggert, die eine Führung mit uns machen wird. So betreten wir langsam und gesammelt den Innenraum, erkunden ihn schweigend, und jeder sucht sich den Platz zum Verweilen, zu dem es ihn am meisten hinzieht. Mit einer unvermutet warmen Ausstrahlung umgibt uns der zeltförmige Raum. Jeder ist davon überrascht und berührt. Psalm 84: Wohl denen, die in deinem Hause wohnen." - jeder spricht die Zeilen mit, zu denen er die intensivste Beziehung verspürt, und das ergibt einen einmaligen Klangteppich. Frau Eggert erklärt, dass die Zeltform der Kirche ein Hinweis sei auf unser irdisches Pilgersein, auf die Hugenottenflüchtlinge, die in Karlshafen Aufnahme fanden und auf die Kirche als Zufluchtsstätte des Glaubens. ‚Wir betrachten das Bild "Die Steinigung des Stephanus". Gemeinsam kommen wir in den Prozess des Schau-lernens und machen uns so das Bild zu eigen. Die liebevolle und sensible Führung von Frau Eggert bringt jeden von uns zu sich selbst und zu einer sehr persönlichen Beziehung zur Stephanuskirche. Jeder stellt am Schluss eine brennende Kerze an seinen Ort im Kirchenraum.
Nach diesem Erlebnis bummeln wir am Hafen entlang zum Rathaus. Da gibt es einen Innenhof, den Rosengarten. Gelassen - erwartungsvoll sitzen wir Pilger in weißen Gartenstühlen, in Reihen hintereinander, als ob gleich das Kurorchester zu spielen begänne. Ich blinzele in den Himmel, unter dem hoch oben die Schwalben flitzen. Im Gras unter den Füßen glänzen noch Tropfen vom Gewitterregen in der Nacht. Nein, nicht Johann Strauß, sondern Fredy, frisch angekommen, stimmt uns mit einem Gottesdienst auf den weiteren Weg ein: "... auf dem Weg... danken für das Schöne... das Licht sehen in deinem Licht... Gott loben... erkennen, dass alles, was uns begegnet an Schönem und Schwierigem von ihm kommt... ." Ja, und mit geöffneten Augen und Herzen gehen wir an der Stephanuskirche vorbei aus Karlshafen heraus. Ein kleiner Anstieg nur und dann immer auf einer Höhe durch den Wald, mit immer neuen Ausblicken ins Land.
An einer Stelle, wo der Weg sich verbreitert, machen wir Mittagsrast. Hat noch jemand Gurken dabei? 2 Stück in Scheiben geschnitten reichen ganz schön lang hin. Der Himmel ist wieder bedeckt, die Erde nass. Zeckenzeit. Wie viel hast du? Ich hatte 5. Lass mal sehen! Iiii, schon wieder eine! Du musst sie sofort knacken.
Trotzdem wird es nach und nach still, Mann und Frau gibt sich der Ruhe hin. Nur Beate auf der Bank erklärt dem Günter unermüdlich, wie das Bibelteilen geht.
Nach Dehnen, Recken und Paulus 3, 14-21 geht es weiter. Von Helmarshausen bis Lippoldsberg sind es gemütliche 12 km. In dem Dörfchen Gewissenruh, dessen Häuser sich zu beiden Seiten der Straße hinziehen, finden wir eine kleine offene Kirche. Einladend brennen die Altarkerzen. Willi und Hubert grummeln besorgt, seit 1 Stunde wartet der Pfarrer auf uns, wir sind verspätet. Der Pfarrer Christian Trappe hat eine Art, von den Waldensern zu erzählen, die vor 300 Jahren als Flüchtlinge mit den Hugenotten aus Frankreich kamen, als ob es noch gar nicht so lange her wäre. Ich denke an die Flüchtlinge, die ich aus den 90er Jahren von der Asylarbeit her kenne und bete für sie. Herr, öffne unsere Zelte und Herzen! Im Weitergehen lese ich die französischen Namen auf den Fachwerkbalken; Chiout, Volle, u.s.w.
Durch die sanfthügelige Weserlandschaft führt der Weg uns singend und betend nach Lippoldsberg, unserem heutigen Ziel. Aber wir müssen noch übersetzen. Von der Fähre aus sehen wir Ele und Manfred Backhaus, wie sie sich mutig in die Weser vortasten. Drüben angekommen, habe ich auch nur ein Ziel: das Wasser zu spüren! Die Strömung ist stark, ich komme nicht dagegen an, auch Christel und Gerda nicht, Werner nicht, nicht mal Fredy. Man kann sich nur treiben lassen und in der nächsten Bucht an Land gehen. Das Wasser erfrischt und tut gut. -
Im Gemeindehaus hat eine gute Seele für uns Gemüsesuppe gekocht, an der wir uns laben. Im Garten kann man sich mit dem Schlauch abspritzen oder im Pfarrhaus duschen. Auf dem weitläufigen Rasen an der Klosterkirche gibt es noch eine Blitzlichtrunde mit der Tendenz: mir geht’s gut, ich habe geduscht! Manche wünschen sich mehr Stille, mehr Lieder oder einen achtsameren Umgang mit dem Schweigen. So klingt dieser Tag aus mit einer gemütlichen Runde vor dem Gemeindehaus oder dem Besuch des Konzerts in der Kirche. Ich sitze noch eine Weile am Weserufer und schaue in das Strömen des Wassers, bevor ich meinen Schlafplatz unter einem Baum in Kirchennähe aufsuche.

Waldenserdorf Gewissenruh''Blitzlichtrunde'' in Lippoldsberg