Pilgern - Erfahrungsberichte

20.09.03 Großbartloff - Hülfensberg

von Brunhilde Wallborn

Samstag 20.09.2003 - 4. Pilgertag

Großbartloff - Hülfensberg

Um 6.00 Uhr werden wir mit fröhlichen Liedern von Heidrun und Werner Lambach geweckt.
Wir haben in der ehemaligen Schule von Großbartloff übernachtet, mit Doppelstockbetten und Duschgelegenheiten.
Um 7.00 Uhr ist Morgengebet und Frühstück.

Mit dem Lied Nr. 61 "Kommt mit Gaben und Lobgesang" bilden wir eine heitere Gesangsrunde.
Helmut erklärt den Weg, es wird 3x den Berg hoch und runter gehen und dann sind wir schon da!
Es kann nicht weit sein, denn es ist ja ein Schnupperpilgerweg und die Strecke beträgt lt. Landstraße ca. 8 km.

Wir werden mit einem Super-Frühstück verwöhnt.
Schon heute am Ziel anzukommen, ein wenig Wehmut, sich von der Gruppe, die wie eine Großfamilie ist, zu trennen.

Unser Weg führt uns zunächst in die Kirche von Großbartloff. Dann geht der Weg über das Forsthaus von Wachstedt, direkt zum Klüschen Hagis.
Dort empfängt uns der Pfarrer von Wachstedt, und wir gehen in die kleine Wallfahrtskirche mit dem Lied "Ich will einziehn in sein Tor ...".
Wir bekommen hier die Geschichte dieses wunderschönen Ortes erläutert. Siehe Anlage 1.
Mich beeindruckt in dieser Kirche ( hier war ich schon oft ), die Figur der "Anna Selbdritt". Die hl. Anna war die Mutter der Gottesmutter Maria und die Großmutter von Jesus. Ich habe deshalb so einen Bezug dazu, weil ich auch Mutter, Großmutter und jüngstens Ur-Großmutter bin. Es ist schön, dass wir für alle, die uns anbefohlen sind, beten dürfen.

11.15 Uhr beginnen wir mit dem Taufgedächtnis-Gottesdienst. Mit Kreuz, Bibel, Kerze, Wasserschale und Blumenstrauß ziehen wir im Prozessionsgang, um Quellwasser zu schöpfen.

Inhalt für die Feier ist das Lied Nr. 9 "Ich mach Station am Weg, auf dem ich geh. Ich halte an, damit ich Freunde seh, die auf der gleichen Straße wie ich gehn...".
Wir versammeln uns im Kreis am Pilgerkreuz. Wir beten das Schuldbekenntnis Psalm 51 aus Nr. 167 und singen das Lob an Gott Nr. 71.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt es uns auch, den meditativen Tanz nach Nr. 31 "Hi-neh ma tow u-ma, na-im ...", auszuführen. Brigitte und ich hatten ihn im letzen Jahr auf unserem Pilgerweg kennen gelernt.

Dann ziehen wir mit Nr. 68 "Halleluja" in die Kirchen ein.

Pfr. Johannes gibt uns Anregungen zum Nachdenken:
Beim Pilgerweg nehmen wir auch die Unterschiede wahr. In der katholischen Kirche trugen die Priester wertvolle Messgewänder, deshalb trägt er auch heute seinen Talar.
Wir spüren wie unterschiedlich wir sind. Z.B. Rosenkranz, kath. Christen knien nieder und bekreuzigen sich. Unterschiedliche Glaubensweisheiten.


Bedeutung des Rosenkranzes.
Was macht Maria mit mir?
Wie kann ich das verantworten?
Kann ich in einer Kirche übernachten?
Es kann uns befruchten, es kann uns auch verwirren.
Abendmahl - Eucharistie.
Warum verschiedene Sichtweiten?
Der Schmerz geht durch unsere Gruppe.

Wir werden von Gott mit Licht beschenkt
Wir werden nie die ganze Welt erkennen!
Wir werden nie Gott ganz erkennen!
Christen führen Kriege untereinander, des Glaubens wegen.
Trotz dieser Verschiedenheiten haben wir eines gemeinsam, die Taufe.
Eine Gnadengabe Gottes. Erhat mich beim Namen gerufen. Gott geht in seiner grenzenlosen Liebe auf uns zu.

Wir beten den Psalm 18.
Um 12.00 Uhr hören wir das Geläut der kleinen Wallfahrtskirche. Dann kommt die Wassertaufe durch den Nachbarn. Anton taucht die Finger in die Schale und spricht zu mir:
Brunhilde, du bist getauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen.
Ich bin tief berührt, danke Gott für meine Taufe und für meine Eltern und Patin, die mich zur Taufe geführt haben.

Mit dem Lied Nr. 47 "Dank sei dir Vater für das ewge Leben...", wird der Taufgedächtnis-Gottesdienst beendet.

Nach diesem Höhepunkt, der alle sehr bewegt hat, ist Mittagspause.
Der Anstieg danach ist sehr steil und führt auf den Kamm des Westerwaldes. Der erste Ausblick ist das Martinfer-Fenster. Dann gehen wir bis zum Ershäuser-Fenster, um dort die Punkta zu haben.
Vikar Heiko erklärt uns Maria Heimsuchung. Maria geht zu ihrer Verwandten Elisabeth.
Jeder hat seinen eigenen Lebensweg. Wir haben nun ½ Stunde Zeit, über unseren Weg nachzudenken. Von der Kindheit, Ehe usw. und diesen in der Natur zu legen.

Ich knie zunächst in dem trockenen Laub und weiß erst einmal nichts mit mir anzufangen.
Dann sammele ich Knickholz, Steine und Grün und beginne. Am Ende stelle ich fest, dass einige Steine, größere und kleine auf diesem Weg liegen.
Das Grün erscheint aber immer wieder - Hoffnung, Glaube, Freude.
Brigitte und ich erklären uns gegenseitig unseren Lebensweg und sind tief berührt. Wenn ich in die Runde schaue, dann nicht nur wir!

16.45 Uhr gehen wir weiter. Wir erreichen das Großbartloffer-Fenster und sind unserem Ausgangspunkt von heute 8.00Uhr sehr nahe.
Unser Weg führt zu dem Schild Geismarer-Fenster. Bekannte hatten uns gesagt, dass es eine Abkürzung nach Geismar gibt. Wir erreichen den Aussichtspunkt und sind sehr angetan. Der Hülfensberg liegt uns direkt gegenüber. Die Sonne zeigt ihre letzten Strahlen, und uns bietet sich eine klare Fernsicht. Dazu läuten die Glocken der Dorf-Kirche den Sonntag ein.
Um Zeit zu sparen, nehmen wir den steilen Abstieg. Erst unterwegs merken wir, dass dies ein sehr gewagtes Unternehmen ist. Wir fangen uns von einem Baum zum nächsten Strauch, rutschen, stehen wieder auf und kommen, von unserem Schutzengel begleitet, alle heil unten an.
Ich war sicher nicht die Einzige, die ein Dankgebet an Gott gesprochen hat.

Wir erreichen sehr bald Geismar. Am Fuße des Hülfensberges bricht schon die Dämmerung an. Hier verabschieden wir unseren Vikar Heiko, der, genau wie Pfr. Johannes, eine große Bereicherung für unsere Pilgergruppe war.

Die letzte Hälfte des Aufstieges gehen wir in völliger Dunkelheit. Noch nie bin ich diesen Stationsweg ohne Zwischenrast gegangen. Ich schwanke, stütze mich immer wieder auf meinen Schirm-Stock, um nicht zu fallen. Bei den einzelnen Stationen spreche ich ein kurzes Gebet, und so erreiche ich den Waldparkplatz. Dort stehen Autos, um uns das letzte Weg-Stück abzunehmen. Das geht mir aber gegen die Pilgerehre, nicht bis zum Ziel zu Fuß anzukommen.
Auf dem Weg denke ich darüber nach, wie der Kreuzweg von Jesus war.
Vielleicht sollten wir eine derartige Erfahrung erleben!
Kurz vor der Bergspitze erklingen die Glocken der Wallfahrtskirche und laden uns als Pilgergruppe ein.

Mit dem Lied "Meine Hoffnung, meine Freude..." ziehen wir völlig erschöpft, aber mit einem großen Glücksgefühl in die Kirche ein.
Nach einer kurzen Rast und der Begrüßung durch Bruder Rolf, gehen wir in den Pilgersaal, um dort das Abendessen, das Martina, Klaus und Reinhard für uns zubereitet haben, zu genießen.

Erstaunlich, wie schnell wir uns wieder erholt hatten. Viele von uns unternahmen noch einen Spaziergang über den Berg, erlebten einen Sternenhimmel, wie ich glaube, noch nie einen gesehen zu haben. Der Blick vom Konrad-Martin-Kreuz, zeigt die umliegenden Orte bei Beleuchtung, und zur Krönung wird für uns noch das Kreuz beleuchtet.

So erlebnisreich kann nur ein Pilgertag sein, mit seiner Meditationsschleife und am Ende 24 km Fußweg.

Brunhilde Wallborn